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Sebastian Kurz : Anti-Establishment und Establishment zugleich

Versteht laut den Autorinnen der Biographie auch das „klassische Handwerk der Politik-Intrige“: Österreichs zukünftiger Bundeskanzler Sebastian Kurz. Bild: BRUNA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Es war „Mister Positiv“ und der „starke Mann“ der Christdemokraten in Österreich. Bald wird Sebastian Kurz dort Bundeskanzler sein. Eine Biographie hinterfragt seinen umstrittenen Weg an die Macht.

          Die Koalitionsverhandlungen in Österreich neigen sich dem Abschluss entgegen, und es gibt kaum mehr einen Zweifel daran, dass Sebastian Kurz in Wien der nächste Bundeskanzler wird. Mit erst 31 Jahren würde der Vorsitzende der christdemokratischen ÖVP der jüngste Regierungschef sein, so weit das Auge reicht. Ein Buch darf daher auf Aufmerksamkeit hoffen, das seinen bisherigen Werdegang nachzeichnet. Rechtzeitig verfasst haben es Nina Horaczek und Barbara Tóth, die aus eigener Anschauung schöpfen können. Denn als Journalistinnen der links-alternativen Wiener Wochenzeitung „Falter“ haben sie den Werdegang ihres Protagonisten intensiv beobachtet, besonders in den vergangenen Monaten.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Sie können allerdings nicht aus Gesprächen mit Kurz schöpfen, die eigens für dieses Buch geführt worden wären. Dafür stand er nicht zur Verfügung. Es handelt sich auch nicht um eine „autorisierte Biographie“. Das ist ein Nachteil und zugleich ein Vorzug. So fehlt vielleicht die eine oder andere interessante Auskunft. Es ist jedoch kein Jubelbuch, wie es über den Sozialdemokraten Christian Kern während des Wahlkampfes erschienen ist. Eher im Gegenteil.

          „Mister Positiv“ und „starker Mann“

          Horaczek und Tóth porträtieren Kurz als einen Kontrollfreak, der an seiner Außendarstellung nichts dem Zufall überlasse, aber inhaltlich ziemlich beliebig sei. Seine politische Agenda „war schon immer utilitaristisch und für die eigene Positionierung maximal ausbeutbar“. Als Chef der Jungen ÖVP sei er der „freche Hofnarr“ gewesen, der die verkrusteten Strukturen der Partei aufbrach. Danach, im Alter von erst 24 Jahren, war er als Integrationsstaatssekretär der „Mister Positiv“, der als Erster bei den Konservativen dieses Thema positiv besetzt habe. Mit 27 Jahren als Außenminister war er der „starke Mann“ in Sachen Migration gegen den heimischen Bundeskanzler, aber auch gegen die Kanzlerin des großen Nachbarn Deutschland. Als Parteichef und Wahlkämpfer habe er alle Rollen zu einer neuen verdichtet: ein „politischer Führer, der Anti-Establishment und Establishment zugleich“ sei.

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          Die Beobachtungen sind nicht aus der Luft gegriffen, und die Analyse ist erhellend. Das heißt aber nicht, dass das die einzig mögliche Lesart wäre. Kurz hat beim Thema Integration und Einwanderung seinen Zungenschlag zweifellos geändert. Das muss man aber nicht mit kaltem Opportunismus erklären. Es kann auch eine nachvollziehbare Anpassung an die Umstände und Zeitläufte sein, die nicht zuletzt der Information und dem Rat geschuldet ist, die ihm in einem neuen Amt zur Verfügung stehen.

          Wenn es um die Macht geht, wird es spannend

          Man kann ihm in der Grundhaltung durchaus bescheinigen, dass er sich treu geblieben ist. Auch der „Mister Positiv“ hatte an die Leistungsbereitschaft der zu Integrierenden appelliert. Und wenn man genau hingehört hat, ist auch der „starke Mann“ für eine kontrollierte Einwanderung und für die Aufnahme von Flüchtlingen offen geblieben; was er forderte, war „null illegale Migration“. Zutreffend ist, dass er und seine Berater sehr sorgfältig und zweckbestimmt das Bild malen und dessen Beleuchtung so weit wie möglich zu kontrollieren versuchen.

          Die meisten Menschen, denen in so jungen Jahren ein biographisches Buch gewidmet wird, sind Fußballspieler. Das, was eigentlich eine Lebensbeschreibung ausmacht, die prägenden Ereignisse, Brüche, Wandlungen, Erfolge und Misserfolge, ist jenseits des Rasens ziemlich dünn. Anders kann es auch bei Kurz nicht sein, so viel er auf seinem eigenen politischen Spielfeld in so kurzer Zeit erlebt hat. Seine Herkunft als Sohn eines Ingenieurs und einer Lehrerin aus einem mittelständisch-bürgerlichen Milieu samt Großmutter vom Bauernhof wird etwas sehr ausgewalzt. Die Zeit in der Parteijugend, was bei einem sechzigjährigen Politiker vielleicht einen Absatz in der Biographie ausmachen würde, nimmt bei Kurz naturgemäß einen weiten Raum ein. Immerhin arbeiten die Autorinnen anschaulich heraus, wie er sich die JVP, die sonst eher eine Spielwiese für Jungpolitiker ist, systematisch zu seiner Machtbasis ausgebaut hat.

          Spannend wird es dann da, wo es um seinen sorgfältig orchestrierten Griff nach der Macht in der Partei und dann im Land geht. „In dieser Phase zeigte Kurz, dass er es nicht nur blendend verstand, Themen in seinem Sinne zu verkaufen, sondern dass er auch das klassische Handwerk der Politik-Intrige versteht.“ Es ist eine gute Zusammenschau. In der Sache wird Zeitunglesern vieles bekannt vorkommen. Die Bewertungen sind kritisch, aber nicht mit solchem Hass erfüllt, wie er den Chefkommentatoren im „Falter“ bisweilen reflexhaft beim Namen Kurz in die Tastatur zu fallen scheint.

          Nina Horaczek/Barbara Tóth: Sebastian Kurz. Österreichs neues Wunderkind? Residenz Verlag, Salzburg – Wien, 2017. 128 Seiten, 18 Euro.

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