19.10.2007 · Bei zwei Explosionen in der Nähe des Konvois der zurückgekehrten ehemaligen Regierungschefin Benazir Bhutto sind zahlreiche Menschen getötet worden. Bhutto selbst blieb unverletzt. Über das furchtbare Ende einer perfekt inszenierten Heimkehr berichtet Jochen Buchsteiner.
Von Jochen Buchsteiner, DelhiBei zwei Explosionen nahe des Konvois der aus dem Exil zurückgekehrten Ex-Ministerpräsidentin Benazir Bhutto in der pakistanischen Stadt Karatschi sind mindestens 126 Menschen getötet worden. Etwa 250 wurden verletzt, hieß es aus Krankenhäusern. Bhuttos Konvoi wurde nach Polizeiangaben zunächst von einer Granate getroffen, kurz darauf zündete ein Selbstmordattentäter einen gewaltigen Sprengsatz. Bhutto selbst blieb unversehrt.
Polizeiangaben vom Freitag zufolge wurden bei dem Vorfall zudem zahlreiche Anhänger der Politikerin verletzt. Fernsehsender berichteten, Bhutto, die in einem Konvoi durch die Stadt fuhr, sei unversehrt und in Sicherheit.
Triumphaler Empfang
Extremisten der radikal-islamischen Taliban sowie von Al-Kaida hatten mit Anschlägen auf die Politikerin gedroht, da sie eine Vereinbarung mit den Vereinigten Staaten getroffen habe. Die Oppositionspolitikerin war am Donnerstag nach acht Jahren Exil nach Pakistan zurückgekehrt. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen fuhr sie anschließend durch die Straßen von Karatschi, wo ihr mehr als 200.000 Anhänger einen triumphalen Empfang bereiteten.
Alles hatte zunächst wie die perfekt inszenierte Heimkehr gewirkt. Noch vor einem Jahr glaubten die wenigsten Pakistaner an ein Ende ihres Exils, und wer es sich ausmalte, sah alles andere vor sich als ein nationales Ereignis. Nun befindet sich Pakistans größte Stadt im Ausnahmezustand, Schulen und Geschäfte sind geschlossen, 18 Stunden soll das Spektakel dauern. Das pakistanische Fernsehen überträgt live, Fernsehkommentatoren analysieren mit sich überschlagender Stimme, was dies alles für den politischen Prozess in Pakistan bedeuten kann.
So reisen Sieger an
So reisen Sieger an, das sollte die Botschaft sein, die nun von dem Attentat überschattet wird. Bhuttos Ankuft sollte so ganz anders sein als die ihres Intimfeinds Nawaz Sharif, mit dem sie sich in den neunziger Jahren im Amt des Regierungschefs abwechselte. Nur fünf Stunden konnte der sich auf pakistanischem Boden aufhalten, nachdem er vor fünf Wochen in die Heimat eingereist war. Ein Gespräch mit unwilligen Regierungsvertretern genügte, und die groß angekündigte Rückkehr war kläglich beendet - der Exilant saß wieder im Flugzeug nach Saudi-Arabien. Frau Bhutto bereitete ihren Auftritt zumindest besser vor.
Monatelang ging das Gerücht, sie würde hinter den Kulissen mit der Regierung über eine Rückkehr, womöglich eine Machtbeteiligung verhandeln. Ende Juli kam es dann in Abu Dhabi zu einem Treffen mit jenem Mann, den sie in den vergangenen Jahren wie keinen anderen aus dem Exil angegriffen hatte: General Pervez Musharraf. Kompromissbereit soll er sich gezeigt haben, so konziliant, dass eine zweite Spekulation Nahrung erhielt: Die Vereinigten Staaten, ohne die in Islamabad noch keine Regierung überlebt hat, will eine Einigung der beiden Politiker. Von da an war auch Zweiflern klar, dass in Pakistan etwas in Bewegung geraten war.
Lange hatte es gedauert, bis sich in Washington der Eindruck durchsetzte, dass dem amerikafreundlichen Regime in Islamabad die Machtbasis wegrutschte. Seit dem Machtkampf, den Musharraf gegen den Obersten Richter im Land, Chaudhry, geführt und schließlich verloren hatte, kehrten sich die städtischen Mittelschichten auch öffentlich vom Präsidenten ab. Gegärt hatte es in diesen Kreisen schon seit geraumer Zeit. Zu oft hatte der Putschist sein Versprechen gebrochen, das Land zur Demokratie zurückzuführen. Zum Symbol wurde die Uniform, die er nicht ablegen wollte.
Machtpolitikerin mit lebenslangem Vorsitz
Mit der Erstürmung der Roten Moschee drang dann auch den treuesten Musharraf-Anhängern ins Bewusstsein, dass der islamistische Extremismus unter dem General nicht eingedämmt worden ist, sondern gewachsen. Musharraf, der seine diktatorische Doppelrolle als Präsident und Armeechef gerne mit den Herausforderungen des Antiterrorkampfs begründete, wirkte auch an der zweiten Front geschwächt.
Benazir Bhutto schien als Einzige geeignet, Musharraf an beiden Seiten zu stützen. Ihr Einsatz gegen den islamischen Extremismus steht schon deshalb außer Zweifel, weil sie als Frau mit politischen Ambitionen auf ein religiös moderates Umfeld angewiesen ist. Als Führerin der großen Pakistanischen Volkspartei (PPP) könnte sie zudem Teile des Bürgertums für eine gemeinsame Regierung zurückgewinnen. Dass sie sich von ihrer Partei gleich lebenslang als Vorsitzende hat wählen lassen, weist sie zudem als Machtpolitikerin aus, deren Methoden nicht zu unterschätzen sind.
