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Barack Obama Aufgeschlagen in der Wirklichkeit

03.01.2010 ·  Friedensnobelpreisträger Obama ist zum Kriegspräsidenten geworden. Er erteilt immer mehr Soldaten den Marschbefehl oder befiehlt den Einsatz von Drohnen. Der Süden der Arabischen Halbinsel könnte die dritte aktive Front im Krieg gegen den Terror werden.

Von Matthias Rüb, Washington
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Gestern war Obamas epischer Kampf um die Reform des amerikanischen Gesundheitswesens - mit einem wichtigen Abstimmungssieg im Senat zu Heiligabend; heute steht der Präsident mitten im Krieg gegen den Terrorismus - mit einem nur knapp fehlgeschlagenen Anschlag auf ein Passagierflugzeug über Detroit an Weihnachten und dem schlimmsten Verlust des Auslandsgeheimdienstes CIA seit 1983 bei einem Selbstmordattentat der Taliban in der ostafghanischen Provinz Khost am Tag vor Silvester.

Vorgestern zogen Usama Bin Ladin und Ayman al Zawahiri von Afghanistan aus die Fäden im globalen Terrornetz Al Qaida; gestern schlugen sie sich über die Berge nach Pakistan durch und verbreiten jetzt dort gemeinsam mit den Taliban Terror und Schrecken am Hindukusch; heute schließlich werden Anschläge in Amerika und anderswo in der Welt vom Jemen aus geplant.

Das politische Koordinatensystem des amerikanischen Präsidenten und seiner Verbündeten im Westen hat sich über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel radikal geändert. In seiner wöchentlichen Rundfunkansprache vom Samstag beschuldigte Obama erstmals direkt Al Qaida, für den gescheiterten Selbstmordanschlag des Nigerianers Umar Faruk Abdulmutallab verantwortlich zu sein. Ideologen und Bombenbauer von Al Qaida im Jemen hätten Abdulmutallab „ausgebildet, mit diesem Sprengstoff ausgestattet und ihn angewiesen, das Flugzeug mit Ziel Amerika anzugreifen“, sagte Obama, der in einer ersten Reaktion auf den gescheiterten Anschlag noch von der Tat eines „isolierten Extremisten“ gesprochen hatte. Über den Jahreswechsel wurde in Washington über einen möglicherweise bald bevorstehenden Vergeltungsschlag der Amerikaner gegen Terroristenverstecke im Jemen gemunkelt; die Geheimdienste und die Streitkräfte hätten mit der Zielauswahl schon begonnen.

Eine dritte aktive Front

Präsident Barack Hussein Obama, der mit seiner Kairoer Rede der Welt des Islams die Hand der Versöhnung entgegenstreckte, ist vor dem Ablauf seines ersten Amtsjahres zum Kriegspräsidenten geworden. Er erteilt immer mehr amerikanischen Soldaten den Marschbefehl in muslimisch geprägte Länder oder befiehlt dort den Einsatz unbemannter Drohnen. In Afghanistan sollen bis zum Sommer weitere 30.000 Soldaten gegen Taliban und Al Qaida kämpfen; die Truppenstärke der Amerikaner am Hindukusch wird dann gut 100.000 Mann betragen.

Ebenso viele Amerikaner in Uniform sind derzeit noch im Irak im Einsatz. Immerhin gibt es von diesem Kriegsschauplatz trotz gelegentlicher verheerender Anschläge Erfreuliches zu berichten: Der Dezember 2009 war der erste Monat seit Kriegsbeginn vor fast sieben Jahren, in dem kein einziger amerikanischer Soldat im Zweistromland fiel. Der Süden der Arabischen Halbinsel könnte neben dem Zweistromland und dem Hindukusch nun die dritte aktive Front im Krieg eines Präsidenten werden, der die Worte „Krieg“ und „Terrorismus“ aus seinem politischen Wortschatz zu streichen versucht hatte.

Dass es in drei Wochen - am 22. Januar - sozusagen amtlich zu einer seit langem absehbaren Blamage kommen wird, passt ins Bild von einem Präsidenten, der nach einem rhetorischen Steilstart in den Himmel der Hoffnung über die Feiertage eine überaus harte Landung in der irdischen Wirklichkeit erleben musste. Am dritten vollen Arbeitstag seiner Amtszeit hatte Obama per Dekret die Schließung des umstrittenen Gefangenenlagers Guantánamo Bay binnen eines Jahres verfügt.

„Notfalloperation in Übersee“

Doch den Jahrestag des Versprechens werden dort gut 200 Terrorverdächtige verbringen; fast die Hälfte der Gefangenen sind übrigens Jemeniten, deren geplante baldige Überstellung an die Regierung in Sanaa nun in weite Ferne rücken dürfte. Stattdessen stockt Washington die finanzielle Hilfe für den Kampf der jemenitischen Regierung gegen Al Qaida deutlich auf. Nur nach Pakistan fließt mehr Geld für den Krieg gegen den Terrorismus, der unter Obama freilich nicht mehr so heißen darf, sondern in „Notfalloperation in Übersee“ umgetauft wurde. Diese ausgeweiteten Operationen sollen verhindern helfen, dass es auf amerikanischem Boden abermals zu „menschengemachten Katastrophen“ kommt, wie der terroristische Massenmord jetzt heißt.

Der Präsident, der sich wegen seiner verspäteten und als zunächst verharmlosend gebrandmarkten Reaktion auf Detroit heftiger Kritik der oppositionellen Republikaner ausgesetzt sieht, beginnt seine Arbeitswoche mit einer Krisensitzung mit den Geheimdienstchefs. Vom Friedensnobelpreisträger des Jahres 2009, der in seiner Dankesrede in Oslo die Existenz „des Bösen“ in der Welt bekräftigt hatte, schallt ins neue Jahr die Warnung an „diejenigen, die an dem versuchten Terrorakt an Weihnachten beteiligt waren: Sie werden zur Rechenschaft gezogen werden.“

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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