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„Bildungsfieber“ in Korea Kinder, wollt ihr ewig lernen?

 ·  In Südkorea blühen private Nachmittagsschulen / Von Michael Radunski

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Harvard - für viele sind diese Buchstaben der Inbegriff von Wissen und Weisheit. Für die acht Jahre alte Koreanerin Min-Hae sind sie Versprechen und Last zugleich. „Es ist sehr anstrengend, aber ich will was lernen“, sagt sie. Ihr „Harvard“ liegt nicht in Boston, sondern im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Es hat, anders als die amerikanische Eliteuniversität, auch keinen weitläufigen Campus. Es liegt im Bezirk Yongsan, direkt an einer vierspurigen Straße. Die Abgase haben die Fassade des zweistöckigen Häuserblocks mit einem grauen Schleier überzogen, an vielen Stellen bröckelt der Putz herunter. Doch prangt in roten Lettern über dem Hauseingang: „Harvard“.

Min-Hae ist das erste Jahr hier. Sie sagt, sie sei stolz, jeden Tag hierherzukommen. Ihr „Harvard“ ist eine sogenannte Hagwon - eine südkoreanische Nachmittagsschule, die es mittlerweile fast an jeder Straßenecke gibt. Einer Untersuchung des Seouler Schulamtes zufolge waren im März dieses Jahres allein in der Hauptstadt offiziell 27.977 Hagwons gemeldet. Der Wettbewerb zwischen den Schulen ist hart. Als Zeitpunkt, an dem sich die Spreu vom Weizen unter den Seouler Hagwons trennt, wird in der Studie die Marke drei Jahre genannt. Gelingt es einer Hagwon, sich mehr als drei Jahre im Wettbewerb zu behaupten, hat sie es geschafft. Es gilt, Aufmerksamkeit zu erregen - deshalb der Name „Harvard“. Er zieht: Min-Haes Hagwon zählt zu den etablierten Schulen in Seoul. Vor fünf Jahren hat Richard Park die Nachmittagsschule gegründet, gemeinsam mit seiner Frau. Sie ist ausgebildete Mathematiklehrerin, er hat jahrelang bei der Entwicklung und dem Vertrieb von englischen Schulbüchern mitgearbeitet. „Wir arbeiteten also schon im Bildungssektor und merkten, wie die Nachfrage nach Hagwons immer größer wurde“, sagt Park.

Eignungstests garantieren, dass nur die Besten kommen

In konfuzianisch geprägten Gesellschaften wie der südkoreanischen ist Bildung sehr wichtig. Es ist entscheidend, dass ein Kind gute Leistungen in der Schule erbringt - nicht nur für den beruflichen Werdegang. Von den Schulnoten hängt ab, wie die Eltern, Lehrer, Professoren und später Arbeitgeber die Jugendlichen beurteilen. In Min-Haes Hagwon ist der Andrang inzwischen so groß, dass die Bewerber einen speziellen Eignungstest absolvieren müssen. So soll garantiert werden, dass nur die Besten hierherkommen. Unterrichtet wird hier ausschließlich Englisch - Grammatik, Vokabeln, Aussprache. Kleine Klassen, intensiver Unterricht, damit wirbt die Schule.

An diesem Nachmittag sitzt Min-Hae mit drei Mitschülern in einem kleinen Klassenzimmer im oberen Stockwerk. Die Tische sind in U-Form aufgestellt. So können die Schüler einander anschauen, ohne sich den Hals verrenken zu müssen. Denn sie sollen miteinander reden, Aussprache steht auf dem Stundenplan. Dafür schreibt die Lehrerin drei englische Sätze an die Tafel. Die Schüler schreiben diese ab, und wer zuerst fertig ist, darf die Sätze laut aufsagen.

Bildung in Südkorea teuer - nicht selten werden Kredite aufgenommen

Min-Hae sitzt ganz vorne, direkt am Fenster. Ihre schwarzen Haare sind zu einem langen Zopf zusammengebunden. „Das hat heute Morgen meine Mami gemacht“, sagt Min-Hae und lächelt. Wenn es um die Kinder geht, haben in Südkorea die Mütter das Sagen. Sie kümmern sich um alles: um Essen, Kleidung, Aussehen und vor allem Ausbildung. Wie ein Manager planen sie das Lernprogramm ihres Nachwuchses - mit Erfolg, wenn man den Studien glauben darf. Seit 2000 führen die Mitgliedstaaten der OECD alle drei Jahre das „Programm zur internationalen Schülerbewertung“ (Pisa) durch. Dabei landen die südkoreanischen Schüler regelmäßig auf den vorderen Plätzen. So auch in der jüngsten aus dem Jahre 2009, in der Südkorea in allen Kategorien (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) weit vorn liegt. Viele Wissenschaftler sprechen von einem „Bildungsfieber“, das in Südkorea grassiere.

