18.12.2007 · Wallonien war einmal der reiche Teil Belgiens. Heute ist Flandern obenauf. Eine Staatsreform soll einen Ausgleich schaffen. Doch das bringt viel Missmut in die Bevölkerung. Bleibt das Land auf der Strecke?
Von Florentine Fritzen, BrüsselJean Huysmans schämt sich erst seit kurzem. Die längste Zeit seines Lebens fand es der 72 Jahre alte Brüsseler mit den hohen Geheimratsecken völlig in Ordnung, dass er kein Niederländisch sprach, sondern nur Französisch. Jetzt aber ist der Küster von Saint-Michel so verlegen, dass er sich in seiner Wohnung hinter der Kathedrale umständlich einen Whiskey nachschenkt, um Zeit zu gewinnen.
Der schmale Mann im grauen Strickpulli schraubt die Flasche wieder zu, füllt das Glas mit Perrier-Wasser auf, lässt einen Eiswürfel hineinplumpsen. Schließlich sagt Huysmans: „Früher habe ich mich nicht geniert, weil wir uns den Flamen so überlegen fühlten.“
Das hat sich gründlich geändert. Das französischsprachige Wallonien, die Südhälfte Belgiens, war einst ein wohlhabendes Zentrum für Kohle und Stahl. Nach dem Niedergang dieser Industriezweige verarmte die Gegend, viele Menschen verloren ihre Arbeit. Das frankophone Selbstbewusstsein wirkte noch für ein paar Jahrzehnte fort - bei manchen bis heute. Im früher strukturschwachen Flandern im Norden haben sich unterdessen internationale Unternehmen angesiedelt, zum Beispiel Chemiekonzerne.
Huysmans nimmt noch einen Käsekräcker und sagt: „Ich kann die Flamen verstehen, die Veränderungen wollen.“ Der Küster meint jene Politiker, die eine Staatsreform in Belgien fordern, weil zu viel Geld aus Flandern nach Wallonien fließe. Manche sprechen von Finanztransfers in Höhe von zehn Milliarden Euro im Jahr. Daher fordern flämische Politiker, die drei belgischen Regionen - Flandern, Wallonien und die zweisprachige Hauptstadt Brüssel - müssten mehr Autonomie bekommen.
„Eines Tages wird es eine Teilung geben“
Weil sich die im Juni ins Parlament gewählten Parteien aber nicht einig sind über das Ausmaß dieser Staatsreform, die vor allem eine Reform des Arbeitsmarktes und der Sozialsysteme wäre, hat Belgien seit mehr als einem halben Jahr keine Regierung. Denn auch die flämischen und französischsprachigen Schwesterparteien der Christlichen Demokraten und Liberalen, die zu viert eigentlich eine Mehrheit hätten, streiten sich.
Am Montag hat König Albert II. deshalb den im Juni abgewählten Ministerpräsidenten Guy Verhofstadt beauftragt, eine Übergangsregierung zu bilden. Der flämische Liberale nahm die Bitte an, sagte aber, spätestens am 23. März 2008 solle der Wahlsieger, der flämische Christliche Demokrat Yves Leterme, den Auftrag erhalten, eine endgültige Regierung zu bilden. Am Wochenende demonstrierten Zehntausende Brüsseler gegen steigende Kraftstoff- und Lebensmittelpreise, die sie auf die Staatskrise zurückführen. Manche Belgier, vor allem Wallonen, fürchten sogar, das Land könnte auseinanderbrechen.
Einer von ihnen ist Marc Sirlereau. Der Politikjournalist mit den graublonden Löckchen und dem dicken Schal arbeitet in der Redaktion des frankophonen Staatssenders RTBF. „Eines Tages wird es eine Teilung geben“, verkündet er in dem Gebäudekomplex im Brüsseler Osten, in dem RTBF untergebracht ist. „Eines Tages wird Belgien nicht mehr existieren, und dafür sind beide Seiten verantwortlich.“ Die Wallonen spielten seit Jahren auf Zeit, statt endlich ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.
