08.07.2010 · Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva plagen schwere Sorgen: Seine Kronprinzessin für das Präsidentenamt, Dilma Rousseff, liegt bei den Umfragen noch immer hinter dem Kandidaten der Opposition, Serra. Aber der „Lula-Bonus“ dürfte ihre Chancen erhöhen.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresSo hatte sich Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva seine neuerliche Afrikareise nicht vorgestellt. Eigentlich hatte er am kommenden Sonntag beim Fußball-Weltmeisterschaftsendspiel der siegreichen Mannschaft seines Landes zujubeln wollen. Nun musste er noch vor seinem Abflug das Ausscheiden der brasilianischen Elf zur Kenntnis nehmen.
„Sprachlos“ sei er gewesen, sagten Leute aus seiner Umgebung, die mit ihm zusammen am Fernseher das Spiel angesehen hatten, bei dem Holland Brasilien besiegte und aus dem Turnier warf. Noch lange sei Lula sitzen geblieben und habe versucht, zu verstehen, was da geschehen war, hieß es.
Ausbau der Handelsbeziehungen mit Afrika
Am Ende seiner Tournee, die ihn über die Kapverden, Äquatorialguinea, Kenia und Sambia nach Südafrika führt, will Lula trotz des frühen Ausscheidens der brasilianischen Mannschaft als Zuschauer dem Endspiel beiwohnen. Er wolle sich für die verbliebenen südamerikanischen Mannschaften einsetzen, bekundete er, doch zuletzt war nur noch Uruguay im Rennen. Dabei hatten es ausgerechnet die vier Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay bis ins Viertelfinale gebracht.
Auch wenn der Fußballnarr Lula „zutiefst traurig“ nach Afrika reist, hat er als Politiker gute Karten, um mit den Ländern des Kontinents ins Geschäft zu kommen. Im Vordergrund stehen die Zusammenarbeit bei der Erdölförderung und der Ausbau der Handelsbeziehungen zwischen dem prosperierenden Brasilien und den afrikanischen Ländern.
In Brasilien hat unterdessen unwiderruflich die Kampagne für die Wahlen Anfang Oktober begonnen. Lulas Kandidatin und frühere Präsidentschaftsministerin Dilma Rousseff von Lulas „Arbeiterpartei“ (PT) hat inzwischen gegenüber dem oppositionellen Kandidaten, dem früheren Gouverneur von São Paulo, aufgeholt und liegt in den Umfragen mit diesem gleichauf. Für kurze Zeit hatte sie den Präsidentschaftsbewerber der sozialdemokratischen Partei PSDB sogar überrundet. Das war vor etwas mehr als einer Woche, als Serra einen bizarren Streit um seinen Vizepräsidentschaftskandidaten ausfechten musste.
Bizarrer Streit um Vizepräsidentschaftskandidaten
Fast zwei Dutzend mögliche Bewerber standen zur Debatte, doch Serra konnte oder wollte sich nicht entscheiden. Oder er erhielt von ausersehenen Politikern Körbe, weil er sich nicht sicher war, ob er siegreich sein würde. Die PSDB schlug schließlich den Senator Alvaro Dias vor. Doch diese Empfehlung stieß auf den heftigen Widerstand der verbündeten konservativen „Demokraten“-Partei (Dem), die Serra unbedingt einen Stellvertreter aus ihren Reihen andienen wollte und entschlossen schien, an dieser Frage das Bündnis zerbrechen zu lassen. Wäre es tatsächlich zum Bruch gekommen, wären Serras Wahlchancen erheblich gesunken.
Zähneknirschend akzeptierte Serra schließlich den von der „Dem“ Auserkorenen: den in der Öffentlichkeit völlig unbekannten Abgeordneten Indio da Costa. Den 39 Jahre alten Politiker, der in der Stadtverwaltung von Rio de Janeiro einige Posten innehatte und seit 2007 im Abgeordnetenhaus in Brasília sitzt, hat Serra, wie es heißt, ein einziges Mal getroffen: bei einer 15 Minuten währenden Begegnung, als beide in einem Restaurant in Rio das WM-Spiel Brasilien gegen Nordkorea angesehen haben. Einflussreiche Partei-Anführer der „Dem“ sagten, Indio da Costa bringe frischen Wind in den Wahlkampf, was eine nur wenig verklausulierte Anspielung auf Serras Alter von 68 Jahren und seine bislang wenig inspirierte Kampagne war.
