20.11.2006 · Markige Durchhalteparolen hatte Tony Blair bei seiner überraschenden Stippvisite in Afghanistan im Gepäck. Erstmals seit fünf Jahren hat der Premierminister die englischen Truppen wieder in der unruhigen Provinz Helmand besucht.
Der Kampf gegen den radikal-islamischen Aufstand in Südafghanistan ist nach Ansicht des britischen Premierministers Tony Blair entscheidend für die künftige globale Sicherheitslage. „Hier, in diesem außergewöhnlichen Stück Wüste, wird die Zukunft der Weltsicherheit im frühen 21. Jahrhundert entschieden“, sagte Blair am Montag bei einem Truppenbesuch in der unruhigen Provinz Helmand, wo die Mehrzahl der Briten stationiert ist. „Wir wissen, daß der einzige Weg zur Friedenssicherung manchmal die Bereitschaft ist, dafür zu kämpfen.“ Man werde „so lange wie notwendig“ in Afghanistan bleiben.
Nach einem Treffen mit Präsident Hamid Karzai in Kabul sagte Blair Afghanistan auch im Namen der Internationalen Gemeinschaft langfristige Unterstützung zu. Afghanistan dürfe nicht wieder ein Zufluchtsort „für Terroristen und Taliban“ werden, betonte Blair, der Afghanistan zum ersten Mal seit knapp fünf Jahren besuchte. „Wir müssen für unsere eigene Sicherheit, nicht nur für die des afghanischen Volkes, engagiert bleiben, so lange das notwendig ist.“ Karzai sagte: „Die Internationale Gemeinschaft wird sicher an unserer Seite bleiben, bis wir fest auf unseren eigenen Füßen stehen.“
„Es geht im Land wieder voran“
Die Sicherheitslage in Afghanistan ist so schlecht wie nie seit dem Sturz der Taliban vor fünf Jahren. Trotzdem äußerte sich Blair verhalten optimistisch. „Es gibt das Gefühl, daß es im Land wieder vorangeht.“ Blair hatte bereits am Sonntag in Islamabad betont, seine Regierung werde das militärische Engagement in Afghanistan trotz schwerer Verluste im Süden nicht verringern. Die Bundesregierung lehnt eine dauerhafte Verlagerung deutscher Soldaten zu Kampfeinsätzen im Süden ab, obwohl die Nato zunehmend darauf dringt. Blairs Besuch in Afghanistan war aus Sicherheitsgründen nicht angekündigt worden.
Seit Jahresbeginn sind in Afghanistan 36 britische Soldaten gestorben, fast alle davon im Süden. Der Aufstand kostete in diesem Jahr bislang mehr als 3700 Menschen das Leben - vier mal so vielen wie im gesamten vergangenen Jahr. Mit mehr als 5000 Soldaten ist Großbritannien nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Truppensteller in der Internationalen Schutztruppe Isaf, gefolgt von Deutschland mit rund 2900 Soldaten. Die Bundeswehr ist vor allem im verhältnismäßig ruhigen Norden und in Kabul eingesetzt.
Langer Kampf gegen Opiumhandel
Zum alarmierend zunehmenden Schlafmohnanbau und Drogenhandel in Afghanistan sagte Blair, das sei „eine große, große Herausforderung“. Großbritannien hat im Kampf gegen den Drogenanbau in Afghanistan die internationale Führungsrolle. Afghanistan ist der weltweit größte Produzent von Rohopium, dem Grundstoff für Heroin. Karzai sagte, es sei naiv gewesen zu glauben, daß das Problem in ein oder zwei Jahren hätte gelöst werden können. „Das ist ein langfristiger Kampf.“
Trotz wachsenden Drucks aus der Nato und den Vereinigten Staaten lehnt die Bundesregierung eine dauerhafte Verlegung deutscher Soldaten zu Kampfeinsätzen im Süden Afghanistans weiterhin strikt ab. Deutschland werde auch künftig nur in Notlagen im Rahmen des bestehenden Bundestagsmandats die Verbündeten in der umkämpften Region unterstützen, stellte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ klar. Ein hoher Beamter des amerikanischen Verteidigungsministeriums forderte dagegen, Berlin müsse „einen Schritt weiter“ gehen.