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Bevölkerungsentwicklung : Schafft auch die Türkei sich ab?

Bild: F.A.Z.

Für seine Integrations-Rede erntet Bundespräsident Wulff Beifall auch in der Türkei - denn auch sie hat ein demographisches Problem. Im Westen ist die Geburtenrate niedrig. Der Südosten ist reich an Kindern, aber arm an Bildung. Von dort stammen viele, die es nach Deutschland zieht.

          Selten passte eine solche Dienstfahrt besser in die Zeit als die Türkeireise von Bundespräsident Wulff in dieser Woche. Während die Deutschen darüber streiten, wie viel Einwanderung, Islam und Integration ihr Land verkraften kann oder soll, unternimmt ihr höchster Repräsentant die Reise zur Debatte. Die Türkei, so führen es Befürworter des türkischen Wunsches nach EU-Mitgliedschaft an, könne die Fachkräfte liefern, die Deutschland immer stärker fehlen werden. Umgekehrt benutzen Erweiterungsgegner dieses Argument: Eine Türkei von 100, gar 120 Millionen Einwohnern werde die schrumpfenden EU-Staaten dominieren. Wenn allerdings die seit den sechziger Jahren zu beobachtende Entwicklung anhält, wird es das abendländische Schreckgespenst einer 120-Millionen Türkei nicht geben. Ebenfalls ist allerdings fraglich, ob die europäischen Industriestaaten ihren Fachkräftemangel aus dem sich (stetig verlangsamenden) Bevölkerungswachstum der Türkei decken können - denn dieses Wachstum wird längst nicht mehr in den entwickelten Regionen im Westen der Türkei generiert, sondern in den verarmten und bildungsfernen Gebieten Ost- und Südostanatoliens.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Zwar steigt die Bevölkerungszahl der Türkei weiterhin und steht damit in deutlichem Gegensatz zu den meisten europäischen Staaten. Einzig das Kosovo kann mit den türkischen Zuwachsraten mithalten oder übertrifft sie sogar. Doch die Geschwindigkeit des türkischen Bevölkerungswachstums nimmt ab. Im zweiten Jahrfünft der achtziger Jahre betrug sie noch fast 2,5 Prozent pro Jahr, zwischen 1990 und der Jahrtausendwende sank sie auf jährlich etwa 1,8 Prozent. Ende 2009 betrug die Bevölkerungszahl der Türkei nach Angaben der türkischen Statistikbehörde 71 517 000 Personen, was einem Bevölkerungswachstum von 1,3 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr entsprach.

          Auch nur 2,2 Kinder pro Frau

          Junge Türkinnen haben heute weniger Kinder als noch ihre Mütter und Großmütter. Gebar eine türkische Frau 1960 statistisch 6,3 Kinder im Laufe ihres Lebens, liegt die Zahl inzwischen bei 2,2 oder 2,1, ja nach Quelle. In der Türkei vollziehen sich mit einigen Jahrzehnten Verspätung ähnliche demographische Entwicklungen wie in den europäischen Staaten. Frauen heiraten später und gebären seltener, die Gesellschaft altert. Eine Besonderheit der Türkei sind aber die immensen regionalen Unterschiede dieser Entwicklung. Die Daten der jüngsten großen Volkszählung sind zwar schon ein Jahrzehnt alt, wurden aber durch spätere Studien bestätigt. Demnach gibt es in der Türkei ein West-Ost Gefälle, als läge das Land nicht nur geographisch auf zwei Kontinenten. Im Westen nähert sich die Geburtenrate in einigen Regionen europäischen Tiefstständen an, der Osten und Südosten Anatoliens sind die Kinderfabriken des Landes.

