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Baskenland Die Eta: Das letzte Relikt

16.08.2009 ·  Haftbomben unter Polizeiautos, Sprengsätze auf Damentoiletten: Nach den Eta-Anschlägen auf Mallorca stellt sich die Frage: Was sind das für Leute, die nach 858 Morden und 200 eigenen Toten noch immer nicht genug haben von ihrem Kampf um ein unabhängiges Baskenland? Ein Blick zurück bis 1959.

Von Leo Wieland, Madrid
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Seine Majestät, König Juan Carlos I. von Spanien, drückte sich volkstümlich aus: „Man muss ihnen so lange eins auf den Deckel geben, bis man mit ihnen fertig ist.“ Gemeint waren die baskischen Eta-Terroristen, die gerade ihren absurden „bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit“ mit Polizistenmorden und Touristenschreck an den Strand von Palma de Mallorca ausgelagert hatten.

Kurz vor dem König hatte sogar einer der vormals führenden politischen Köpfe der Bande, der einsitzende Rechtsanwalt José María Matanzas Gorostiaga, den unverzagt bombenden Nachwuchs gewarnt, dass „der spanische Staat nicht mehr mit ihnen verhandeln“ werde. Er appellierte an die – gegenwärtig unbekannte – Führung der Bande, doch das Morden aufzugeben und endlich „den Rollladen herunterzulassen“.

Harte Reaktion auf Machtwechsel in Spanien

Die im Selbstbild tapferen „Freiheitskämpfer“ aus den Pyrenäen, die von einigen Naiven in Europa noch immer für eine putzige iberische Mischung aus Wilhelm Tell und Andreas Hofer gehalten werden, sind indes auch fünfzig Jahre nach der Gründung noch nicht bereit, den Vorhang zu schließen und damit vor allem ihre eigene geplagte Heimat in Frieden zu lassen. Auf den Machtwechsel nach den letzten Wahlen im Frühjahr, bei dem die drei Jahrzehnte ununterbrochen dominierende Baskisch-Nationalistische Partei (PNV) von den Sozialisten des spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero abgelöst wurde, reagierte Eta mit einer Bekräftigung der „harten Linie“.

Nun nutzt sie den schlagzeilenarmen Sommer, um auf sich aufmerksam zu machen und präventiv für den Herbst politischen Druck auszuüben. Denn seit alle ihre Sympathisantenparteien verboten und ihr „politischer Arm“ nicht nur aus dem Parlament in der Hauptstadt Vitoria, sondern auch aus vielen Rathäusern in den „Eta-Dörfern“ ausgesperrt ist, sinnt sie auf neue Mittel, ihre „patriotische Linke“ genannten Verbündeten wieder durch Verhandlungen mit dem verhassten „spanischen Staat“ ins Spiel zu bringen.

Idyllischer Gründungsmythos, heroisches Selbstbild

Was sind das für Leute, die nach 858 Morden, 200 Toten aus den eigenen Reihen und mehr als 750 „Lebenslänglichen“ in spanischen und französischen Gefängnissen noch immer nicht genug haben? Inzwischen sind es schon die Enkel jener „Gründerväter“, die am 31. Juli 1959, dem Geburtstag des heiligen Ignatius von Loyola, in Bilbao „Euskadi ta Askatasuna“ (Baskenland und Freiheit) als nördliche Speerspitze gegen die Franco-Diktatur schufen. Eigentlich sollte Eta „Ata“ heißen. Weil die Abkürzung für Vaterland und Freiheit (Aberria ta Askatasuna) auf Baskisch aber auch Ente heißt, kam man davon ab.

Die Spirale der Gewalt, des Hasses und der ideologischen Selbstgehirnwäsche mit einer erfundenen idyllischen eigenen Geschichte begann mit dem ersten Polizistenmord im Jahr 1969. Sie überdauerte dann wie in einer Zeitkapsel den Tod Francos, den Übergang zur Demokratie, den Aufbau einer liberalen Gesellschaft mit üppigen regionalen Autonomierechten – vor allem im Baskenland und in Katalonien – und den zupackenden Griff eines Rechtsstaates, der lernte, sich zur Wehr zu setzen.

