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Benedikt XVI. in Kuba „Die Macht des Bösen überwinden“

 ·  Auf seiner Reise durch Kuba wird Benedikt XVI. begeistert gefeiert. In seiner Predigt fordert der Papst die Kubaner dazu auf, „mit den Waffen des Friedens eine menschenwürdigere Gesellschaft kämpfen“, um die „Macht des Bösen“ zu überwinden“.

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© Reuters Vergrößern Papst Benedikt XVI. bei der Messe in Santiago de Cuba“: „Mit den Waffen des Friedens und Verständnisses für den Aufbau einer menschenwürdigeren Gesellschaft kämpfen“

Jubelnde Menschen begleiten Papst Benedikt XVI. auf seiner Reise durch Kuba, der nach Mexiko zweiten und letzten Etappe seiner Lateinamerikareise. Bei einer Messe unter freiem Himmel am Montagnachmittag in der mit 800.000 Einwohnern zweitgrößten und ersten Hauptstadt der Insel, Santiago de Cuba, bat der Vorsitzende der Bischofskonferenz und Erzbischof von Santiago, Dionisio Guillermo García, den Papst um Hilfe bei der Lösung der Probleme in Kuba. Schon auf dem Flug nach Mexiko hatte der Papst den Marxismus als überholt bezeichnet.

Bei seiner Begrüßung auf dem Flughafen forderte er mehr Freiraum für die Kirche. Staatspräsident Raúl Castro hieß seinen Gast hingegen mit kritischen Worten zum amerikanischen Embargo willkommen; er sagte weiter, Kuba sei ein stolzes Land und habe das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen.

Das Regime hat den Kubanern während der Papstvisite freigegeben. Kritiker des Regimes sagen freilich, unter den Jubelnden seien auch viele staatliche Aufpasser. Elizardo Sánchez, Leiter des kubanischen Menschenrechts- und Versöhnungskomitees – das geduldet und darum skeptisch betrachtet wird – beklagte, das Regime habe kurz vor der Ankunft noch insgesamt 150 Personen aus dem Verkehr gezogen.

Sánchez sagte weiter, die Castros – der Staatspräsident sowie sein Bruder, der sogenannte Revolutionsführer Fidel Castro – wollten den Besuch für ihre Zwecke nutzen, insbesondere zur Legitimierung des Führungsanspruches ihrer Familie über ihre eigene Generation hinaus. Sie strebten das „dynastische Modell Nordkoreas an“.

In seiner Predigt sagte Benedikt, die Kubaner müssten „mit den Waffen des Friedens und Verständnisses für den Aufbau einer menschenwürdigeren Gesellschaft kämpfen“. Er rief sie dazu auf, „manche Feindseligkeit oder Anfechtung“ in der Überzeugung hinzunehmen, dass die „Macht des Bösen, das alles verdunkelt“ überwunden werde.

Zur Begrüßung am Flughafen hatte Benedikt gesagt, seit dem Besuch von Johannes Paul II. 1998 gebe es zwar größeres Vertrauen zwischen Kirche und Staat, jedoch blieben „noch viele Aspekte, in denen man vorankommen kann und muss“. Er nehme die „berechtigten Anliegen und legitimen Wünsche aller Kubaner mit, wo immer sie sind, ihre Leiden und Freuden“.

Raúl Castro sagte, sein Land respektiere die Freiheit von Religion und Politik. Darum begrüße er den Papst mit Respekt und in Freundschaft. Voller Selbstbewusstsein über die „Errungenschaften“ Kubas sagte der Präsident über die Vereinigten Staaten: „Die mächtigste Macht der Geschichte hat es nicht geschafft, uns unser Recht auf Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit zu nehmen.“ In Kuba hätten Tausende Ärzte für den Dienst in der Welt studiert. Kubanische Ärzte hätten 2,2 Millionen Menschen das Augenlicht wiedergegeben und 4,8 Millionen Menschen Lesen und Schreiben beigebracht.

