03.07.2008 · Unmittelbar nach ihrer Befreiung präsentierte sich Ingrid Betancourt in bester Verfassung - und dankte Kolumbiens Präsident Uribe für seinen Einsatz: „Ich bete zu Gott, dass er den Kolumbianern erlaubt zu glauben, dass Frieden möglich ist.“
Von Carl Moses, Buenos AiresAm Morgen hatte sie gebetet und wie an so vielen Tagen daran gedacht, dass sie befreit werden könnte. Als ihre Wächter dann tatsächlich sagten, sie und die vierzehn anderen Geiseln ihrer Gruppe sollten ihre Sachen packen, sie würden abgeholt, da kam wieder einmal die Hoffnung auf, eine internationale Mission könne vielleicht kommen und einen Geiselaustausch vorbereiten.
Doch als Ingrid Betancourt dann den weißen Hubschrauber und die seltsame Besatzung sah, die da im Urwald landete, ging die Hoffnung gleich wieder in Verzweiflung über. „Die hatten Hemden mit Che Guevara drauf, da dachte ich, die sind von den Farc.“ Wieder Abtransport an einen anderen Ort, weitere Gefangenschaft, es war deprimierend. Die Geiseln mussten gefesselt in den Hubschrauber einsteigen.
„Gott hat uns ein Wunder bereitet“
„Ich dachte, jetzt führen sie uns wieder wie Clowns in einem Zirkus vor.“ Immer wenn Ingrid Betancourt als Beweis, dass sie noch lebte, „vorgeführt“ worden war, hatte sie das als erniedrigend empfunden. Im vergangenen November war zuletzt ein neues Bild von ihr verbreitet worden. Das Video der abgemagerten Geisel erschütterte die ganze Welt.
Doch ein paar Minuten nachdem der Hubschrauber aufgestiegen war, sah Ingrid Betancourt plötzlich ihren langjährigen Bewacher mit dem Decknamen „Cesar“ am Boden liegen. „Zuerst dachte ich, er sei gestürzt.“ Doch dann lag der mächtige Comandante auch schon nackt und mit verbunden Augen vor ihr am Boden. Als sich die Besatzung zu erkennen gab – „Wir sind vom Heer, sie sind frei“ – fielen sich alle um den Hals, weinend, schreiend, umherspringend, dass man Angst haben musste, der Hubschrauber könne abstürzen.
„Wir konnten es nicht fassen. Gott hat uns ein Wunder bereitet, ein Wunder“, sagt Ingrid Betancourt später, als sie auf dem Militärstützounkt Tomachipán landet und nach sechs Jahren Geiselhaft im Dschungel ihre Mutter Yolanda Pulecio in die Arme schließt.
Infiltration der obersten Farc-Ebene
Das „Wunder“ war von den kolumbianischen Streitkräften und Nachrichtendiensten seit mehr als einem Jahr minutiös vorbereitet worden. Der Polizist Jhon Frank Pinchao, dem im Mai 2007 die Flucht aus der Gefangenschaft der Farc gelungen war, hatte genauere Angaben über den Aufenthaltsort der Geiseln machen können. Den Geheimdiensten war es gelungen, verdeckte Ermittler in jenen Guerilla-Trupp einzuschleusen, der für die Bewachung der Geiseln verantwortlich war.
Selbst das Sekretariat, die oberste Führungsebene der Farc, sei „auf verschiedene Weise infiltriert worden“, erklärte der kolumbianische Verteidigungsminister Juan Manuel Santos. Den eingeschleusten Agenten war es gelungen, den Bewachern vorzutäuschen, die Geiseln sollten zum obersten Guerrilla-Chef Alfonso Cano gebracht werden. Eine fiktive internationale Menschenrechtsorganisation solle den Transport übernehmen. Nur die beiden Chefbewacher sollten die Überführung persönlich begleiten, für mehr Guerrilleros sei neben den 15 Geiseln und der fünfköpfigen Besatzung kein Platz an Bord.
