22.04.2009 · In Frankreich hatten Arbeiter aus Protest gegen Werksschließungen abermals ihre Chefs als Geiseln genommen. Diesmal traf es Manager des Automobilzulieferers Molex Automotives nördlich von Toulouse. Das sogenannte „Bossnapping“ offenbart explosive Sozialbeziehungen.
Von Michaela Wiegel, ParisMarcus Kerriou durfte noch kurz seine Ehefrau anrufen und ihr sagen, dass er leider nicht zur Nacht nach Hause kommen werde. Das war am frühen Montagabend, seither befindet sich der 52 Jahre alte Manager des Autozulieferers Molex im beschaulichen Villemur-sur-Tarn im französischen Südwesten in der Gewalt seiner Mitarbeiter. Auch die Personalchefin, die 59 Jahre alte Coline Colboc, hat die Molex-Belegschaft festgesetzt. Die Molex-Mitarbeiter hoffen, dass die Freiheitsberaubung die Verhandlungsbereitschaft der beiden Führungskräfte steigert.
Der amerikanische Autozulieferer unweit von Toulouse hatte schon im Oktober 2008 angekündigt, das französische Werk im nächsten Juni schließen zu wollen. Seither scheiterten die Arbeitnehmervertreter bei ihrem Versuch, Einfluss auf den „Abwicklungsprozess“ zu nehmen.
Gewerkschafter verdächtigen die Werksleitung, mit gefälschten Zahlen über die Rentabilität die Schließung beschleunigt zu haben. 283 Beschäftigte arbeiten bei Molex in Villemur-sur-Tarn, 200 von ihnen stimmten bei einer Betriebsversammlung am Montag dem Vorschlag zu, die beiden Manager festzusetzen. „Die Geschäftsleitung will unsere Forderungen nicht anhören. Deshalb müssen wir zu härteren Methoden greifen“, sagt Thierry Bonhour von der Gewerkschaft „Force Ouvrière“.
Explosive Sozialbeziehungen
„Unsere Aktion ist sehr gut verlaufen“, sagt Pierre Bellegarde von der CGT-Gewerkschaft. Doch Kerriou und Frau Colboc weigerten sich zu verhandeln, solange sie festgehalten werden. Am Dienstagabend gaben die Gewerkschaftsvertreter nach: „Die beiden Manager werden frei gelassen, weil sie verhandeln wollen“, sagte Bellegarde. Kerriou erklärte nach seiner Freilassung, er sei erleichtert, aber erschöpft. Die Arbeiter buhten die Manager beim Verlassen des Fabrikgeländes aus.
Geiselnahmen wie die von Villemur-sur-Tarn sind Ausdruck für die explosiven Sozialbeziehungen in Frankreich. Weil der soziale Dialog zwischen Arbeitnehmern und Geschäftsführung schon in guten Zeiten stockt, gelingt es in vielen Unternehmen nicht, Konflikte über Entlassungspläne friedlich zu lösen. Das „Bossnapping“ ist oftmals der verzweifelte Aufschrei einer Belegschaft, die andernfalls ohne Stimme und Einfluss ist. Bei Firmen wie Caterpillar, Sony, 3M, FM Logistic, Scapa und dem Autozulieferer Faurecia haben die jüngsten „Geiselnahmen“ von Managern dazu geführt, dass neue Verhandlungen über die Entlassungspläne aufgenommen wurden.
„Wir lehnen Gewalt grundsätzlich ab“
Zugeständnisse wie höhere Abfindungen sind nicht selten. Beim Klebemittelhersteller Scapa beispielsweise wurden die Abfindungen von insgesamt 890.000 Euro auf 1,7 Millionen Euro fast verdoppelt. Bei Sony handelten die aufgebrachten Mitarbeiter mit den festgesetzten Managern eine Abfindung von 45.000 Euro für jeden entlassenen Beschäftigten aus. Strafverfahren wegen Freiheitsberaubung gibt es bislang nicht. Die freigelassenen Manager schrecken davor zurück, durch Klagen das soziale Klima von neuem zu verschlechtern.
Die Position der Gewerkschaften ist ambivalent. „Wir lehnen Gewalt grundsätzlich ab“, sagt etwa der CFDT-Vorsitzende Francois Chérèque. Aber er sieht in der „Brutalität der Entlassungspläne“ auch eine „Form der Gewalt“. Bernard Thibault von der einst kommunistischen CGT sagt, „unsere Gewerkschaft fördert Freiheitsberaubungen nicht“. Aber wenn es zu Freiheitsberaubungen komme, stehe die CGT hinter der Belegschaft.