Zu einer Mafia degenerierte Terrormaschine

Die führenden „politischen“ und „militärischen“ Köpfe von Eta wurden Generation um Generation entdeckt, gefasst und eingesperrt. An Nachwuchs mangelte es dennoch nicht, weil im spanischen Baskenland ein Sympathisanten-Umfeld von etwa zehn Prozent (in einer Zwei-Millionen-Bevölkerung) existierte und Frankreich auf der anderen Seite der Berge Zuflucht bot. Diese günstigen Bedingungen haben sich in den vergangenen Jahren aber geändert. Die französischen Behörden kooperieren mit den spanischen bei der Verfolgung der Bande.

Zuhause ist der Rückhalt zusammen mit den Wählerstimmen – als die Batasuna-Partei noch zugelassen war – schon erheblich geschrumpft. Politisch hat Eta seit den fingierten „Friedensverhandlungen“mit Zapatero und dem gebrochenen „Waffenstillstand“ nicht mehr viel zu bestellen. Die kriminelle Energie in einer zu einer Mafia degenerierten Terrormaschine, die sich durch erpresserische „Revolutionssteuern“ alimentiert, ist dennoch noch immer nicht zu unterschätzen.

Terror als Selbsterhaltungssystem

Die gegenwärtige Generation der „Etarras“ macht über die Klischees ihrer Kapuzenideologie hinaus – Freiheit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit – kaum noch den Versuch, die innerspanische Debatte mit politischem Inhalt zu füllen. Sie rekrutiert sich überwiegend aus „Nationalisten“, die aus der Straßenkrawallszene kommen und ziemlich ungelenke „Kommandos“ bilden, bei denen manches Attentat zum eigenen Schaden auch schiefgeht. Sie können noch immer Haftbomben unter Polizeiautos anbringen und, wie in Palma, Sprengsätze auf Damentoiletten deponieren. Wie daraus aber am Ende ein unabhängiges „Großbaskenland“ unter Einschluss der französischen Atlantik-Departments werden soll, ist inzwischen auch für die radikalsten baskischen Nationalisten nur noch schwer vorstellbar.

Der Terrorismus hat sich als Selbsterhaltungsphänomen einer Verbrecherbande, die nicht aus ihrem „völkischen“ Labyrinth findet, verselbständigt. Da gibt es als Hauptaktivposten noch die „Liberados“. Das sind die „Etarras“, die von allen bürgerlichen Tätigkeiten „freigestellt“, aus der Eta-Kasse dafür bezahlt werden, dass sie Genickschüsse aus dem Hinterhalt abfeuern und Bombenattentate notfalls auch mit zivilen „Kollateralschäden“ verüben. Der andere Teil sind die „Legales“. Dabei handelt es sich um Fanatiker, die einem gewöhnlichen Beruf nachgehen und von der Polizei – anders als die meisten „Liberados“ – noch nicht entdeckt und auf Fahndungslisten gesetzt wurden.

„Personalmangel“ wird durch Frauen ausgeglichen

Es spricht manches dafür, dass zumindest bei der zweiten Anschlagsserie auf Mallorca ein als Urlauber getarntes Eta-Paar aus „Legales“ mit möglicherweise wochenlangem Vorlauf die Sprengsätze mit Zeitzündern in den Deckenverkleidungen der Restauranttoiletten versteckt hat. Eta ist längst keine Männerwelt mehr. Aus Personalmangel und auch weil die baskischen „Ikastolas“, jene Schulen, in denen die Mär vom historischen Paradies verbreitet wird, inzwischen reichlich weibliche Fanatiker hervorgebracht haben, kamen in jüngster Zeit immer mehr junge Frauen zum Einsatz.

Sie gehören zu jenen geschätzt 15 Prozent der baskischen Jugendlichen, die in dem regionalen Druckkochtopf aus dumpfen Ressentiments ihrer Eltern und von oben gesteuerter Indoktrination durch das Bildungswesen nationalistischer Regierungen Gewalt nicht grundsätzlich ablehnen. Während sich Spanien außerhalb des Baskenlandes im vergangenen halben Jahrhundert von Grund auf verändert hat, ist Eta so nun das letzte und einzige Relikt des Franquismus.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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