Es war wohl schwer, die Guerilleros von letzterem zu überzeugen. Der Hubschrauber blieb länger als geplant am Boden: 22 Minuten und dreizehn Sekunden. Das seien die längsten Minuten seines Lebens gewesen, berichtete der Oberkommandierende des Heeres, Freddy Padilla. Doch dann sei bei der Operation „Schach“ alles wie geplant gelaufen, genau so, wie man es immer wieder trainiert hatte. Nicht ein einziger Schuss fiel bei der Befreiungsaktion.
In erstaunlich guter Verfassung
Kaum auf der Militärbasis gelandet, stellte sich Ingrid Betancourt den Fragen der Presse, als habe die Wahlkampagne, bei der sie als Präsidentschaftskandidatin 2002 von der Farc entführt worden war, niemals aufgehört. Körperlich in besserer Verfassung als man befürchten musste, beeindruckte die befreite Geisel durch ihre erstaunliche Ruhe und die Klarheit ihrer Gedanken. Als erstes dankte sie Gott und dann all den vielen Menschen, die in den langen Jahren nie aufgehört hätten, sich für ihre Befreiung einzusetzen.
Sie lobte und pries „meine Armee, mein Kolumbien“ für die „perfekte Operation“. In Französisch dankte die Franko-Kolumbianerin den Franzosen und deren Staatschef Nicolas Sarkozy, der ihre Befreiung zum höchsten Ziel seiner Regierung gemacht hatte.
Vor allem aber dankte Frau Betancourt dem kolumbianischen Staatspräsidenten Álvaro Uribe. Anders als ihre Angehörigen, die immer wieder vor einer militärischen Befreiungsaktion gewarnt und Uribe aufgrund seiner kompromisslosen Haltung gegenüber der Guerilla schwer kritisiert hatten, habe sie selbst immer auf einen Befreiungsversuch gehofft. Klar, sie hätte dabei ihr Leben verlieren können, aber das wäre immer noch besser gewesen als weiter entführt zu bleiben, sagte Ingrid Betancourt. „Wenigstens hätte ich das Licht der Freiheit für einen Augenblick sehen können.“
Unterstützung für Präsident Uribe
Sie erzählte von ihrer Pein im Urwald, ohne Licht, ohne fließendes Wasser, vom schroffen Umgangston ihrer Peiniger, von der Angst, die immer in der Dunkelheit gekommen sei, von ihrer schweren Krankheit. Und dennoch, sagt sie, würde sie heute wieder alles genauso machen wie damals, als sie während ihrer Kampagne trotz aller Gefahr in das Guerillagebiet gereist war, um dort Wahlkampf zu machen.
Ja, sie habe Angst gehabt damals, auch um ihren Vater, der todkrank war und tatsächlich wenig später starb. Sie wäre lieber zu ihm gefahren, sagt sie, mit Tränen ringend. Doch die Menschen hätten auf sie gewartet, die wollte sie nicht enttäuschen. Ob sie sich vorstellen könne, erneut die Präsidentschaft anzustreben, wird Ingrid Betancourt wenige Stunden nach ihrer Befreiung gefragt. Sie zögert nur kurz: „Das weiß nur Gott.“ Ein Nein klingt anders.
Dem konservativen Präsidenten Uribe, der in den vergangenen Tagen wegen der zweifelhaften Umstände seiner Wiederwahl 2006 in die Kritik geraten war, stellte Frau Betancourt, Gründerin der Grünen-Partei Kolumbiens, sich klar zur Seite. Seine Wiederwahl sei wichtig gewesen, um die Widerstandskraft der Farc zu brechen. Vor Uribe sei auf jede Regierung mit harter Linie gegenüber den Farc eine neue gefolgt, die wieder die Annäherung und den Kompromiss gesucht habe. Das habe den Farc immer wieder Zeit gegeben, sich zu kräftigen. Nun sieht Frau Betancourt eine Chance für eine Befriedung des Landes. „Ich bete zu Gott, dass er den Kolumbianern erlaubt zu glauben, dass Frieden möglich ist.“