06.07.2009 · Die Rhetorik des mutmaßlichen neuen Ministerpräsidenten Bulgariens und Westernfilmliebhabers ähnelt durchaus der eines wortkargen Revolverhelden. Als Bürgermeister Sofias behielt der Karatetrainer seinen burschikosen Stil bei.
Von Michael MartensDer Bürgermeister Sofias hat viel zu tun, und so kann es vorkommen, dass Journalisten etwas warten müssen, bis sie zu einem vereinbarten Interview vorgelassen werden. Doch es ist alles andere als verlorene Zeit, eine Stunde im Vorzimmer von Bojko Borissow zu verbringen. Die Milieustudien, die sich in dieser Zeit betreiben lassen, sind äußerst kurzweilig. Wo kommen zum Beispiel die vielen starken Männer in Ledermänteln her, die, einander zur Begrüßung umarmend und auf die Wangen küssend, ein und aus gehen im Rathaus?
Wer dann vorgelassen wird, erlebt einen Mann, der noch breitere Schultern hat als die in seinem Vorzimmer. Und außerdem noch mehr starke Männer: Wenn er seine Einrichtung nicht geändert hat, hängt in Borissows Büro links vom Eingang noch immer ein Plakat des Kinofilms „Die glorreichen Sieben“.
Der Western ist der Lieblingsfilm des mutmaßlichen neuen Ministerpräsidenten Bulgariens, dessen Rhetorik der eines wortkargen Revolverhelden durchaus ähnelt. Als er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor drei Jahren gefragt wurde, was seine wichtigsten Vorhaben als Bürgermeister seien, antwortete er: „Was ich will, ist das eine. Was ich kann, das andere.“ Das war nicht etwa die Einleitung zu seiner Antwort. Es war die Antwort. An diese Losung hat er sich dann auch gehalten.
Borissow wurde am 13. Juni 1959 in einem Vorort von Sofia geboren. Sein Vater war Beamter im Innenministerium, und dorthin zog es auch den Sohn. An der Schule des Innenministeriums durchlief er eine Ausbildung als Feuerwehrmann, die er 1982 abschloss. Bis zum Zerfall des alten Regimes war er Zugführer bei der Sofioter Feuerwehr, nebenher Karatetrainer. 1991 gründete er eine private „Sicherheitsfirma“, die es noch gibt. Nicht verstummen wollen die Gerüchte, dass er in dieser Zeit auch Geschäfte mit Führern der Unterwelt tätigte.
Borissow bestreitet nicht, dass er viele halbseidene Größen kennt. Allerdings kenne er sie vom Kampfsport her, den sie ebenso betrieben wie er. Im September 2001 wurde Borissow vom damaligen Regierungschef Simeon Sakskoburggotski zum Hauptsekretär des Innenministeriums ernannt. Fortan machte er sich durch telegenen Aktionismus als oberster Mafiabekämpfer einen Namen. Nachweisbare Erfolge blieben zwar rar, doch den Bulgaren gefiel der burschikose Stil des Mannes.
Als im Oktober 2005 vorzeitig ein neuer Bürgermeister Sofias gewählt werden musste, weil der Amtsinhaber Stefan Sofijanski in (bis heute nicht bewiesene) Korruptionsvorwürfe verstrickt war, wagte Borissow den Sprung in die große Politik. Er kandidierte als Unabhängiger gegen die Bewerber der etablierten Parteien und gewann souverän. Im Dezember 2006 folgte die Gründung von Borissows Partei „Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens“ (Gerb).
Da er als Bürgermeister laut Gesetz nicht auch Parteichef sein durfte, ernannte Borissow einen loyalen Gefolgsmann aus dem Innenministerium zum Vorsitzenden von Gerb. Es herrschte jedoch nie Zweifel daran, dass Borissow der eigentlich mächtige Mann der Partei war. Seit Sonntag weniger denn je.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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