Geschickt manövrierte sie Nawaz Sharif, mit dem sie sich noch vor wenigen Monaten in einer Anti-Musharraf-Allianz befand, aus dem Spiel. Gewonnen hat sie es aber noch lange nicht. Die (in Pakistan leicht zu mobilisierenden) Menschenmassen, die ihr am Donnerstag zujubelten, repräsentieren nur einen Teil des Volkes. Die Mullahs und ihre Verbündeten verachten Frau Bhutto. Doch auch unter den moderaten Muslimen, bis in die Reihen der PPP hinein, sind viele skeptisch geblieben. Sie werfen der Heimkehrerin vor, das unrechtmäßige Regime Musharraf ohne Not zu verlängern, und unterstellen ihr persönliche Motive.
1999 packte sie die Koffer und floh ins Exil
Straffreiheit war tatsächlich das Erste, was sich Frau Bhutto von Musharraf zusichern ließ. Eine unüberschaubare Anzahl von Korruptionsvorwürfen beendete vor elf Jahren, was einmal als strahlende Karriere begonnen hatte. Als sie 1988 im Alter von 35 Jahren Premierministerin wurde, ging ein Raunen durch Pakistan und darüber hinaus. Sie war nicht nur die erste Frau, die eine muslimische Nation regierte, sie besaß Anmut, Charme und eine respektgebietende Herkunft. Als Tochter des langjährigen Staatspräsidenten und Premierministers Zulfikar Ali Bhutto, der vom Militär entmachtet und 1979 hingerichtet wurde, schien ihr demokratisches Engagement in die Wiege gelegt worden zu sein. Ihre Studien in Oxford und Harvard vervollständigten das Bild einer aufgeklärten, dem Westen zugewandten Politikerin modernen Typs.
Aber schon nach zwei Jahren im Amt entließ sie der damalige Staatspräsident Ishaq Khan wegen Korruptionsvorwürfen, die sich auch gegen ihren Ehemann richteten. Ihre zweite Amtszeit endete nach drei Jahren aus den gleichen Gründen. Neben persönlicher Bereicherung wurden ihr nun auch Missmanagement und Unfähigkeit beschieden. Als sie vor Gericht erscheinen sollte, packte sie 1999 die Koffer und floh ins Exil; ihr Mann kam erst nach einer längeren Haftstrafe nach.
Noch ist die Zukunft ungewiss
Mit der Annäherung wies Musharraf nun staatliche Stellen an, die Strafverfolgung einzustellen. Geldwäscheklagen vor Schweizer und spanischen Gerichten wurden ebenso zurückgezogen wie Korruptionsklagen vor pakistanischen Gerichten. Eingefrorene Konten der Familie, auf denen mehr als eine Milliarde Euro liegen sollen, tauten wieder auf. Die Provinzregierung von Sindh zog sogar ihre Anfragen bei Interpol zurück. Das Amnestie-Dekret, das die Regierung verabschiedet hatte, wird nun allerdings vom Obersten Gerichtshof rechtlich überprüft.
Das Urteil, mit dem erst in einigen Wochen gerechnet wird, ist nicht die einzige Unwägbarkeit, der Frau Bhutto entgegenblickt. Noch ist ungewiss, wie die Zusammenarbeit mit Musharraf aussehen soll - es ist nicht einmal klar, ob es überhaupt dazu kommen kann. Zum einen steht das politische Schicksal Musharrafs dahin, solange das Verfassungsgericht nicht über die Rechtmäßigkeit seiner Wiederwahl entschieden hat. Annulliert es den Wahlgang vom 6. Oktober, droht der Ausnahmezustand.
Keine „Marionetten-Ministerpräsidentin“
Darf sich Musharraf ein weiteres Mal als Präsident vereidigen lassen, muss Frau Bhutto erst die nötige Parlamentsmehrheit organisieren, um Ministerpräsidentin werden zu können. Unklar ist dabei nicht nur, wie die PPP bei den für Januar erwarteten Wahlen abschneiden wird, sondern auch, welche Koalition zusammenfindet. In Musharrafs Regierungspartei PML-Q hält sich die Begeisterung für eine Zusammenarbeit mit der PPP in Grenzen.
Frau Bhutto wähnt sich offenbar schon fast im Amt. Dem indischen Fernsehkanal NDTV sagte sie kurz vor ihrer Abreise, sie werde keine „Marionetten-Ministerpräsidentin“ werden und müsse Musharraf daher weitere Zugeständnisse abringen. Nicht akzeptieren wolle sie die verfassungsmäßig starke Position des Präsidenten, die sich nicht zuletzt in seinem Recht widerspiegelt, das Parlament aufzulösen und den Regierungschef zu entlassen. „Hier haben wir noch keine Einigung erreicht“, sagte Frau Bhutto am Donnerstag.
Musharraf ist wiederholt ins Visier islamischer Terroristen geraten, und auch Frau Bhutto fühlt sich bedroht. Gewaltbereite Fanatiker, die ihre Anhänger in der Armee, im Geheimdienst und selbst in der Regierung hätten, trachteten ihr nach dem Leben, sagte sie unlängst. Nicht nur ihr Vater wurde Opfer politischer Umstände, auch ihre beiden (ebenfalls politisch aktiven) Brüder schieden gewaltsam aus dem Leben.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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