14.08.2011 · Für Bosniens Muslime sind Demokratie und Glaube kein Widerspruch. Die Trennung von Staat und Religion ist für sie seit mehr als hundert Jahren eine allgemein akzeptierte Tatsache.
Von Michael Martens, IstanbulDer Islam ist Teil der europäischen Zukunft und wird in den meisten Staaten der EU eine wachsende Rolle spielen. Nicht allein der numerische Einfluss muslimischer Minderheiten in fast allen EU-Staaten wächst. Die Diskussion darüber, wie sich diese Weltreligion mit ihren in Asien und Afrika gelegenen Gravitationszentren in Einklang bringen lässt mit jenen Vorstellungen vom Aufbau einer Gesellschaft, die in Europa seit einigen Jahrzehnten vorherrschen, wird immer wichtiger. Oft wird dabei die (einst) kemalistische Türkei als Vorbild oder gar Modell genannt, an deren Beispiel deutlich werde, dass auch ein Staat mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung sich eine demokratische Form geben und erhalten könne.
Doch abgesehen davon, dass die kemalistische Türkei alles andere als demokratisch war und die derzeitige Transformation des Landes unter Recep Tayyip Erdogan trotz aller Fortschritte ein Prozess mit ungewissem Ausgang ist, gibt es ein nicht nur geographisch näherliegendes, dabei ungleich überzeugenderes Beispiel dafür, dass Islam und Demokratie vereinbar sind. Wir finden es in Bosnien-Hercegovina, wo seit Jahrhunderten Muslime leben. Die Bosniaken, wie sie sich nennen, stellen die (relative) Mehrheit der Bevölkerung des Balkanstaates - und ihr Beispiel führt den Widersinn der Behauptung vor Augen, Islam und Demokratie seien immer und allenthalben Gegensätze. Gewiss liegt einiges im Argen in Bosnien, doch eines lässt sich nicht sagen: Dass dort radikale Muslime den Ton angäben. Trotz des Krieges von 1992 bis 1995, in dem die meisten der etwa 100.000 Todesopfer bosnische Muslime waren, käme kein maßgeblicher Wortführer der Bosniaken auf die Idee, einer Abschaffung der Demokratie zugunsten eines islamischen Gottesstaates das Wort zu reden.
Täte es doch jemand, hätte er nennenswerte Gefolgschaft nicht zu erwarten, im Gegenteil. Die große Mehrheit der bosnischen Muslime würde sich von ihm abwenden. Die Trennung von Staat und Religion ist für Bosniens Muslime seit mehr als hundert Jahren eine allgemein akzeptierte Tatsache. Sehr selten und keinesfalls mehrheitsfähig sind in Bosnien fundamentalistische Ansichten. Ausländische Beobachter haben, mal in lobender, meist aber wohl in geringschätzender Absicht, von einem bosnischen „Nachmittagsislam“ gesprochen.
Eine in der Welt einzigartige demokratische Struktur
Die liberale Auslegung hängt auch mit der einzigartigen Prägung und Verfasstheit des bosnischen Islam zusammen, der auf osmanische Wurzeln zurückgeht. Die Krieger des Sultans waren es, die ihn bei ihrer Eroberung des Landes im Jahr 1463 im Marschgepäck mitbrachten. In seiner heutigen Erscheinungsform ist der bosnische Islam aber nicht allein durch die mehr als vier Jahrhunderte währende „Türkenzeit“ geprägt, sondern wesentlich auch durch die kurze habsburgische Periode. Der Einfluss des Habsburgerreichs auf Bosnien währte zwar nur von 1878 bis 1918, aber diese vier Jahrzehnte hinterließen auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, ob nun in Verwaltung, Erziehung oder Architektur, prägende Spuren.