Bisher keine überzeugenden Alternativen zu Lulas Politik
Serra, der als Planungs- und Gesundheitsminister unter dem früheren Präsidenten Fernando Henrique Cardoso und später als Oberbürgermeister wie als Gouverneur São Paulos stets solide und tüchtig, doch immer auch etwas müde wirkte, hatte im Wahlkampf bisher keine überzeugenden Alternativen zu Lulas erfolgreicher Wirtschafts- und Sozialpolitik zu bieten. Er tritt für eine Stärkung des Wirtschaftswachstums ein, das seiner Meinung nach nur durch die Beseitigung von Schwachstellen in der Infrastruktur zu erreichen sei.
Im Grunde zielt sein Programm jedoch lediglich auf eine Weiterführung und Vertiefung der Politik Lulas. Nicht anders als bei der dritten Präsidentschaftsbewerberin, der Grünen-Politikerin und früheren Umweltministerin Marina Silva. Sie setzt den Akzent nur ein klein wenig anders und legt die Betonung auf das Wort „nachhaltig“.
Warum eine Kopie wählen
Viele Brasilianer fragen sich, warum sie eine Kopie wählen sollen, wenn es jemanden gibt, der das Original zu vertreten verspricht, auch wenn der Name Lula nicht mehr direkt auftaucht, weil Lula nach zwei Präsidentschafts-Perioden in Folge nicht mehr antreten kann. Dilma Rousseff setzt sich nicht nur für eine gradlinige Fortsetzung von Lulas Politik ein, sie hat in dem Präsidenten der Abgeordnetenkammer Michel Temer aus der mit der PT verbündeten Partei PMDB auch einen erfahreneren Stellvertreter-Anwärter als Serra. Rousseff hat allerdings immer noch mit dem Manko zu kämpfen, dass sie selbst vielen möglichen Wählern noch unbekannt ist.
Lula, der Dilma Rousseff schon früh als seine Kronprinzessin erkoren hat, nimmt sie schon seit langem zu seinen öffentlichen Terminen mit. Weil sie immer wieder auf den Fotos und in den Fernsehbildern an seiner Seite zu sehen ist, sollen sich manche seiner Landsleute schon gefragt haben, ob die Dame seine Gattin ist. Lulas Engagement für Dilma hat ihm allerdings etliche Rügen und auch Geldstrafen eingebracht, weil er unerlaubte Wahlwerbung für sie betrieben hat.
Rousseff profitiert vom Lula-Bonus
Die früher als „Schreckschraube“ gefürchtete Kandidatin des populären und immer versöhnlich wirkenden Lula hat nach ihrer - nach Versicherung der Ärzte völlig überwundenen - Krebserkrankung eine Wandlung zu einer verständigen Politikerin durchgemacht. Sie habe gelernt, Ratschläge zu befolgen und geduldig mit Gesprächspartnern zu sein, sagen Leute, die sie näher kennen. Und sie sei nun auch in der Lage, sich selbst als elegant und hübsch zu betrachten. Nach einer nicht ganz glücklich erscheinenden Schönheitsoperation haben jene Brasilianer, die sie früher als verbissen und streng wahrgenommen hatten, einige Zeit gebraucht, um sich an ihr neues Aussehen zu gewöhnen.
Lula war bislang eher noch diskret bei seinem Einsatz für seine Kandidatin. Er ist aber offensichtlich entschlossen, die Regierungs-Maschine in nächster Zeit voll in ihren Dienst zu stellen - allerdings nur „nach Dienstschluss“, also zwischen 18 und acht Uhr, wie er jetzt augenzwinkernd vermerkte. Mit dem Lula-Bonus dürften sich Dilma Rousseffs Chancen, Lula zu beerben, weiter verbessern.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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