Home
http://www.faz.net/-gq5-vbv2
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Mittwoch, 15. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berlin trotzt Taliban-Drohungen „Deutschland muss Kurs halten in Afghanistan“

24.07.2007 ·  Sogenannte Sprecher der Taliban fordern weiter „den Abzug der deutschen Truppen.“ Die deutsche Geisel in ihren Händen soll schwer erkrankt sein. Der UN-Sondergesandte Koenigs fordert indes bei Kanzlerin Merkel eine verstärkte deutsche Präsenz am Hindukusch.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (10)

Der zweite in Afghanistan entführte Deutsche ist nach Angaben der radikalislamischen Taliban „sehr krank“. Der Mann leide an Diabetes und verliere immer wieder das Bewusstsein, sagte Taliban-Sprecher Jussuf Ahmadi am Dienstag in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP. Er müsse meistens auf einer Trage von einem Ort zum anderen gebracht werden.

Der Mann war zusammen mit einem inzwischen verstorbenen weiteren Deutschen und fünf Afghanen am vergangenen Mittwoch in der Provinz Wardak südwestlich von Kabul verschleppt worden. Einem der entführten Afghanen gelang die Flucht. Für die Freilassung der noch verbliebenen fünf Geiseln nannte Ahmadi am Dienstag die Freilassung von zehn Taliban-Kämpfern durch die afghanische Regierung.

„Abzug der deutschen Truppen“

Ein anderer sogenannter Sprecher der Taliban, Kari Mohammad Jusuf , nun zusätzlich wieder „den Abzug der deutschen Truppen.“ Jusuf sagte weiter, die Taliban hätten kein Ultimatum für die Freilassung der deutschen Geisel gestellt. Bislang habe wegen des Mannes niemand Kontakt zu den Taliban aufgenommen.

Entgegen den Äußerungen Jusufs berichtete die ARD, es habe am Sonntag einen telefonischen Kontakt zu der deutschen Geisel gegeben. Der Mann sei herzkrank, und die deutsche Botschaft in Kabul habe versucht, ihm Medikamente zukommen zu lassen. Ob die Arzneimittel angekommen seien, wisse die deutsche Seite nicht.

Weiterhin gibt es unterschiedliche Darstellungen, ob die Entführer Taliban-Kämpfer oder paschtunische Kriminelle seien. Ein precher des Auswärtigen Amtes warnte vor missverständlichen Meldungen und Falschmeldungen aus Afghanistan, mit denen eine „publizistische Dynamik“ in die Angelegenheit gebracht werden solle. Es gebe sogenannte Sprecher der Taliban, die in Wirklichkeit nichts zu sagen hätten. Die Ankündigungen dieses Sprechers vom vergangenen Samstag, die Geiseln seien getötet worden, nannte er eine „infame Propaganda“. (Siehe auch:Deutsche Geiseln: Berlins medialer Kampf mit den Taliban )

Obduktion am Donnerstag

Wie das Auswärtige Amt in Berlin mitteilte, ist die Rückführung des Leichnams für den Mittwoch geplant. Die Obduktion sei für Donnerstag angesetzt. Die Untersuchung des Leichnams soll Aufschluss über die Todesursache des Bauingenieurs geben. Das Auswärtige Amt hatte am Sonntagabend bestätigt, dass die Leiche Schusswunden aufwies.

Auch das Bundeskabinett beschäftigte sich am Dienstag mit dem Schicksal der deutschen Geisel. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte anschließend, der Krisenstab des Auswärtigen Amtes unternehme weiterhin alles, um die seit vergangenem Mittwoch entführte Geisel in Afghanistan zu befreien. Ferner werde alles versucht, den Leichnam des in Geiselhaft verstorbenen Bauingenieurs nach Deutschland zu bringen.

Tornados halfen Suche nach verschleppten Geiseln

Medienberichten, wonach Bundeswehr-Tornados zur Lokalisierung der Geisel-Gruppe geholfen haben, wollten weder das Außen- noch das Verteidigungsministerium bestätigen. Sowohl die ARD als auch die Nachrichtenagentur ddp berichteten, Aufklärungsjets der Bundeswehr in Afghanistan wären bei der Suche nach den deutschen Geiseln im Gebirge südwestlich der Hauptstadt Kabul beteiligt gewesen und hätten und bei der Bestimmung ihres Standortes einen „wesentlichen Teil beitragen können“. Dies sei aus Luftwaffenkreisen bestätigt worden.

Nachdem die Leiche eines der Entführten geborgen werden konnte, hätten die Kidnapper natürlich längst ihr Versteck wieder gewechselt, berichteten Geheimdienstler in Kabul. Wie die Gruppe in der unzugänglichen Bergregion geortet werden konnte, wurde nicht präzisiert. Die Tornados absolvieren seit dem 15. April Aufklärungsflüge für die alliierten Truppen in Afghanistan. Sie sind im nördlichen Stützpunkt der Bundeswehr in Mazar-i-Sharif stationiert. Bisher haben sie gemäß ihrem Auftrag in mehreren hundert Flügen Verstecke der Taliban aufgespürt. „Diese Hinweise haben uns wichtige Informationen geliefert, die unser Vorgehen gegen die Taliban erleichtert haben“, berichtete ein Offizier der Agentur ddp. Nähere Angaben machte er nicht. Dies würde den Einsatz der „Tornados“ beeinträchtigen und sie in Gefahr bringen.

