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Bankenkrise Finanzweltenretter Gordon Brown

09.10.2008 ·  Der britische Staat nimmt Bankanteile in Besitz, um das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch zu retten. Brown sieht sich damit als Trendsetter auch für andere Länder Europas. Und die Briten sind empört über die Deutschen.

Von Johannes Leithäuser, London
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Die Makler, Händler, Banker in der City gingen im Hemd in die Mittagspause, viele auch ohne Schlips – so unpassend mild ist der Mittwoch in London gewesen. Um 6 Uhr 45 früh erschien die gelbe Oktobersonne über der Stadt, um wenige Minuten nach sieben war der britische Schatzkanzler Darling im Radio zu hören mit seiner Botschaft, die Regierung werde Bankanteile im Wert von 50 Milliarden Pfund (mehr als 63 Milliarden Euro) in Staatsbesitz nehmen, um das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch zu retten.

Um neun Uhr wiederholte Darling seine Botschaft Seite an Seite mit Premierminister Brown, um zwölf Uhr mittags verkündete Brown die gleiche Botschaft nochmals im Unterhaus, um 12 Uhr 30 trat wiederum Darling vor die Abgeordneten, las ihnen den Rettungsplan ein nächstes Mal vor und bat um Verzeihung, dass er die Details am Morgen schon habe bekannt machen müssen, „bevor die Märkte öffneten, aus offenkundigen Gründen“. Der britische Aktienindex stürzte zum Handelsbeginn sofort weiter nach unten, erholte sich dann während des heiteren Herbstmorgens aber etwas.

Folgen bald Aktionen anderer Länder?

Vor vier Wochen, als die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach und im Londoner Finanzviertel Canary Wharf junge Angestellte ihre Schreibtisch-Utensilien in Pappkartons aus dem Bankenturm trugen, als retteten sie Wertsachen aus einem Bürohausbrand, da setzte neben Sorge und Mitleid auch Häme den emotionalen Ton in der Stadt. Die Schriftstellerin Rachel Johnson, Bewohnerin des gediegenen Wohnviertels Notting Hill nordwestlich des Hyde Parks, durfte auf einer ganzen Zeitungsseite der „Sunday Times“ ihre „Schadenfreude“ (Engländer verwenden diesen Ausdruck auf deutsch) darüber verbreiten, dass die bornierte Verschwendung amerikanischer Investmentbankersgattinnen nun ein Ende habe. Leider bekämen das auch die örtlichen Kleinunternehmer zu spüren: Der Hunde-Ausführdienst „Happy Dogs“ habe binnen weniger Tage ein Fünftel seiner Kundschaft verloren.

Damals sprach auch der britische Premierminister noch gern von „amerikanischen Unverantwortlichkeiten“, die bedauerlicherweise auch andere in Mitleidenschaft zögen. Jetzt beanspruchte er zweimal die Formel, seine Regierung führe „die Welt an“, sei „weltweit führend“ in der Art und Weise, wie sie mittels staatlicher Eingriffe die Kreditkrise lösen wolle. Er habe am Mittwoch Morgen mit „Chancellor Merkel, President Sarkozy, Prime Minister Berlusconi“ telefoniert, berichtete Brown im Unterhaus, und sei zuversichtlich, dass den entschlossenen Maßnahmen seiner Regierung „schon sehr bald“ Aktionen anderer Länder folgen würden.

Nervöse Reaktionen auf Merkels Rede

Die vorgeführte Tatkraft löste am Mittwoch Tage des Abwartens ab, in denen die vorherrschende Reaktion der Regierung Ihrer Majestät aus steigendem Ärger und Zorn über die Aktionen anderer Staaten und Staatsführungen bestanden hatte. Die Ankündigung auf der irischen Nachbarinsel, die gesamten Einlagen in irischen Banken würden von der Regierung gesetzlich garantiert werden, riefen am vergangenen Freitag in London ohnmächtige Wut und Sorge über eine Abwanderung des Finanzgeschäfts nach Dublin hervor.

Noch nervöser fielen am Wochenende die britischen Reaktionen auf Äußerungen der deutschen Bundeskanzlerin Merkel und des deutschen Finanzministers Steinbrück aus, die mit unpräzisen Formulierungen Sparer und Anleger in Deutschland hatten beruhigen wollen. Einen Abend und einen Morgen lang verlautbarten Repräsentanten der Londoner Regierung in ihren offiziellen Stellungnahmen in grober Offenheit, sie hätten keinen Schimmer, was die Deutschen mit ihren Äußerungen genau gemeint hätten. Doch, man bemühe sich eifrig um Klarheit, nein, man habe noch keine hinreichend aufschlussreiche Auskunft aus Berlin bekommen.

