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Banlieue trifft Neukölln : Töpfern gegen rechtsfreie Räume

Grafitti in der Banlieue Asnieres sur Seine Bild:

Mit den speziell ausgebildeten Polizeieinheiten „UTeQ“ will Frankreichs Präsident Sarkozy die Hochhaussiedlungen um die großen Städte befrieden. Richter, Sozialarbeiter und Polizisten aus Berlin-Neukölln wollten nun sehen, ob sie davon lernen können.

          Ein brauner Hochhausbunker beherbergt das Verwaltungszentrum von Clichy-sous-Bois. Er liegt in sicherer Entfernung von den heruntergekommenen Sozialbausiedlungen, in denen Ende 2005 die Banlieue-Unruhen ausbrachen. Knapp fünf Jahre später bleibt Clichy-sous-Bois ein soziales Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. Das sagt Marine Lurkin, die in dem Pariser Vorort für „Prävention und öffentliche Ruhe“ zuständig ist. Aber die resolute blonde Frau will nicht neue Krisenszenarien entwickeln. Sie redet lieber über die verbesserte Polizeiarbeit in Clichy-sous-Bois und über die Lehren, die aus der Banlieue-Krise gezogen wurden. Denn ihre Gäste im Verwaltungszentrum sind an diesem Tag Polizisten, Richter und Sozialarbeiter aus dem sozial benachteiligten Berliner Bezirk Neukölln. Sie wollen wissen, ob sie vom französischen Beispiel lernen können. Organisiert hat den Austausch das Deutsch-Französische Jugendwerk.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Im September wird in Clichy-sous-Bois eine neue Polizeiwache eingeweiht. Das ist die größte staatliche Zuwendung, die der 30.000-Einwohner-Ort seit den Unruhen erfährt. Von einer direkten öffentlichen Verkehrverbindung ins 15 Kilometer entfernte Paris, von Freizeitangeboten wie einem städtischen Schwimmbad oder von einem Kino können die Leute in Clichy-sous-Bois weiterhin nur träumen.

          Zwei Drittel der Bewohner leben von staatlichen Hilfen. Sie stammen aus Nord- oder Schwarzafrika, aber die meisten haben einen französischen Pass. Die Wirtschaftskrise hat Clichy-sous-Bois besonders hart getroffen, mehr als vierzig Prozent der Schulabgänger finden weder Ausbildungsstelle noch Arbeitsplatz. Darüber ist den Bewohnern auch der Glauben an die Politik verloren gegangen: Bei den Regionalwahlen Mitte März ging hier weniger als ein Fünftel der Wahlberechtigten an die Urnen. Auf die ökonomische und soziale Segregation folgt die politische – die Bewohner der Banlieue, die bei der Präsidentenwahl 2007 noch zur hohen Wahlbeteiligung beigetragen hatten, wählen nun nicht mehr. „Die Leute fühlen sich nicht mehr als aktiver Teil der Gesellschaft. Sie haben das Gefühl, keine politische Daseinsberechtigung mehr zu haben“, sagt der Soziologe Didier Lapeyronnie.

          „Dann gibt es ein gerichtliches Nachspiel“

          Die neue Polizeiwache für Clichy-sous-Bois steht dabei symbolisch für Präsident Sarkozys Ansatz: Überwachung und Repression sollen die Banlieue befrieden. Kernstück sind die 2008 gegründeten „UTeQ“ („unité territoriale de quartier“), Polizeieinheiten mit Sonderausbildung, die sich wieder zu Fuß in die Hochhaussiedlungen wagen. „Seither gibt es keine rechtsfreien Räume mehr“, sagt Alain Boisselier, der für „die Förderung des Zusammenhalts von Polizei und Bevölkerung“ zuständig ist.

          Die UTeQ-Beamten sind mit modernen Elektroschockwaffen („Taser“) ausgerüstet und streifen stets zu Sechst oder Acht durch Clichy-sous-Bois und das benachbarte Montfermeil. „Sie stehen im ständigen Dialog mit den Bewohnern“, sagt Boisselier. Lungern Jugendliche in den Eingangshallen der Wohntürme herum und pöbeln andere Mieter an, dann greifen die UTeQ-Patrouillen ein. „Dann gibt es ein gerichtliches Nachspiel“, hebt Boisselier hervor. „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, mit den Jugendlichen einfach zu reden?“, fragt ein Polizeikommissar aus Berlin. „Es ist selten, dass Appelle an die Vernunft fruchten“, sagt Boisselier.

          Er beschreibt dann aber doch, dass die UTeQ-Beamten auch „pädagogische Arbeit“ leisten, wenn sie etwa erklären, warum die Rauschgiftbrigade aus Paris im Morgengrauen einen Dealerstützpunkt in Clichy-sous-Bois ausgehoben hat. So werde verhindert, dass sich Gerüchte ausbreiteten. „Es macht einen großen Unterschied, ortskundige Polizeikräfte einzusetzen. Sie kennen sich einfach aus, können Gelegenheitsunruhestifter von notorischen Straftätern unterscheiden“, pflichtet Polizeikommissarin Florence Adam bei.

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