Koenigs: Deutsche Präsenz notwendig

Der Sondergesandte der Vereinten Nationen für Afghanistan hat in einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel für eine Fortsetzung des deutschen Afghanistan-Engagements und auch dessen Erweiterung geworben. Koenigs, der auch mit weiteren Kabinettsmitgliedern gesprochen und sich - wie es hieß „energisch“ - dafür eingesetzt hatte, forderte, Deutschland müsse weiter entschlossen handeln.

Damit waren offenbar Befürchtungen verbunden, ein zögerliches Verhalten der in Afghanistan engagierten Staaten würde politisch Verantwortliche sowie weitere Teile der afghanischen Bevölkerung sich den Taliban anschließen lassen. Koenigs sagte, der Einsatz in Afghanistan werde ein langfristiges Engagement sein. Dies werde in Afghanistan von der internationalen Gemeinschaft erwartet, und es dürfe nicht wegen zunehmender Anschläge oder Erpressungen in Frage gestellt werden.

„Keine Trotzreaktion“

Die Bundesregierung bekräftigte derweil ihre Haltung, dass die Entführungen Deutscher keinen Einfluss auf ihre Afghanistan-Politik nehme. Aktuelle Überlegungen, weitere Bundeswehrsoldaten zum Aufbau Afghanistans zu entsenden, seien keine Trotzreaktion auf die jüngste Geiselnahme, sagte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Erler (SPD), der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Die Geiselnahme von Deutschen hat damit nichts zu tun, es war lange zuvor überlegt“, sagte Erler. „Es wäre eine makabere Wendung, wenn das Handeln der Bundesregierung von Taliban mitgelenkt werden könnte - in welche Richtung auch immer.“

Um die Taliban zu schwächen, müsse der „Dialog mit Pakistan“ intensiviert werden, forderte Erler. Über die 2600 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan kämen stets neue Kämpfer. Das sei zu unterbinden.

Der UN-Sondergesandte Koenigs, der früher für die Grünen Politik machte und in Frankfurt Finanzdezernent war, sagte: „Ganz entscheidend kommt es in dieser schwierigen Situation darauf an, dass so starke und wichtige Partner wie Deutschland energisch Kurs halten.“ Er halte nichts von Debatten, welches Land sich in welchem Landesteil Afghanistans engagiere.

Die Bundesregierung will die Wünsche nach einem verstärkten Engagement prüfen. Die Entscheidungen im Bundeskabinett sollen im Herbst fallen, wenn auch die Verlängerung der Bundeswehrmandate in Afghanistan beschlossen wird.

„Notwendigkeit einer zweiten Aufbauwelle“

An der Unterredung mit Koenigs nach der Kabinettssitzung nahmen auch Außenminister Steinmeier (SPD), Verteidigungsminister Jung (CDU), Innenminister Schäuble (CDU) und Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul (SPD) teil.

In der Bundesregierung heißt es, es gebe die Neigung, die Ausbildung von Polizisten in Afghanistan zu verstärken. Frau Merkel sagte, es müssten die Sicherheit und die Entwicklung Afghanistans als Ziele verzahnt werden. Auch Frau Merkel sprach von einem langfristigen Engagement. Die unterschiedlichen Formen der Hilfe müssten miteinander verbunden werden; nur dann werde das Engagement Erfolg haben.

Auch Außenminister Steinmeier hatte schon vor einiger Zeit für einen Ausbau der deutschen Hilfe geworben. Die Führung der SPD hatte am Montag von der Notwendigkeit einer zweiten „Aufbauwelle“ gesprochen. Mit der „Verzahnung“ von sicherheits- und entwicklungspolitischen Zielen der Afghanistan-Hilfe will es Frau Merkel auch der SPD-Führung erleichtern, in den eigenen Reihen die Zustimmung zur Verlängerung aller drei Bundeswehrmandate durchsetzen zu können. Gegen das Mandat für die „Operation Enduring Freedom“ (OEF) zur militärischen Bekämpfung des Terrorismus gibt es in der SPD-Bundestagsfraktion erhebliche Bedenken.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Schöpfung hat ihren Preis

Von Reinhard Müller

Im Internet gibt es bei vielen kein Unrechtsbewusstsein, was das Herunterladen kostenloser Inhalte angeht. Doch es lohnt sich auch und gerade dort, das Recht auf geistiges Eigentum zu schützen. Durch Abkommen wie „Acta“ erfährt es eine eindrucksvolle Stärkung. Mehr 2 7