„Das ist wie im Fußball“, vergleicht Sirlereau und positioniert mit den Händen unsichtbare Spieler auf der Tischplatte. „Die Wallonen sind eine schwache Mannschaft, die den Ball immer möglichst weit wegkickt, damit die Gegenseite kein Tor machen kann.“ Die Gegenseite, also die Flamen, hält Sirlereau aber für „noch etwas mehr verantwortlich“ für die seiner Ansicht nach drohende Spaltung Belgiens: „Sie sind egoistisch.“ Die Solidarität aber sei ein europäisches Prinzip: „Reiche Länder unterstützen ärmere. Wenn es diese Solidarität nicht mehr gibt, gibt es kein Europa mehr.“
Radikalisierung in Politik und Gesellschaft
Auf einem anderen Stockwerk nuckelt Jos Bouveroux an einem weißen Kaffee-Rührstab aus Plastik. Der Leiter der Politikredaktion und zugleich einer von fünf Chefredakteuren des flämischen Staatssenders VRT sagt: „Wir Flamen wollen mehr Autonomie nicht gegen die Wallonen, sondern mit den Wallonen. Damit sie endlich einen Modernisierungsschub machen.“ Die Computer, die Tische, der Bodenbelag in dem hellen Großraumbüro sind moderner als bei den Französischsprachigen, wo alles etwas eierschalenfarben anmutet. Für den Redakteur mit dem grauen Bürstenschnitt und dem Stoppelbart ist das halbe Jahr ohne nationale Regierung in Belgien „ein Beweis für die flämische Position, dass das Nationale nicht mehr so wichtig ist“.
Bouveroux spricht aber auch von einer Radikalisierung in Politik und Gesellschaft unter Flamen wie Frankophonen. „Vor allem die flämischen Christlichen Demokraten unter Yves Leterme sind während acht Jahren in der Opposition eine stärker flämische Partei geworden.“ Dass der Wahlsieger Leterme mit den Nationaldemokraten der NVA zusammenarbeite, die einen eigenen flämischen Staat wollten, steigere die „Verlassensangst“ vieler Frankophoner: „Sie glauben, dass die Flamen Separatisten sind. Sie haben Angst, alleine dazustehen mit der hohen Arbeitslosigkeit.“ Belgien, sagt der Flame, sei für diese Wallonen eine Garantie, um ihren sozialen und wirtschaftlichen Status zu behalten. Die zwei Kollegen, die ihren Chef auf dem Redaktionssofa einrahmen, nicken nachdrücklich.
Arroganz auf beiden Seiten
Corinne, Bénédicte und Samuël sind empört über das flämische Argument, die Wallonen missbrauchten das Nationale als Deckmantel, um ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern. Die drei Freunde sind knapp 30 Jahre alt und in Wallonien aufgewachsen. Aus den Fenstern von Corinnes Eltern und Bénédictes Großeltern hängen belgische Fahnen. Viele Französischsprachige vor allem in Brüssel, aber auch in Wallonien haben ihre Fassaden in diesen Tagen mit Nationalflaggen geschmückt.
