18.05.2007 · Mit der Ernennung des beliebten Sozialisten Bernard Kouchner zum Außenminister ist Frankreichs konservativer Präsident Sarkozy ein Risiko eingegangen. Denn der humanitär engagierte Arzt leistet sich ein eigenes Profil und übt scharfe Kritik. Ein Porträt.
Von Michaela Wiegel, ParisSeinem Wahlslogan „Alles wird möglich“ hat Nicolas Sarkozy als Präsident mit dem neuen Außenminister sofort Gestalt verliehen. Wohl kaum ein Sozialist hätte vor kurzem darauf gewettet, dass Bernard Kouchner für Präsident Sarkozy die Diplomatie Frankreichs leiten wird.
Der 67 Jahre alte „french doctor“ verkörperte für die Linkswähler lange Zeit die Hoffnung, dass es mit der Sozialistischen Partei doch nicht so schlecht bestellt sein könne, wenn ein Mann wie Bernard Kouchner ihr treu blieb. Jetzt hat Kouchner seine Partei allein gelassen, nach vielen vergeblichen Appellen zur Erneuerung.
Internationales Recht auf Einmischung
„Hören wir auf, uns zu belügen!“ lautete die Überschrift seines Aufrufes an die Partei vor zwei Jahren. Vergeblich plädierte er vor dem ersten Wahlgang für einen Bund mit den Zentristen. Ségolène Royal und die Führungsriege der Partei empfinden Kouchners Eintritt in eine rechtsbürgerliche Regierung trotz aller Warnsignale als „Verrat“. Und „Verrat“ wird mit Parteiausschluss bestraft, wie Kouchner noch am Freitag feststellen musste.
Als Mitbegründer der Hilfsorganisation „Médecins sans frontières“ hat Bernard Kouchner, der Facharzt für Magen-Darm-Krankheiten, sein politisches Engagement begonnen. Aus den Erfahrungen des Entwicklungshelfers hatte Kouchner in seinem 1987 veröffentlichten Buch die Lehren gezogen: Er forderte ein internationales Recht auf Einmischung ein.
Dem Wirkungsdrang Kouchners trug Präsident Mitterrand Rechnung, als er ihn kurze Zeit später als Staatssekretär ins Sozialministerium holte und ihn danach zum Minister für „humanitäre Einsätze“ ernannte. Bis 1993 bereiste er als Minister-Retter die Krisengebiete und brachte den Franzosen das Elend der Welt ins Wohnzimmer.
Erfolglose Bewerbungen
Seinen Wunsch nach größerem politischen Einfluss wollte Premierminister Jospin nach dem Regierungswechsel 1997 nicht erfüllen. Kouchner musste sich mit dem Posten des Staatssekretärs für das Gesundheitswesen zufriedengeben. Willig zog er als Hoher Repräsentant der Vereinten Nationen auf den Balkan. Im Kosovo sammelte er als „Gouverneur“ die Erfahrung, an welche praktischen Grenzen das Recht auf Einmischung stößt.
Nach seiner Rückkehr Anfang 2001 warb Kouchner vergeblich bei Jospin um den Posten des Europaministers, wieder wurde er Gesundheitsminister. Bewerbungen als Hoher Flüchtlingskommissar sowie in der Weltgesundheitsorganisation verliefen erfolglos.
Scharfe Kritik an Chirac
Es liegt wohl nicht nur daran, dass Kouchner mit der bekannten Fernsehjournalistin Christine Okrent in zweiter Ehe verheiratet ist, dass er sich gern in den Medien berücksichtigt sieht. Sein gewisses Geltungsbedürfnis will Präsident Sarkozy offensichtlich dafür einsetzen, das Interesse der Franzosen an der Außen- und Europapolitik zu stärken.
Kouchner hat dabei in der Vergangenheit stets eigenes Profil gezeigt, etwa als er gegen die Mehrheitsmeinung die amerikanische Intervention im Irak als Sturz einer Diktatur verteidigte. Er kritisierte scharf Chiracs Kuschelkurs mit dem russischen Präsidenten Putin und wurde nicht müde, die Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien anzuprangern. Als Mann der Öffnung wird er sich nicht verbieten lassen, eine eigene Meinung zu behalten. Sarkozy nimmt dieses Risiko gern in Kauf.