          Ein Beispiel aus dem Westen ist die Marmara-Region, zu der auch Istanbul gehört. Es ist die kleinste, bevölkerungsreichste und am besten entwickelte Region der Türkei. Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 2000 lebten dort 17,4 Millionen Menschen. Die Bevölkerungszahl wuchs in der letzten Dekade des vergangenen Jahrhunderts zwar um durchschnittlich 2,6 Prozent pro Jahr, doch sagt das mehr über die gewaltigen Wanderungsbewegungen in der Türkei aus als über die Geburtenrate. Laut einer Ende 2009 veröffentlichten Studie des Ankaraner Instituts für Bevölkerungsstudien an der Haceteppe-Universität lag die Fertilitätsrate in einigen Gegenden des westlichen Marmara-Gebietes bei 1,4 Kindern pro Frau, also auf deutschem Niveau. Das Bevölkerungswachstum der Region kam durch den Zuzug aus östlichen Landesteilen zustande. In den großen Städten bestand im Jahr 2000 fast die Hälfte der Einwohnerschaft aus Zuwanderern, in Istanbul waren es sogar mehr als 60 Prozent.

          Im Südosten ist der Kinderreichtum größer und das Bildungsniveau geringer

          Von West nach Ost präsentiert sich den Demographen das gleiche Bild: Je östlicher desto jünger, ungebildeter und ärmer ist die Bevölkerung. Im Jahr 2000 hatten Frauen in der auf dem europäischen Festland gelegenen Provinz Edirne (dem historischen Adrianopel) im Schnitt 1,7 Kinder. Am anderen geographischen Ende des Landes, in der an der Grenze zu Syrien und dem Irak gelegenen Provinz Sirnak, brachte eine Frau durchschnittlich 7,1 Kinder zur Welt. In den Nachbarprovinzen Hakkari und Siirt waren es 6,7 beziehungsweise 6,1 Kinder. Obwohl der kurdisch geprägte Südosten der Türkei Jahr für Jahr einen großen Teil dieser Bevölkerungsüberproduktion an die Ballungszentren im Westen und Süden des Landes abgibt und die Zahl der Landbevölkerung überall in der Türkei stagniert oder sinkt, wachsen die südostanatolischen Städte prozentual schneller als andere: In Sirnak um 7,4, in Hakkari um 6,5 Prozent pro Jahr.

          Die Grundregel lautet: Im Südosten ist der Kinderreichtum größer und das Bildungsniveau geringer. Nach den Angaben des Instituts für Bevölkerungsstudien in Ankara betrug die Analphabetenrate in der Türkei im Jahr 2006 etwa 20 Prozent. Doch wirklich aufschlussreich ist diese Zahl erst bei einer Aufschlüsselung nach Geschlecht und Herkunft, wie sie bei der Volkszählung vom 22. Oktober 2000 vorgenommen wurde. Diese Aufschlüsselung scheint die jüngst von dem Historiker Hans-Ulrich Wehler getroffene Aussage zu bestätigen, dass die Integration eines Teils der Einwanderer aus der Türkei auch deshalb misslungen sei, weil die kemalistische Bildungspolitik in Anatolien versagt habe. „Sechzig Prozent Analphabetentum - das transportiert sich dann über die Familien“, hatte er gesagt.

          Südostanatolische Bildungsmisere

          Bei den Frauen war die Analphabetenrate im Jahr 2000 fast durchweg dreifach so hoch wie bei Männern. Wiederum bot sich besonders im Osten des Landes ein erschreckendes Bild: In Sirnak konnten 66, in Hakkari 58 und in Siirt 56 Prozent der Frauen im Alter von 15 Jahren an nicht lesen und schreiben. In anderen Provinzen der Gegend sah es kaum besser aus.

          Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat in einer im vergangenen Monat veröffentlichten Analyse darauf hingewiesen, dass diese südostanatolische Bildungsmisere für Deutschland nur geographisch ein fernes Phänomen ist: „Es ist nicht absehbar, ob die türkische Politik und Wirtschaftsentwicklung dieses Problem lösen kann. Die unqualifizierten Migranten werden in großer Zahl in den türkischen Ballungszentren, aber auch in anderen europäischen Ländern eine wirtschaftliche Perspektive suchen“, heißt es da. Für Deutschland, das den größten Teil der im Ausland lebenden Türken beherberge, könne dies eine besondere Herausforderung darstellen.

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