10.05.2007 · Seit August 2006 sitzt „Kofferbomber“ Dschihad Hamad im Libanon im Gefängnis. An diesem Donnerstag wurde sein Prozess in Beirut abermals vertagt. Markus Bickel hat die Eltern besucht, die von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt sind.
Von Markus Bickel, TripoliDas Schild ist von weitem zu sehen. „Zu verkaufen“ steht auf dem Schild, das Schahid Hamad am Balkon der Wohnung im siebten Stock des Häuserblocks am Rande der nordlibanesischen Stadt Tripoli angebracht hat. Dahinter beginnen die Berge. Anfang Mai liegt dort noch immer Schnee. Doch für die Schönheit der Natur hat der pensionierte libanesische Armeeoffizier schon seit Monaten keine Augen mehr.
Seit Ende August 2006 ist sein Sohn Dschihad Hamad im Rumija-Gefängnis bei Beirut in Haft. Alle zwei Wochen besucht Hamad seinen Sohn, der wegen der versuchten Anschläge auf zwei Züge in Deutschland im vergangenen Juli angeklagt ist. An diesem Donnerstag wurde in der Hauptstadt das Verfahren gegen den 20 Jahre alten „Kofferbomber“ abermals vertagt. Schon die ersten Termine vor dem Beiruter Strafgericht im März und April waren jeweils nach wenigen Minuten vertagt worden.
„In seinem Abschlussjahrgang war er Klassenbester“
„Das Leben im Gefängnis ist teuer“, klagt der Vater von vier Söhnen und zwei Töchtern; allein 400 Dollar im Monat überweist er an seinen in Russland studierenden zweitältesten Sohn. Dazu kommen jetzt die hohen Anwaltskosten. Durch den Verkauf der Wohnung hofft der Vater, vielleicht 30.000 Dollar zu erzielen. Das Geld ist wohl vor allem für den Prozess nötig, der lange dauern könnte und den Hamads Anwalt Fawas Sakaria gerne nach Tripoli verlegen würde. Neben Dschihad Hamad und dessen in Berlin einsitzenden Komplizen Jussif al Haschdib sind insgesamt vier weitere Personen angeklagt, an dem nur wegen technischer Schwierigkeiten gescheiterten Attentat auf zwei Züge Ende Juli 2006 beteiligt gewesen zu sein. Hamad hatte am Kölner Hauptbahnhof einen der beiden als Bombe präparierten Koffer im Regionalzug nach Koblenz deponiert.
Auch zehn Monate später ist Hamads 50 Jahre alter Vater noch immer von der Unschuld seines Sohnes überzeugt. Zusammengekauert sitzt er auf einer Couch im Wohnzimmer, vor dessen Fenstern schwere Gardinen hängen. „Sie müssen Dschihad irgendwelche Mittel in den Tee geschüttet haben“, sagt er. Überall in dem mit Nachbildungen von historischen Möbeln eingerichteten Raum sind Fotos des stets tadellos gekleideten jungen Mannes und der anderen Kinder der Familie zu sehen. „In seinem Abschlussjahrgang war er Klassenbester. Ein islamischer Fundamentalist würde sich doch niemals zusammen mit Mädchen fotografieren lassen, die ihre Schultern nicht bedeckt haben“, fügt er hinzu.
„Er war immer so schüchtern und zurückgezogen“
Er legt weitere Bilder auf den hölzernen Wohnzimmertisch. Sie zeigen Dschihad im Kindergarten, gemeinsam mit Freunden beim traditionellen Dabke-Tanz und nach der Abschlussfeier an der christlichen Privatschule in Tripoli. Das war im Sommer vor zwei Jahren. Am Anfang des vergangenen Jahres ging er dann zum Studium nach Köln. „Unser Sohn ist kein Extremist“, sagt der Vater und seine Ehefrau pflichtet ihm bei. „Er war immer so schüchtern und zurückgezogen“, sagt Buschra Hamad, deren Haare von einem rosa Kopftuch bedeckt sind. Von der Außenwelt habe er kaum etwas mitbekommen; gebetet habe er nicht in der Moschee, sondern zu Hause.
Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft und des Bundeskriminalamtes (BKA), die den Verhören ihrer libanesischen Kollegen seit Hamads Verhaftung im vergangenen August beiwohnten oder Vernehmungsprotokolle auswerteten, kommen jedoch zu anderen Schlüssen. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass sich Dschihad Hamad und seine Komplizen sehr wohl mit Ideen von Al Qaida beschäftigten. In einem Internetforum habe Hamad unter dem Namen „deutscherhamad“ Botschaften von Al-Qaida-Führern und Propagandavideos aus Afghanistan und dem Irak ins Netz gestellt. Auf der Festplatte seines Laptops fanden sich Bauanleitungen für Bomben und Zünder.
