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Blairs Abschied Chronik eines angekündigten Rücktritts

02.05.2007 ·  Er ist so lange im Amt wie kaum ein britischer Premierminister zuvor. Das Desaster im Irak hat ihn um seine Beliebtheit gebracht. Nun hat Tony Blair angekündigt, in der kommenden Woche Klarheit über seinen erwarteten Rücktritt zu schaffen. Von Gina Thomas.

Von Gina Thomas, London
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Die Handwerker sind schon zugange in dem georgianischen Reihenhaus, das die Familie Blair wohl schon in den nächsten Wochen beziehen wird. Denn länger als bis zum Juli dürfte der Premierminister seinen langen Abschied von der Macht nicht mehr hinauszögern können.

Zum zehnten Jahrestag seines Amtsantritts hat der britische Premierminister Tony Blair nun am Dienstag die lang erwartete Erklärung über seinen Rücktritt für die kommende Woche angekündigt. „Ich werde meine Position in der kommenden Woche klar machen und dann etwas Definitives sagen“, sagte Blair in einem Fernsehinterview.

Zugleich verdeutlichte Blair, dass er Schatzkanzler Gordon Brown der Labour-Partei offiziell als seinen Nachfolger empfehlen wird. Der aus Schottland stammende Brown wäre „ein großartiger Premierminister.“ Später erklärte der sichtlich gut gelaunte Blair bei einer Veranstaltung zu seinem zehnten Dienstjubiläum mit Angestellten der Labour-Zentrale in London, in absehbarer Zeit werde „mit aller Wahrscheinlichkeit“ ein Schotte Premierminister Großbritanniens sein.

Überhitztes Klima in Westminister

Über den Zeitpunkt von Blairs Ankündigung über seinen Rückzug war in den vergangenen Tagen viel spekuliert worden. Das Augenmerk hatte sich dabei auf die Tage unmittelbar nach den Wahlen für das schottische Parlament, die walisische Versammlung und verschiedene Kommunalverwaltungen am 3. Mai gerichtet. Ihnen sieht die Regierung voll Bangen entgegen, schließlich ist die Labour Party nach den allerjüngsten Umfragen mit 27 Prozent auf ihren niedrigsten Stand seit 1983 zurückgefallen.

Gerade deswegen wurde bisher auf eine Rücktrittsankündigung vor dem Wahltag getippt. Hinter dieser Mutmaßung steckte auch das Kalkül, dass die Meldung jene Wähler umstimmen könnte, die nicht mehr viel von Tony Blair halten.

Es ist ein Indiz für das überhitzte Klima in Westminister, dass nicht nur die Ohren gespitzt werden, um das Gras wachsen zu hören, sondern jeder Eventualfall in allen Varianten durchgekaut wird - und das schon seit 2003, als die Spekulationen über Blairs vorzeitiges Ausscheiden begannen. In der Intrigenküche von Downing Street, wo die taktierenden Lager des Premierministers und seines nach dem höchsten politischen Amt trachtenden Schatzkanzlers Gordon Brown die Spannungen stets mit Indiskretionen schürten, haben die Spekulationen eine derartige Eigendynamik bekommen, dass sie zweifellos Blairs Schicksal mitbesiegelt haben.

Früh gesätes Unglück

Das Gerede über sein vorzeitiges Gehen wurzelt in jenem Pakt, den Blair und Brown im Mai 1994 geschlossen haben. Brown ließ dem telegeneren Blair damals freie Bahn bei dem Rennen um die Parteiführung und sicherte sich im Gegenzug neben der Autonomie in Wirtschafts-, Finanz- und Sozialfragen die Zusage, dass Blair den Posten rechtzeitig räumen würde, um dem Rivalen eine Zeit am Staatsruder zu gewähren. Damit säte Blair sein Unglück - ohne Not, wie man heute weiß.

Keiner zweifelt daran, dass der Pragmatiker mit seinem Charme, seiner Überzeugungskraft und seinem rhetorischen Geschick den mürrisch wirkenden Prinzipienreiter Brown auch bei einem offenen Rennen um die Parteiführung besiegt hätte. Stattdessen musste er nicht nur ertragen, wie der Schatzkanzler seine Autonomie dahin gehend ausnutzte, dass der Premierminister geradezu betteln musste, um zu erfahren, was der nächste Haushaltsplan enthielt, sondern auch, dass Brown nach Blairs zweitem Wahlsieg schon bald auf den Augenblick lauerte, da er seine Schulden einfordern konnte.

„Tektonische Verschiebungen“

Im Herbst 2003 riss Browns Geduld. Mit der Rückbesinnung auf die alten Labour-Werte distanzierte sich der grollende Schatzkanzler beim Parteitag eindeutig von den New-Labour-Idealen, die Blair zur Parteilinie erklärt hatte. Nach dieser kaum verhohlenen Herausforderung seines Erzrivalen blieb zwar die Palastrevolte aus, aber die Gereiztheiten und Kabalen schwärten unvermindert weiter.

