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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Baptisten Die Stunde der größten Einigkeit

 ·  Die Rassentrennung war für die „Southern Baptist Convention“ das Gründungsfundament. Mit der Wahl eines Afroamerikaners zu ihrem Präsidenten versöhnen sie sich mit ihrer Geschichte.

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© dapd Mit einem Taschentuch voller Tränen: Nach der Wahl Luters rufen die Delegierten: „Halleluja!“

Gegen vier Uhr nachmittags wird in der Halle B des Ernest-N.-Morial-Kongresszentrums zu New Orleans Geschichte geschrieben. Man könnte auch sagen, dass um diese Zeit der Allmächtige direkt in den Geschichtsprozess eingreift. So sehen es jedenfalls Fred Luter und die knapp 8.000 Delegierten der Jahrestagung der „Southern Baptist Convention“ (SBC). Die Delegierten heißen hier offiziell „Boten“ - auf ihren Namensschildchen steht das Wort „Messenger“ -, und nach der Wahl von Pastor Luter zum Kirchenpräsidenten durch Akklamation springen sie von ihren Klappstühlen auf, werfen die Arme in die Höhe und rufen: „Halleluja!“

Es fließen viele Tränen. Oben auf dem Podium kommt der frisch gewählte Kirchenpräsident Fred Luter, der von seinem Vorgänger Bryan Wright umarmt wird, mit seinem Taschentuch kaum nach. Und auch unten auf dem Betonboden von Halle B geht manches Auge über. Wer sagt, dass Gott an einem schwülen Frühsommertag nicht in einer schmucklosen Messehalle im Süden von Louisiana gegenwärtig sein kann?

Ein Riss, der bis heute nicht ganz gekittet ist

Die Jahrestagung der Baptisten des Südens findet seit 1845 statt. Ihr Entstehen verdankt sie dem Streit über die Sklaverei. Vertreter der nördlichen Bundesstaaten des damaligen Kirchenverbandes „First Baptist Church in America“ weigerten sich, weiße Sklavenhalter aus dem Süden auf Missionsposten zu berufen. Daraufhin spalteten sich die Baptistenkirchen der Südstaaten ab und gründeten die SBC. Viele protestantische Glaubensgemeinschaften in Amerika spalteten sich damals in nördliche und südliche Kirchenverbände. Dieser Riss prägte nicht nur die Kirchen, sondern die gesamte amerikanische Gesellschaft bis weit in das 20. Jahrhundert, und er ist bis heute nicht ganz gekittet.

Vom schwarzen Bürgerrechtler und Baptistenprediger Martin Luther King ist aus dem Jahr 1963 das Wort überliefert, sonntags morgens um elf Uhr sei noch immer „die Stunde der größten Spaltung“ der amerikanischen Nation. In den Kirchenbänken dauerte die „freiwillige“ Rassentrennung fort, nachdem sie in Schulen und anderen staatlichen Institutionen längst abgeschafft worden war. Für die SBC war diese Rassentrennung so etwas wie ein Gründungsfundament: Sie war die Kirche der weißen Baptisten im Süden, die meisten schwarzen Baptisten gründeten eigene Glaubensgemeinschaften.

Die Resolution

Erst 1995 wurde unter maßgeblicher Führung von Richard Land, dem einflussreichen Chef der „Kommission für Ethik und Religionsfreiheit“ der SBC, ein Meilenstein in der Geschichte der Kirche gesetzt. Bei ihrem Jahrestreffen vor 17 Jahren nahm die SBC eine Resolution an, in welcher sich die Kirche in aller Form für ihre Unterstützung der Sklaverei und des Rassismus entschuldigte und „alle Afroamerikaner“ um Vergebung bat. „Zuvor haben wir niemals formal Verantwortung dafür übernommen, was früher geschah, und wir haben uns nie entschuldigt und um Vergebung gebeten“, sagte Land. Seither ist die Zahl der Schwarzen in der SBC von etwa 337.000 auf heute gut eine Million gewachsen.

Die SBC ist bis heute die größte aller protestantischen Kirchen in den Vereinigten Staaten und nach der katholischen Kirche die zweitgrößte christliche Glaubensgemeinschaft. Die Südlichen Baptisten sind konservative Evangelikale, im gesellschaftlichen Streit über Abtreibung und Homosexuellenehe hat das Wort der Baptisten großes Gewicht. Zwar schrumpft die Zahl der Gläubigen der SBC seit einigen Jahren, noch immer aber liegt sie bei knapp 16 Millionen. Dass sich hinter dieser Zahl auch Kaufkraft verbirgt, zeigt ein Gang durch Halle C.

Dort werben Dutzende Hochschulen um Studenten nicht nur der Theologie, sondern aller geisteswissenschaftlichen Fächer. Christliche Literatur, Musik und Filme werden feilgeboten. Daneben wirbt ein Unternehmen aus Tennessee für Busse, die sich besonders für den Transport von Gläubigen zum Gottesdienst eignen. Und natürlich darf auch der Stand des israelischen Tourismusministeriums nicht fehlen, wo man etwa die Broschüre „Biblische Orte für christliche Besucher“ erhält. Gleich nebenan, bei der Fluggesellschaft „El Al“, erfährt man „Alles über Ihren Flug ins Heilige Land“. Christentum in Amerika ist nichts für Bettelorden. Es ist ein Milliardengeschäft.