Kein Hinweis auf möglichen islamistischen Terroristen
Dass Hamad aber nach Veröffentlichung der ersten Fahndungsfotos ausgerechnet bei seinen Eltern in Tripoli Unterschlupf suchte, zeugt jedoch nicht gerade von großer Vertrautheit mit einer konspirativen Vorgehensweise. Zwar gilt die unweit der syrischen Grenze gelegene Hafenstadt als Hochburg der sunnitischen Salafiten im Libanon. Aber bei Hamads Ankunft in Deutschland schien nichts darauf hinzudeuten, dass hier einem möglichen islamistischen Terroristen leichtfertig ein Visum erteilt worden war. 7200 Euro habe er Monate vor Dschihads Ausreise auf ein Konto einer deutschen Bank überwiesen, berichtet sein Vater. Erst dann sei die Einreiseerlaubnis erteilt worden.
Außer einer gerahmten Koransure an der Wand weist auch im Wohnzimmer der Hamads nichts auf einen besonders frommen islamischen Hintergrund hin - im Gegenteil: Neben der Balkontür hängt eine Auszeichnung, die Vater Hamad für 30 Jahre Armeezugehörigkeit erhielt, unterzeichnet vom christlich-maronitischen Präsidenten Emile Lahoud. Neben Blumengestecken auf dem Wohnzimmertisch zwischen den Sofas und der Couch stehen Fotos des ermordeten früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri.
„Hier haben die jungen Menschen so viele Probleme“
„Hariri hat sich um die Leute gekümmert“, sagt der Vater, in dessen von Arbeitslosigkeit geplagter Heimatstadt der Einfluss konservativer Muslime zuletzt zugenommen hat. Um seinen Söhnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen, hatte er die beiden Ältesten zum Studium ins Ausland geschickt. Denn seit Jahrzehnten wird die bergige Gegend um Tripoli von der Regierung in Beirut vernachlässigt, seine Offizierslaufbahn war deshalb Gold wert. „Hier haben die jungen Menschen so viele Probleme, dass sie inzwischen überall hingehen, nur um Arbeit zu finden“, klagt er.
Daher überrascht es nicht, dass Islamisten in der Gegend besonders aktiv sind. Auf mehr als 600 Mitglieder schätzen Kenner die salafitische Gemeinde in Tripoli. Auch die Hizb al Tahrir al Islami, der der Vater des ersten „Kofferbombers“ Jussif al Haschdib angeblich angehört, ist in der zweitgrößten Stadt des Libanons vertreten. Im März verhaftete die Polizei Angehörige der militanten Gruppierung Fatah al Islam, die im am Stadtrand von Tripoli gelegenen Palästinenserlager Nahr al Barid ihren Sitz hat. Die Sicherheitskräfte machen sie für die jüngsten Anschläge auf zwei Busse im Libanon verantwortlich.
Die Hoffnung, die dem Sohn die Freiheit bringt
Die Liste lässt sich fortsetzen: So waren gewaltbereite Sunniten aus Tripoli dabei, als im Februar 2006 Tausende aus Protest gegen die von einer dänischen Zeitung veröffentlichen Mohammed-Karikaturen vor die diplomatische Vertretung Dänemarks in Beirut zogen und das Gebäude in Brand setzten. Zuvor hatte Saad Hariri, der Sohn des ermordeten Ministerpräsidenten, der derzeit Mehrheitsführer im Parlament ist, eine Kaution für die Freilassung vier radikale Islamisten der sogenannten Dinniyeh-Gruppe gezahlt. Sie hatte sich im Januar 2000 östlich von Tripoli Kämpfe mit Regierungstruppen geliefert beim Versuch, im Nordlibanon einen islamischen Kleinstaat zu schaffen.
Auf eine ähnliche Lösung, die seinem Sohn die Freiheit bringt, hofft letztlich auch Schahid Hamad. „Am Ende wird die Entscheidung über das Strafmaß zwischen den libanesischen und den deutschen Behörden gefällt“, glaubt er und hofft, dass dieses nicht zu hoch ausfällt. „Inschallah“, so Gott will, seufzt seine Frau Buschra.
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