Im Mai 2004 ließ der stellvertretende Premierminister John Prescott die Beobachter mit einer Bemerkung über „tektonische Verschiebungen“ hellhörig werden. Seine Worte wurden als Signal eines immanenten Wechsels von Blair zu Brown aufgefasst. Andere Indizien, wie etwa der Kauf des Hauses am Hyde Park im Oktober 2004, schienen darauf zu deuten, dass Blair sich mit neuen Zukunftsplänen trage.

Aus dem enormen Preis der Immobilie, der das Einkommen der Blairs weit überstieg, wurde geschlossen, die Hypothek sei womöglich mit künftigen Erträgen gesichert. Bedeutete dies, dass der Premierminister schon eine neue Stellung in Aussicht oder mit dem Verleger Rupert Murdoch einen lukrativen Vertrag für die Erinnerungen abgeschlossen hatte? Familiäre Umstände, welche die Medien mit ungewohnter Diskretion verschwiegen, hatten Blair im Frühjahr scheinbar an den Rand des Rücktritts gebracht.

Ohnmächtig wie Shakespeares König Lear

Gestärkt durch einige loyale Minister, die Cherie Blair mobilisiert haben soll, und angespornt, wie viele unterstellen, von der Hoffnung, die Übergabe an Brown doch noch vereiteln zu können, fasste der Premierminister ungeachtet des sich in der Partei breitmachenden Verdrusses wieder neuen Mut. Einige Monate vor der Wahl von 2005 hoffte er dem Geraune ein Ende zu setzen mit der Ankündigung, kein viertes Mal antreten zu wollen. Das notgedrungene Zugeständnis an Brown, den er brüskiert hatte, indem er wieder einmal eine Abmachung über seine Rücktrittsabsichten gebrochen hatte, war der Versuch, sich Zeit zu kaufen. Aber es nützte nichts.

Kaum hatte er die für Labour einmalige Leistung vollbracht, drei Legislaturperioden hintereinander zu erringen, begannen die verschwörerischen Umtriebe mit verstärkter Kraft von neuem. Vergeblich verwies Blair darauf, dass er soeben ein frisches Mandat erhalten habe. Am 8. September vergangenen Jahres gab er schließlich dem Druck aus den eigenen Reihen nach.

Vor dem Hintergrund des schlechten Abschneidens Labours in den Umfragen und des Erstarkens der unter der Führung David Camerons neu belebten Konservativen Partei drängten die nur mit knapper Mehrheit gewählten Abgeordneten auf einen Wechsel. Blair verkündete, dass er innerhalb eines Jahres gehen würde. Von dem Moment an war er so ohnmächtig wie Shakespeares König Lear, der sein Reich an seine Töchter verschenkte, ohne zu ahnen, dass er damit auch die Autorität aus der Hand gab.

Bewertung nach dem Irak-Abenteuer

Blair hat viele Rekorde aufgestellt. Er war der jüngste Premierminister seit Lord Liverpool im Jahre 1812, und er erhielt 1997 die größte Mehrheit der Sitze im Unterhaus seit 1935. Er zählt zu den ganz wenigen Premierministern, die zehn Jahre im Amt ausgehalten haben. Ohne Beispiel in der britischen Politik, wo Wechsel sich in der Regel über Nacht vollziehen und der neue Amtsinhaber bereits an der Schwelle von 10, Downing Street umjubelt wird, während die Möbel seines Vorgängers noch durch die Hintertür getragen werden, ist aber auch der hinausgezögerte Abschied.

Schon immer neigte Blair dazu, ständig neue Initiativen zu lancieren, um entschlossenes Handeln vorzutäuschen. In den letzten Monaten hat er die hektische Aktivität derer entfaltet, denen die Zeit entrinnt. Doch viele der groß angekündigten Projekte, sei es die Reform des Oberhauses, des Bildungswesens, des Gesundheitsdienstes, sind unerledigtes Geschäft geblieben. Ein Premierminister, der mit einem innenpolitischen Programm angetreten ist, wird deshalb bei seinem Abgang vor allem nach dem gemeinhin als Desaster empfundenen Irak-Abenteuer bewertet.

Der letzte Vorhang

Ein enger Berater hat Blair empfohlen, seinen Abschied wie ein Star zu inszenieren, der seinen Fans die letzte Zugabe versagt. Tony Blair hat sich genau an diesen Rat gehalten. Für Ende Mai steht ein Essen mit führenden Vertretern der europäischen Medien in Downing Street an, und Blair ist entschlossen, am 21. Juni auf dem Brüsseler Gipfel etwas von den Versprechen einer neuen Europa-Politik einzulösen, mit denen er einst angetreten ist. Über alledem hängt jedoch der Schatten des Iraks und eines möglichen Strafverfahrens in Zusammenhang mit dem „Verkauf“ von Adelstiteln an Parteispender.

Beim Schlagwort Tony Blair erklingt unweigerlich die Melodie von Frank Sinatras wehmütigem Abschiedslied „My Way“ im Ohr: „Mein Freund“, meint man in der deutschen Fassung singen zu hören, „einmal, da fällt doch auch für dich der letzte Vorhang.“ Tony Blair scheint es bis heute nicht wahrhaben zu wollen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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