Der deutsche Botschafter Boomgaarden wurde am Montagabend in die Hauptnachrichtensendung der BBC bestellt und von der Nachrichtenmoderatorin bestürmt mit Fragen, warum Deutschland denn so unkoordiniert und so undeutlich gehandelt habe. In der Zeitung „Times“ war noch am Mittwoch eine Karikatur zu bestaunen, in der die deutsche Kanzlerin auf einem schwarz-rot-goldenen Badetuch ausgebreitet gleich drei Sonnenliegen am Swimmingpool belegt hat – so dass für Premierminister Brown, der ein blaues Strand-Laken mit Europasternen unter dem Arm hält, kein Platz mehr frei bleibt.

„Ja, wir wollen Unternehmertum, ja wir wollen freien Handel“

Die Not-Aktionen anderer Länder versetzten die britische Regierung nicht bloß finanzpolitisch in Unruhe, Brown sah sein gerade erst vor der Kulisse der Krise wieder gefestigtes persönliches Ansehen in Gefahr. Im seinem parlamentarischen Auftritt am Mittwoch trug ihn der Aktionseifer daher manchmal über den Anlass hinaus: „Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht“, rief Brown immer wieder im Unterhaus aus – und wirkte dabei, als habe er seine Macht, nach einem lustlosen Putschversuch seiner Partei gegen ihn, gerade erst unverhofft aufgefrischt und wiedergewonnen.

Der Oppositionsführer Cameron stellte Browns Autorität bei dieser ersten „Fragestunde an den Premierminister“ seit dem Ende der parlamentarischen Sommerpause nicht in Frage: er hielt sich an seine Ankündigung, die Schwere der Krise erfordere die Unterstützung der Opposition. Aber während Camerons Oppositionskollege Clegg, der Anführer der liberaldemokratischen Partei, bloß ein Untergangsbild malte – „wenn das Schiff sinkt, schickt man Rettungsboote, statt zu streiten, wer es auf den Eisberg setzte“ – wollte der Anführer der Konservativen nicht ganz auf eigene politische Leuchtsignale verzichten.

Ob Brown denn garantieren könne, dass jene Bankvorstände, die nun staatliche Rettungsmittel in Anspruch nähmen, auf jedwede Bonuszahlung verzichten müssten? Und während der Führer der Konservativen auf diese Weise wieder die Häme ins Spiel brachte, rief er damit zugleich den Premierminister der Labour-Regierung als Verteidiger der Marktwirtschaft auf den Plan: Der Trennstrich verlaufe doch nicht „zwischen Markt und Anti-Markt“, sondern zwischen Verantwortung und Exzess. „Ja, wir wollen Unternehmertum, ja wir wollen freien Handel, und Bereitschaft zum Risiko“, beteuerte Brown, nur unverantwortlich dürfe es halt nicht sein.

Bischof: Den Berufsstand der Banker nicht verdammen

Am Mittwochmorgen, in der täglichen Radioandacht, hatte schon der anglikanische Bischof von Liverpool seine Zuhörer davor gewarnt, den Berufsstand der Banker zu verdammen: nur einzelne, wenige, hätten unmoralisch gehandelt. Und der Pfarrer von St. Michael am Kornhügel, jener Innenstadtkirche, die direkt vis-à-vis des Altbaues der Königlichen Börse im Londoner Bankenviertel liegt, steckte am Windfang seiner Kirche ein Pamphlet mit Reißzwecken fest. Es gebe keine bessere Lösung als die Marktwirtschaft, beteuert Pfarrer Mullen darin, jedenfalls bestimmt nicht den Marxismus. Alle Menschen sündigten. Kapitalismus sei ja keineswegs perfekt, aber er biete wenigstens die Aussicht auf bescheidenen Erfolg. Mitunter stiegen am Mittwoch in der Mittagszeit Passanten im Anzug die Stufen zur Kirche hinauf – um im Schutz des gotischen Eingangsbogens die Stimme in ihrem Mobiltelefon besser verstehen zu können.

Gegenüber der Kirche, im Quaderbau der alten Börse (der Aktienhandel ist vor Jahren in ein sachliches Bürohaus 1000 Meter weit weg verlegt worden), präsentiert ein Laden für Damendessous seine Schaufenster. Zwei dünn bekleidete Puppen stehen darin; aus einem Topf am Boden steigt künstlicher Stickstoffnebel, und ein Schriftzug auf dem Schaufensterglas gibt an, „die Saison der Hexen“ habe jetzt angefangen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in London.

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