Auch der Islam in Bosnien erhielt in dieser Zeit eine in der Welt einzigartige demokratische Struktur. Warum diese Struktur entstand und was sie bis heute bewirkt, davon berichtet ein Buch mit dem Titel „Islam mit europäischem Gesicht“ (Butzon & Bercker, 2011): „Der Islam, der zwar Institutionen, aber keine den Kirchen vergleichbare Verfasstheit kennt, wurde in Bosnien-Hercegovina strukturell „verkirchlicht“. Er wurde damit, anders als im Osmanischen Reich, unabhängig vom Staat institutionalisiert und erhielt eine moderne, von Istanbul unabhängige Organisationsform, die für den Staat fortan als klar greifbares Gegenüber zur Verfügung stand. (...) An der Spitze stand fortan der Reisu-l-ulema (“Oberhaupt der Gelehrten“), der nach österreichischem Recht den Status eines Erzbischofs hatte.“ Die politische Absicht dahinter war leicht durchschaubar: Wien wollte durch die Schaffung von kirchenähnlichen Strukturen für den Islam in Bosnien verhindern, dass der Sultan aus Istanbul über seinen Einfluss auf die bosnischen Muslime in nunmehr habsburgische Belange hineinregiere. Dafür war in Bosnien ein Partner nötig, der im Namen der Muslime sprechen konnte. „Die Loslösung der Staatsmacht von der Religion“, heißt es dazu in dem Buch, „wirkte sich förderlich für beide aus.
Tatsächlich mit demokratischem Leben erfüllt
Der Islam in Europa wird unabhängig von der Autorität eines Sultans und Kalifen.“ Die damals geschaffene Struktur hat sich, mit Unterbrechungen im serbisch beherrschten ersten Jugoslawien, bis heute erhalten. Nach der 1997 zuletzt modifizierten Verfassung des bosnischen Islams beträgt die Amtszeit des Reisu-l-ulema sieben Jahre, wobei höchstens zwei Amtszeiten erlaubt sind. Es gibt ein Parlament mit 83 Mitgliedern sowie eine nach dem Territorialprinzip organisierte Ordnung bis hinunter zum Imam der Dorfmoschee. Die Organisationsform allein besagt zwar wenig, doch ist diese Struktur tatsächlich mit demokratischem Leben erfüllt.
Man sieht das auch in Deutschland und Österreich, wo Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien die zweitgrößte, und in der Schweiz, wo sie die größte Gruppe der Zuwanderer mit islamischem Religionshintergrund stellen. Der Münchner Religionswissenschaftler Jakob Wimmer stellt in einem Beitrag zu dem erwähnten Band fest, dass „der große Anteil bosnischstämmiger Muslime, im Unterschied zu jenen aus der Türkei, von der Mehrheitsgesellschaft kaum wahrgenommen wird“. Er zieht daraus den Schluss, dass Muslime mit bosnischen Wurzeln, just weil sie „keine Schlagzeilen in diesem Sinn produzieren“, unsere Hauptaufmerksamkeit verdienten.
Tatsächlich bietet der bosnische Islam für die europäische Diskussion über den Umgang mit und die Angst vor dieser Religion wichtige Anregungen. Nicht zuletzt deshalb, weil dahinter, anders als etwa in der Türkei, kein nationalistischer Staat steht. Es gibt auch keinen bosnischen Erdogan, der in Deutschland die Hallen füllt und Reden im Geiste eines vorgestrigen Nationalismus hält. Kurzum: Europa täte gut daran, bei der Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen des Islams genauer nach Bosnien zu blicken. In ein Land, in dem trotz aller Unzulänglichkeiten und trotz des hauptsächlich gegen Muslime gerichteten Vertreibungskriegs der neunziger Jahre (“Srebrenica“), Islam und Demokratie kein Widerspruch sind. Natürlich will auch der bosnische Islam Einfluss ausüben, und gerade der derzeitige Reisu-l-ulema Mustafa Ceric weiß genau, was Machtpolitik ist. Aber niemand in Sarajevo käme auf die Idee, die Scharia könnte ein bürgerliches Gesetzbuch ersetzen oder stünde darüber. Bosnien hat längst jenes demokratische Niveau erreicht, um das andere Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit noch lange ringen werden.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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