Es galt als wahrscheinlich, dass der Papst in Havanna auch Fidel Castro reffen werde. In der Hauptstadt soll sein Besuch an diesem Mittwoch mit einer großen Messe auf dem „Platz der Revolution“ gekrönt werden. Treffen mit Dissidenten waren offiziell nicht geplant.

© reuters, Reuters Vergrößern Santiago de Cuba: Schwieriger Papst-Besuch
Eine Rose für die Jungfrau

Der offizielle Anlass für die Pastoralreise von Benedikt XVI. in Kuba ist die Auffindung der „Barmherzigen Jungfrau von El Cobre“ vor 400 Jahren. Diese Madonna, die nun ein Symbol kubanischer Unabhängigkeit ist, ehrte der Papst am Dienstag mit einer „goldenen Rose“.

Der Überlieferung nach wurde die Holzstatue 1612 von Fischern entdeckt, die in Seenot geraten waren. Nicht weiße Kolonialisten, sondern zwei Indios und ein schwarzer Sklave fanden die „trockene Planke“ mit der Jungfrau samt Christuskind darauf sowie der Aufschrift „Ich bin die Jungfrau der Barmherzigkeit“ – und wurden gerettet. Sie trugen die kleine Holzfigur in das arme Kupferminenstädtchen El Cobre etwa 25 Kilometer nordwestlich von Santiago de Cuba. Dort entstand 1684 die erste Kirche, die sich zur Pilgerstätte der christlichen Sklaven entwickelte.

In diesem Heiligtum endete für den Papst eine Pilgerfahrt, die im November 2011 im schwarzafrikanischen Benin begann, wo er an die Menschen erinnerte, die von dort aus nach Amerika verschleppt wurden. In der Kirche in El Cobre wandten sich viele Sklaven der Zuckerbarone an die Jungfrau von El Cobre. 1801 wurde hier ein Manifest ausgerufen, das zum Ende der Sklaverei aufrief.

Zugleich wurde die Madonna zum Symbol der nationalen Unabhängigkeit, als die Kubaner dort im Juli 1898 ihren Sieg über Spanien feierten, der sie freilich im gleichen Moment unter amerikanische Dominanz brachte. 1916 kürte Papst Benedikt XV. die „Virgen de la Caridad“ zur Patronin Kubas. Im Januar 1998 krönte Johannes Paul II. die Schutzheilige. Unter den Votivgaben in der Wallfahrtskirche befindet sich ein goldener Guerrillakämpfer, der von Fidel Castros Mutter, Lina Ruz, gestiftet wurde; er sollte ihren Sohn während seines Kampfes gegen den Diktator Batista schützen. Auch die Medaille des Literaturnobelpreises für den Schriftsteller Ernest Hemingway, der jahrelang auf Kuba lebte, liegt dort hinter dickem Glas, nachdem sie einmal gestohlen wurde.

Am Dienstag verehrte der „Pilger der Barmherzigkeit“ Benedikt XVI. der Jungfrau in El Cobre eine „goldene Rose“. Die aus der frühen Tradition der Kirche in Rom stammende Rosengabe wurde von Papst Eugen III. im 12. Jahrhundert als Dedikation bezeichnet, die an das Leiden und die Auferstehung Jesu Christi erinnern soll. Derjenige, der sie vom Papst erhalte, sollte angeregt werden, das, was dem Leiden Christi noch fehle, an sich zu erfüllen, damit er so durch Gottes tröstende Milde zur ewigen Seligkeit gelangen könne, schrieb Papst Eugen.

In den vergangenen Monaten war die Virgen de la Caridad durch ganz Kuba getragen worden und nicht nur von Christen, sondern auch von der kommunistischen Nomenklatur als Symbol der Befreiung gefeiert worden. In Havanna heißt es, die Jungfrau von El Cobre helfe Kubas Kirche dabei, die Nation zu einen und für einen friedlichen Übergang in eine Nach-Castro-Zeit vorzubereiten. Ein Priester sagte: „Die Madonna macht uns fit für den Wandel.“(jöb)

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