Die Hagwons sind Folge dieses Fiebers. Zwar gibt es die Nachmittagsschulen schon seit Mitte der fünfziger Jahre. Doch in den vergangenen dreißig Jahren habe ein wahrer Boom eingesetzt, erläutert Schuldirektor Park. Zwei Dinge haben sich in der Zeit verändert: Hatten die südkoreanischen Familien früher im Durchschnitt drei Kinder, ist es heute oftmals nur noch eines. Die ganze Fürsorge der Eltern konzentriert sich seither auf dieses eine Kind - und der ganze Ehrgeiz. Gleichzeitig ist das durchschnittliche Einkommen der Südkoreaner stark angestiegen. Da die gutbezahlten Arbeitsplätze in den großen Firmen nur noch mit Abschlüssen der renommiertesten Universitäten zu bekommen sind, beginnen die Eltern immer früher, das Leben ihrer Kinder ganz dem Pauken zu unterwerfen. Dabei ist Bildung in Südkorea teuer: Das Lernen in einer Hagwon kostet zwischen 200 und 300 Euro im Monat - je Fach. Nicht selten werden eigens Kredite aufgenommen, um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. 2004 gaben südkoreanische Eltern insgesamt 14 Milliarden Dollar für die Ausbildung ihrer Kinder aus. Dabei ist das Niveau der einzelnen Hagwons sehr unterschiedlich. Oft unterrichten dort keine ausgebildeten Lehrer, sondern Pseudopädagogen, die sich dazu berufen fühlen. Nur reiche Familien können es sich leisten, ihre Kinder auf wirklich gute Nachmittagsschulen zu schicken.

Unterricht bis kurz vor Mitternacht

Immer wieder schaut Min-Hae kurz zur Tafel auf, dann schreibt sie in ihr Schulheft. Buchstabe für Buchstabe - für die junge Koreanerin ist das neu, ihre Schrift besteht aus Zeichen. Min-Hae ist als Erste fertig. Sie steht auf - nun darf sie die Sätze laut vorlesen. „Mein Name ist Sandy.“ Fragend blickt Min-Hae zur Tafel hinüber, wo die Lehrerin steht. Sie nickt, Min-Hae ist erleichtert. „Heute ist Dienstag. Das Wetter ist sehr schön.“ Alles auf Englisch, ohne Fehler. „Sehr gut“, lobt die Lehrerin. Min-Hae setzt sich wieder auf ihren Stuhl.

Kritiker des südkoreanischen Bildungssystems argumentieren, dass die Kinder keine Freizeit mehr hätten und ihre ganze Jugend nur noch in Klassenzimmern verbrächten. Viele der Nachmittagsschulen verteilen an die Schüler Hausaufgaben - zusätzlich zu denen, die die Schüler aus dem regulären Unterricht bereits aufbekommen haben. Der Stundenplan wird immer weiter ausgedehnt. Bis 22 Uhr, manchmal auch bis kurz vor Mitternacht sitzen die Jugendlichen in den Hagwons. Min-Haes Alltag gleicht schon dem eines Erwachsenen. Morgens um kurz nach sechs wird sie von ihrer Mutter geweckt, nach dem Frühstück geht es in die Schule. Mittags kommt Min-Hae kurz nach Hause, um zu essen. Dann wartet auch schon der gelbe „Harvard“-Schulbus vor der Tür, um sie in ihre Hagwon zu fahren. Von 14 Uhr bis 20 Uhr hat sie dort jeden Tag Unterricht.

Um kurz nach acht Uhr abends ist es längst dunkel vor dem Eingang der „Harvard“-Hagwon. Nur die Scheinwerfer des gelben Schulbusses leuchten über den Parkplatz. Der Motor läuft, die meisten Kinder sitzen bereits im Bus. Müde blicken sie auf den Eingang der Schule. Da kommt Min-Hae. Ihre Schultern hängen nach unten, sie ist müde. Langsam steigt sie ein. Es war ein langer, ein ganz normaler Tag für Min-Hae.

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