Energie und Charisma

Doch ohne Glaubensfestigkeit, Prinzipientreue und Fleiß geht nichts. Dafür ist Fred Luter ein leuchtendes Beispiel. Keinem anderen hätte es gelingen können, als erster Schwarzer zum Präsidenten einer mehrheitlich weißen Protestantenkirche gewählt zu werden. Wenn nicht alles täuscht, wird er in den zwei Jahren seiner Amtszeit den Trend zur ethnischen Diversifizierung der SBC fortsetzen. Aus der einst rein weißen Glaubensgemeinschaft ist heute eine der ethnisch buntesten Kirchen geworden: Etwa ein Fünftel der Gläubigen sind inzwischen Schwarze, Asiaten und Latinos.

Luter versprach nach seiner Wahl, alles dafür zu tun, dass sich dieser Trend fortsetzt: „Wenn wir künftig nicht mehr Schwarze, Asiaten und Latinos in Führungspositionen wählen, dann sind wir gescheitert.“ An Energie und Charisma jedenfalls fehlt es dem neuen Kirchenpräsidenten aus New Orleans nicht. Der heute 55 Jahre alte Luter wurde in dem überwiegend schwarzen Viertel Lower Ninth Ward geboren, das vom Hochwasser des Hurrikans „Katrina“ im August 2005 fast vollständig zerstört wurde. Die Eltern ließen sich scheiden, als Fred sechs Jahre alt war. Die Mutter versuchte mit zwei bis drei Jobs die Familie zu ernähren, zum Erziehen der fünf Kinder blieb keine Zeit. „Ich bin der Mittlere von uns fünfen, und wir haben uns selbst erzogen. Dass man dabei falsche Entscheidungen trifft und mit den falschen Leuten zusammenkommt, ist unvermeidlich“, erzählt Luther.

Auf Krücken in die Kirche

Wie er an das Geld für sein Motorrad kam, das er sich mit 21 Jahren kaufte, will Luter nicht erzählen. Das Glück auf zwei Rädern dauerte nur wenige Monate: Bei einem schweren Unfall wurde sein linkes Bein zerschmettert, er erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Ein Diakon der Kirche seiner Mutter besuchte ihn im Krankenhaus und sagte: „Mein Junge, gehorsam sein ist besser als Opfer sein. Du musst deiner Mutter gehorchen.“ Sein erster Gang auf Krücken führte Luter nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in die Kirche, wo er sein Leben Jesus Christus weihte.

Luter heiratete seine Jugendliebe Elizabeth, nahm einen Bürojob bei einem Immobilienmakler an und ging jeden Sonntag zur Kirche. Dazu begann er selbst zu predigen - mit einem Megafon auf der Straße. Diese frühe Erfahrung präge den Stil seiner Predigten bis heute, sagt Luter: „Wenn du an einer Straßenecke predigst, musst du schnell reden, denn die Leute bewegen sich schnell.“ 1986 wurde Luter - damals 31 Jahre alt und Vater zweier kleiner Kinder - die Übernahme des Predigeramts in der Franklin Avenue Baptist Church im benachbarten Stadtteil Gentilly angeboten.

Die Kirche hatte seinerzeit nur noch 65 Mitglieder, weil die meisten Weißen fortgezogen waren in die Vororte. Die Vorbehalte mancher Gläubigen gegen den jungen Pastor, der keine theologische Ausbildung vorzuweisen hatte, verflogen bald. In den kommenden zwei Jahrzehnten wuchs die Kirche unter Luters Führung auf 8.000 - fast ausschließlich schwarze - Mitglieder und mithin zur größten und am schnellsten wachsenden Kirche der SBC in Louisiana.

Und dann kam Katrina

Bis der Hurrikan „Katrina“ Anfang August 2005 alles zunichtemachte. Luters Kirche stand drei Meter tief unter Wasser. Die Mitglieder seiner Gemeinde waren in alle Himmelsrichtungen aus der versunkenen Stadt geflohen. „Ich dachte, mein Predigerdienst, mein Leben sei zu Ende“, sagt Luter. „Doch durch die Gnade Gottes konnten wir zurückkehren.“ Der weiße Pastor David Crosby, dessen First Baptist Church von den Fluten verschont geblieben war, lud Luter und dessen Gemeinde in sein Gotteshaus ein. Den ersten Gottesdienst in seiner renovierten Kirche an der Franklin Avenue konnte Luter im April 2008 feiern. Heute hat seine Gemeinde wieder gut 5.000 Mitglieder.

Auch am Ernest-N.-Morial-Kongresszentrum herrschten nach dem Hurrikan unbeschreibliche Zustände. Die Messehallen waren ein Sammelplatz für die in New Orleans Gestrandeten. Es waren fast ausnahmslos Schwarze. Dass knapp sieben Jahre später an gleicher Stelle ein Schwarzer zum Präsidenten einer einst weißen Kirche gewählt wird, kann sich Luter nur als Gnadenakt erklären. „Seit mehr als 25 Jahren halte ich Gott, dem Wort Gottes und auch meiner Frau die Treue“, sagt er: „Wer Gott treu bleibt, dem bleibt Gott auch treu.“

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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