„Ich finde das schön“, sagt die Modemacherin Corinne in einer Brasserie an der Brüsseler Place Flagey. Die Architektin Bénédicte sagt: „Belgien, das ist ein Konzept, das jeder in seinem Herzen trägt.“ Sozialarbeiter Samuël trinkt Bier. Er sagt, er fühle sich erst in zweiter Linie als Wallone: „Ich bin Belgier.“ Alle drei haben Flämisch in der Schule gelernt, können es aber nicht gut. Samuël zitiert einen Satz, den er dem französischen Außenminister Bernard Kouchner zuschreibt: „Warum eine Sprache lernen, die niemand spricht?“ Auf die Frage, ob es immer noch eine gewisse kulturelle Arroganz der Französischsprachigen gegenüber den Flamen gebe, lächeln sie still. Dann sagt Corinne: „Vielleicht.“
Eine solche Arroganz haben die Flamen den Wallonen in der Vergangenheit oft vorgeworfen. Noch heute erinnert ein flämischer Industrieller in seinem mit Gauguin-Drucken und einer Karte von China geschmückten Büro daran, dass die belgischen Könige seit der Staatsgründung 1820 kein Niederländisch sprachen. Erst 1919 habe sich Albert I. die Mühe gemacht. „Das finden wir natürlich nicht sehr freundlich“, sagt der 57 Jahre alte Generaldirektor, der zum blauweiß gestreiften Hemd eine ebenso gestreifte Krawatte trägt und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: „Dass man erst nach 89 Jahren unsere Sprache spricht.“
Die ersten Opfer einer Teilung
Jean Huysmans hat es versucht. Dreimal, in Abendkursen. Damals war er noch nicht pensioniert und Kathedralenküster, sondern arbeitete in einem Verlag für Fotodrucke. Es hat nicht geklappt. „Hätte ich Niederländisch gekonnt“, sagt er, „wäre ich vielleicht Chef geworden. Und hätte jetzt eine höhere Rente.“ Stattdessen sagt der neue Domdéchant, den Huysmans vor Gottesdiensten in der Sakristei ins Priestergewand einkleidet, dass es „schon besser“ wäre, wenn der Küster endlich Niederländisch lernte. Damit er den Flamen im Andenken-Lädchen in der Seitenkapelle von Saint-Michel auch angemessen antworten könnte, wenn sie fragen, ob eine zum Verkauf angebotene Medaille gesegnet sei oder ob es in der Kathedrale Toiletten gebe.
In dem Souvenirladen hält an diesem Tag Sidonija Berkovic die Stellung. Die Frau mit der Brille und den Plastikspängchen im schulterlangen grauen Haar ist als Staatenlose aufgewachsen, weil sie nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Lager für Displaced Persons geboren wurde. Frau Berkovic hat eine „große Unruhe“ unter Ausländern in Belgien beobachtet: „Der Zentralstaat kümmert sich um alles, was mit Ausländerrecht zu tun hat“, sagt sie auf Französisch und hüllt sich noch fester in die Strickjacke, die sie über dem Wollpulli trägt. „Deshalb wären die Immigranten die ersten Opfer einer Teilung Belgiens.“
Der dicke Nachbar
Marc Sirlereau, der französischsprachige Journalist, will sich nicht festlegen, wann die Trennung kommen werde. Er vergleicht Belgien mit einem Ehepaar: „Die Frau liebt den Mann nicht mehr. Aber sie hat schon vor langer Zeit aufgehört zu arbeiten. Also bleibt sie bei ihm, weil sie abhängig ist. Manchmal schielt sie nach dem dicken Nachbarn und denkt: Wer weiß, wenn es sich ergibt, vielleicht könnte ich mich mal mit ihm treffen.“ Der dicke Nachbar heißt Frankreich.
In Erembodegem ist von all diesen Spannungen nichts zu spüren. Der kleine Ort ist ein Stadtteil von Aalst in Ostflandern. Im eine halbe Stunde mit dem Zug entfernten zweisprachigen Brüssel sprechen sich Fremde auf der Straße zunächst auf Französisch an, die Konditoreien heißen Patisserien, in den Restaurants rund um die Grand' Place gibt es Moules frites. In Erembodegem, wo fast alle Häuser verklinkert sind, heißt die Apotheke „Apoteek“, nicht „Pharmacie“. Hinter einem Weltkriegsdenkmal - „aan onze helden, 1914-1918“ lärmen Kinder auf dem Grundschulhof. Am Bäcker steht „Brood & Gebak“. Die Verkäuferin mit dem roten Kurzhaarschnitt und den schwarz lackierten Fingernägeln kann kein Französisch. Sie ist sich nicht sicher, warum die Menschen in Brüssel Flaggen aus den Fenstern hängen. „Ich glaube, sie wollen zeigen, dass Belgien zusammenbleiben soll. Kann aber auch sein, dass irgendein Fest ist.“
In der Brüsseler Kathedrale läuft Jean Huysmans das rechte Seitenschiff entlang, vorbei an Weihnachtskrippen aus der Ukraine, von den Philippinen, aus Korea. Seine flämischen Bekannten, sagt der Küster, behaupteten immer, sie seien gegen eine Spaltung Belgiens. „Aber was sie sagen, wenn sie unter sich sind - das verstehe ich natürlich nicht.“
Florentine Fritzen Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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