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Brasilien Lulas väterliche dritte Amtszeit

 ·  Der brasilianische Präsident Lula darf bei den Wahlen Anfang Oktober nicht noch einmal antreten. Aber er hat eine Kronprinzessin gefunden: Dilma Rousseff. Lula nennt sie „meine Tochter“ und will ihr nach seinem Ausscheiden aus dem Amt politisch beistehen.

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Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat neulich vor laufender Kamera geweint. Aber es war keineswegs etwas Tragisches passiert. Er hatte sich lediglich bei dem Gespräch mit einem Fernsehsender vorgestellt, dass er bald sein Amt an einen Nachfolger abgeben muss, weil er nicht zum zweiten Mal in Folge wiedergewählt werden kann. Er weinte vor Rührung über sich selbst, über seine Leistungen und darüber, dass er bald nicht mehr an den Schalthebeln sitzen darf. Das Weinen in der Öffentlichkeit gehört in Brasilien zum politischen Geschäft. Niemand würde Lula als Schwächling bezeichnen, weil er die Tränen nicht zurückhalten kann. Ganz im Gegenteil: Mit offen zur Schau gestellten Gefühlsaufwallungen erhöht sich der Sympathiebonus des Politikers.

Die Kampagne zu den Wahlen Anfang Oktober in Brasilien ist voll in Gang. Die Kandidaten treten unaufhörlich in Fernsehdebatten auf oder diskutieren in Internet-Chats. Immer deutlicher wird dabei, dass zwar der Name der früheren Präsidentschaftsministerin Dilma Rousseff aus Lulas Arbeiterpartei (PT) auf dem Stimmzettel stehen mag, dass die meisten Kreuzchen an der entsprechenden Stelle aber nicht ihr, sondern Lula gelten werden. Er hat soeben mitgeteilt, dass er nach seinem Ausscheiden kein Amt in einer internationalen Institution anstreben, sondern seiner Kronprinzessin Dilma beistehen will, um seine erfolgreiche Wirtschafts- und Sozialpolitik fortzusetzen. In den Medien wird die mögliche Präsidentschaft Rousseffs deshalb schon der Einfachheit halber als Lulas „dritte Amtszeit“ bezeichnet.

Der massive Eingriff des Präsidenten in den Wahlkampf hat zur Folge, dass ein Sieg der vielen Brasilianern immer noch unbekannten, wenig charismatischen Dilma Rousseff gleich in erster Runde inzwischen nicht mehr ausgeschlossen scheint. Das liegt aber auch daran, dass der Herausforderer José Serra, der Kandidat der Oppositionspartei PSDB, bisher noch nicht zu zeigen vermochte, was er anders und vor allem besser als Lula machen will. Bei seinen Auftritten beschränkt er sich fast immer darauf, Politiker aus dem Regierungslager zu attackieren und ihnen die deftigen Korruptionsskandale der vergangenen Jahre oder den verbreiteten Klientelismus vorzuhalten.

Aber ihm ist es bislang nicht gelungen, Dilma Rousseff und schon gar nicht Lula mit den Affären in Verbindung zu bringen. Die dritte Präsidentschaftskandidatin, Marina Silva von den „Grünen“, versucht sich als Mitte zwischen Serra und Dilma zu verkaufen – und im übrigen als Lulas frühere Umweltministerin auch etwas von seinem Glanz zu erhaschen. In den Umfragen ist sie über acht Prozent der Stimmen bislang aber nicht hinausgekommen.

Lula nennt Dilma Rousseff „meine Tochter“ und „meine Präsidentin“

Das Dilemma der Oppositionspolitiker besteht darin, dass auch sie wie Lula sein wollen, dabei aber dessen Auserwählte besiegen müssen. Für Dilma Rousseff hatte sich der Präsident schon früh eingesetzt – und sich deshalb wegen verbotener Wahlpropaganda Geldbußen eingehandelt. Das politisch immer inniger gewordene Verhältnis zwischen den beiden spiegelt sich in Szenen, die einer Telenovela entnommen scheinen. Lula nennt „Dilma“ zärtlich „meine Tochter“, aber auch „meine Präsidentin“. Er wolle durch das Land reisen und nachsehen, ob irgendwo etwas noch etwas im Argen liegt, sagte Lula kürzlich.

„Und wenn ich irgendwo etwas finde, das nicht in Ordnung ist, greife ich zum Telefon, rufe meine Präsidentin an und sage zu ihr: ,Das solltest du anpacken, meine Tochter, weil ich das nicht hinbekommen habe.’“ Wie sich Lula die Zusammenarbeit mit seiner Musterschülerin in einer künftigen Regierung vorstellt, deutete er einstweilen nur in einer Replik auf den Verdacht an, dass er regelrecht mitzuregieren gedenke. „Regieren ist das falsche Wort, ich will die Wahlen gewinnen, um für mein Volk sorgen zu können“, sagte er nur.

Lulas Favoritin hat unterdessen damit begonnen, das Wahlvolk über ihre Vergangenheit als Guerrillera aufzuklären. Damit will sie der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen, falls deren Kandidat Serra ihren Einsatz als bewaffnete Aktivistin gegen sie zu verwenden trachtet. In einer Fernsehsendung versuchte Frau Rousseff zu erklären, dass sie damals in der Diktatur für Demokratie und Gerechtigkeit gekämpft habe. Sie gehörte zu der Guerrillagruppe „Bewaffnete Revolutionäre Vorhut Palmares“ (VAL-Palmares). Am 18. Juli 1969 war sie an einer Operation beteiligt, bei der die Guerrilla in das Haus der Geliebten des damaligen Gouverneurs von Rio de Janeiro, Adhemar Barros, einbrach und den Tresor entwendete. Dilma Rousseff war an dem Raubzug nicht direkt beteiligt, sie hat allerdings zusammen mit ihrem früheren Mann Carlos Franklin, mit dem sie eine Tochter hat, den Überfall koordiniert. Im Alter von 22 Jahren ist sie festgenommen und gefoltert worden.

Das rebellische Vorleben Rousseffs dürfte die Wahl kaum beeinflussen

Für die brasilianischen Wähler liegt das alles aber so tief in der Vergangenheit, dass das rebellische Vorleben der Kandidatin kaum Einfluss auf den Wahlausgang haben dürfte. Ebenso wenig wird im Wahlkampf über ihre Krebserkrankung gesprochen, die nach Auskunft der Ärzte vollständig geheilt sein soll. Frau Rousseff gibt freimütig zu, dass sie keine allzu große politische Karriere vorzuweisen hat, über keine parlamentarische Erfahrung verfügt und noch nie in ein politisches Amt gewählt wurde. Bevor sie Lulas rechte Hand im Präsidentschaftsministerium wurde, war sie Staatssekretärin für Finanzwesen und Energie im südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul und Ministerin für Bergbau und Energie. So kann sie immerhin sagen, sie habe „Regierungserfahrung“.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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