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Pressefreiheit in der Türkei : Wie Erdogan einen deutschen Journalisten mundtot macht

Hier protestiert der Grünen-Politiker Ozcan Mutlu gegen die Verhaftung Deniz Yücels. Bild: EPA

Bei der Verhaftung des Korrespondenten Deniz Yücel geht es nicht nur um Journalismus. Auch auf politischer Ebene steht Einiges auf dem Spiel im Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland.

          Wenn Menschen ungeschickt lügen, macht sie das oft sympathisch, liebenswert geradezu. Aber für das Auswärtige Amt wäre es vielleicht besser, wenn es einige weniger liebenswerte Leute in den eigenen Reihen hätte – zumindest in dem Fall, der hier geschildert werden soll. Eine Szene Mitte Januar, Ankara. Drei deutsche Journalisten unterhalten sich mit einer Person, die bei der deutschen Botschaft beschäftigt ist, über die Türkei. Es geht um das Verfassungsreferendum, den andauernden Ausnahmezustand, die Angst vor Terroranschlägen. Ein munteres Gespräch, offen werden Ansichten und Prognosen ausgetauscht, im Vertrauen natürlich, denn Diplomaten lassen sich nur selten zitieren, und in der Türkei in diesen Tagen schon gar nicht.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Als es um die Verfolgung von Journalisten geht, fragt ein Journalist in die Runde: „Was ist eigentlich mit Deniz Yücel? Der hat schon seit Wochen nichts mehr geschrieben.“ Yücel ist Türkei-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ mit Sitz in Istanbul – und seit Dienstag in Polizeigewahrsam. Seine Festnahme sorgt in Deutschland für Empörung. Als das Gespräch stattfand, war es schon mehr als einen Monat her, seit der letzte Artikel Yücels in der „Welt“ erschienen war. Und seltsam war, dass Yücel, eifriger Nutzer des Kurzmitteilungsdienstes Twitter, auch dort schwieg.

          Noch seltsamer war die Reaktion der freundlichen Person von der deutschen Botschaft in Ankara. Einem scheinbar desinteressiert hingehauchten „Hm“ folgte der ostentative Versuch, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Das gelang auch scheinbar, doch wer für Zwischentöne menschlicher Kommunikation nicht gänzlich taub ist, musste begreifen: Irgendetwas stimmt da nicht.

          Diesen Eindruck hatten auch andere. Einen Tag nach dem Diplomatengespräch, in einem Café in Ankara: Enis Berberoglu ist Abgeordneter der türkischen Oppositionspartei CHP und war vor seinem Wechsel bis 2014 Chefredakteur der Zeitung „Hürriyet“. Er schildert die Versuche der Opposition, die Türken davon zu überzeugen, die von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan betriebene Umwandlung der Türkei in ein Präsidialsystem abzulehnen. Doch bevor das Gespräch beginnt, fragt er: „Haben Sie etwas von Deniz Yücel gehört?“ Er könne ihn nicht erreichen, sagt Berberoglu und wundert sich. „Im Gefängnis ist er nicht, das habe ich schon herausgefunden“, sagt Berberoglu damals.

          Es erforderte einige Umwege, um von einer diplomatischen Interjektion und der Nachfrage eines Parlamentariers in Ankara bis zu einer ungefähren Antwort zu gelangen, doch stellte sich rasch heraus, dass es in Istanbul Leute gibt, die die Antwort kennen: Deniz Yücel, Journalist mit deutschem und türkischem Pass, hatte sich Ende 2016 mit der Bitte um Schutz an das deutsche Generalkonsulat gewandt. Die von der türkischen Regierungspartei AKP kontrollierte Zeitung „Sabah“ hatte am 25. Dezember berichtet, dass die Staatsanwaltschaft die Verhaftung von neun Verdächtigen angeordnet habe, zu denen auch Yücel gehöre. Der 25. Dezember war auch der Tag, an dem Yücel seinen letzten Tweet absetzte.

          Terrorvorwürfe gegen Yücel? Fast ein Kompliment

          Eine Anklageschrift liegt noch nicht vor, doch die türkische Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn offenbar, „Mitglied einer Terrorbande“ zu sein und „Terrorpropaganda“ sowie „Datenmissbrauch“ betrieben zu haben. Der Terrorvorwurf ist im Grunde ein Kompliment. Journalisten, die ihre Arbeit gewissenhaft verrichten und über die Entwicklungen umfassend informieren, gelten in Erdogans Türkei schnell als „Terroristen“ – und landen im Gefängnis.

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