Regierung hält sich zurück
Staatspräsident Sarkozy prangert zwar die „Gesetzwidrigkeit“ der Geiselnahmen an, schickt aber Polizeikräfte nur dann, wenn es ausdrücklich dem Wunsch der Geschäftsleitung entspricht. Für den stellvertretenden Direktor des Deutsch-Französischen Instituts, Henrik Uterwedde, erklärt sich die Zurückhaltung der Politik mit dem „ausgeprägten Gespür, auf das soziale Klima Rücksicht nehmen zu müssen“. In Frankreich gebe es anders als in Deutschland kein anderes Korrektiv gegenüber der Regierungs- und Präsidentenmacht als die Straße.
Das Bossnapping wird von 45 Prozent der Franzosen gebilligt. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut CSA ergab kürzlich, daß 56 Prozent der Arbeiter das Vorgehen gegen die Manager gutheißen. Sogar 40 Prozent der Selbstständigen und leitenden Angestellen akzeptieren Geiselnahmen als „soziale Kampfmaßnahmen“.
Für Professor Uterwedde ist das Bossnapping das Ergebnis einer nicht funktionierenden Sozialpartnerschaft. „Anders als in Deutschland gibt es keine eingeschliffenen Mechanismen, Verhandlungslösungen zwischen Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaften zu erzielen“, sagt Uterwedde. Frankreich blicke zudem auf eine in den Siebziger und Achtziger Jahren erprobte Erfahrung zurück, mit Gewalt Einfluss auf Unternehmensentscheidungen zu nehmen. Uterwedde glaubt, dass sich die Praxis des Bossnapping in den nächsten Monaten weiter entwickeln könne. Es sei nicht zu leugnen, dass die Krise über Frankreich mit großer Gewalt eingebrochen sei und zu einer gewissen Brutalität in den Sozialbeziehungen geführt habe.
Schon fordert der Vorsitzende der Konföderation der kleinen und mittleren Unternehmen CGMPE, Jean-Eudes du Mesnil, von der Staatsführung, der „Unternehmerhetze“ entgegenzuwirken. „Angesichts der vielen Geiselnahmen fühlen wir Unternehmensleiter uns von der Politik allein gelassen“, beklagte du Mesnil. Viele Unternehmer bereiten sich schon auf mögliche „lange Nächte“ vor, in dem sie vorsichtshalber Schlafsack und Waschutensilien im Büro lagern.
„Gefährliche Präzedenzfälle“
Selbst vor „großen Bossen“ macht die Wut der Beschäftigten nicht halt. So kesselten aufgebrachte Mitarbeiter des Luxusgüter- und Handelskonzerns PPR den Firmenchef Francois-Henri Pinault kürzlich eine Stunde in seinem Taxi ein. Pinault ist einer der reichsten Männer Frankreichs, verheiratet mit der Filmschauspielerin Salma Hayek. In seinem Taxi mußte er die Sprechchöre der Beschäftigten anhören: „Pinault, dreckiger Schuft“, bis ihn die Polizei befreite. Pinault will beim Buch- und Musikunternehmen Fnac und beim Einrichtungshaus Conforama 1200 Stellen streichen. Er hat sein Taxi-Erlebnis in der Öffentlichkeit nicht kommentiert.
Der Unternehmer Michel Meunier, der dem „Centre des jeunes dirigeants“, dem Zentrum für junge Führungskräfte angehört, versteht indessen die Revolte der Belegschaften. „Wenn man die ganzen Geschichten über die Millionenbonuszahlungen, die vergoldeten Abfindungen und so hört, fragt man sich, warum sich die Beschäftigten nicht schon viel früher aufgelehnt haben“, sagt Meunier. „Man kann diese Art von Revolte verurteilen, aber ich verstehe sie: wenn man seinen Arbeitsplatz verliert, dann ist man zu vielem fähig“, sagt er. „Die Wurzel des Problems liegt in der Dürftigkeit des sozialen Dialogs.“ Der Unternehmenschef von Siemens Frankreich, Philippe Carli, verurteilt hingegen die Geiselnahmen. „Das Schlimme ist, dass einige Politiker und Presseorgane vorgeben, die Geiselnahmen seien normal. Wenn man diese Gesetzwidrigkeiten akzeptiert, schafft man gefährliche Präzedenzfälle“, sagte Carli der linksgerichteten Zeitung „Libération“.
Die gescheiterte sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal hingegen sieht im „Bossnapping“ einen letzten Ausweg für Beschäftigte, „deren Interessen mit Füßen getreten und mit Missachtung gestraft werden“. Natürlich sei das Vorgehen illegal, sagte Frau Royal, aber es sei oftmals die einzige Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Der letzte Premierminister Chiracs, Dominique de Villepin, spricht gar von einer „vorrevolutionären Stimmung“. „Das Risiko einer Revolution ist reell“, sagte Villepin.