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Proteste in Barcelona : Hunderttausende für den kleinsten gemeinsamen Nenner

Ein Lichtermeer für die Festgenommenen: Hunderttausende demonstrieren am Samstag in Barcelona für die Freilassung katalanischer Politiker Bild: AFP

Die nächtliche Großdemonstration der Einheit verdeckt, wie uneinig die Parteien untereinander geworden sind, die bisher gemeinsam für die Unabhängigkeit kämpften. Ihre Front ist längst brüchig.

          Hundertausende kamen, aber die Wichtigsten  fehlten. Die Menschenmenge auf dem Marina-Boulevard reichte von der Basilika  der Sagrada Familia bis zum Meeresufer. Doch kein einziger Politiker, der am  Freitag vor zwei Wochen für die Unabhängigkeit Kataloniens gestimmt hatte,  marschierte in der Abenddämmerung mit. Acht ehemalige Minister sitzen in Madrid  in Untersuchungshaft; der abgesetzte Regierungschef Carles Puigdemont ist zusammen mit vier Weggefährten nach Brüssel geflohen. Die bisherige  Parlamentspräsidentin Carme Forcadell blieb lieber zuhause. Nur gegen eine  Kaution von 150.000 Euro durfte sie am Freitag aus dem Gefängnis nach Barcelona zurückkehren. Am Samstag rieten ihr dann ihre Anwälte, sich politisch  zurückzuhalten und sich nicht an der „Nationalen Diada für die Freiheit“ zu  beteiligen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Aus Tausenden Kehlen erschallte der Ruf „Llibertat“, das katalanische Wort  für Freiheit. Doch dieses Mal hatte er eine andere Bedeutung, als bei den  Großkundgebungen an den katalanischen Nationalfeiertagen. Den Demonstranten – nach Angaben der Stadtpolizei von Barcelona waren es 750.000 Demonstranten – ging es nicht wie sonst um Freiheit für Katalonien, sondern um die Freilassung  der „politischen Gefangenen“: Mit der Festnahme von mehr als der Hälfte der  Regionalregierung – um ein Haar wären am Donnerstag noch mehrere Mitglieder des  Parlamentspräsidiums in Haft gekommen – ist Madrid für viele Katalanen zu weit  gegangen. Das erinnerte viele zu sehr an Demütigungen der Vergangenheit, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben. Dass dann am Samstag  auch noch der 11. November war, passte perfekt zur politischen Inszenierung des Großprotests: Am 11. September begehen die Katalanen ihren Nationalfeiertag, an dem sie der Niederlage gegen die Bourbonen im Jahr 1714 gedenken – der  Vorfahren des heutigen Königs Felipe VI.

          Demonstration in Barcelona : „Freiheit für die politischen Gefangenen“

          Das Gefühl, dass die Zentralregierung in Madrid sie wieder missachtet und unterdrückt, drängte die Enttäuschung darüber in den Hintergrund, dass die eigene Führung ihre Versprechen nicht eingelöst hat. „Wir sind Republik“, lautete die zweite Parole, die die Organisatoren des Protestzugs ausgegeben hatten, aber von dem erträumten Staat, den das katalanische Parlament vor zwei Wochen  ausgerufen hatte, ist nichts übriggeblieben. Vor dem Obersten Gerichtshof in  Madrid bezeichnete Parlamentspräsidentin Carme Forcadell die am 27. Oktober verabschiedete Unabhängigkeitserklärung nur als einen „symbolischen“ Akt, der keine konkreten Folgen habe. Sie ging sogar noch weiter und erkannte die Anwendung  des Artikels 155 der spanischen Verfassung an. Wenige Stunden nach der Erklärung löste der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy mit dessen Hilfe das Parlament in Barcelona auf, setzte die Regionalregierung von Carles Puigdemont ab und verkündete Neuwahlen für den 21. Dezember.

          Der Wahlkampf hat noch nicht richtig begonnen, doch der Kampf für die  „Presos Polítics“, die „politischen Gefangenen“, wie sie in Barcelona genannt werden, eint das separatistische Lager, das in den vergangenen Tagen nach Puigdemonts Flucht und den Festnahmen erst wie unter Schock stand und dann politisch zeitweise aus dem Tritt zu geraten schien. Vergeblich müht sich die katalanische Opposition, die Regierung in Madrid wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International darauf hinzuweisen, dass es sich bei den ehemaligen Ministern und Aktivisten um festgenommene Politiker, nicht um politische Häftlinge handelt.

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