Nein, er bereut nicht, im Gegenteil. Als vergangene Woche vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag sein Prozess begann, verhöhnte Ratko Mladic seine Opfer und deren Hinterbliebene: Da fixierte der ehemalige Militärführer der bosnischen Serben eine der im Publikum anwesenden Frauen von Srebrenica, deren Männer und Söhne von seinen Truppen ermordet worden sind, und deutete dann mit der Hand einen Messerschnitt am Hals an. Sollte das heißen: Auch Dir hätten wir damals die Kehle durchschneiden sollen?
Es ist zwanzig Jahre her, dass der Krieg in Bosnien begann - sein Krieg, die große Zeit des Generals Ratko Mladic. Die offizielle Gedenkfeier zum Kriegsbeginn fand schon am 6. April statt. Auf dem Marshall-Tito-Boulevard in der Innenstadt von Sarajevo wurde ein Schauspiel für 11.541 leere Stühle aufgeführt. Jeder Stuhl stand für einen bei der Belagerung Sarajevos zwischen 1992 und 1995 umgekommenen Einwohner der Stadt. Die Stadtverwaltung hatte die blutroten Stühle ausgerechnet bei einer Möbelfabrik in Serbien bestellt, weil sich kein einheimisches Unternehmen zu einer Lieferung imstande sah, was ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der mit ausländischen Fördermilliarden gepäppelten bosnischen Wirtschaft warf.
Zynische Sprache der Täter
Dass ausgerechnet der 6. April 1992 als „offizieller“ Kriegsbeginn gilt, ist eine Konvention, der man sich anschließen kann, aber nicht muss. Es gibt keinen Stichtag, auf den sich der Ausbruch des Krieges gegen Bosnien datieren ließe, bei dem sich die bosnischen Serben auf die militärisch entscheidende Unterstützung des vom Gewaltherrscher Slobodan Milosevic geführten Serbien verlassen konnten. Schon im Februar und im März 1992 war es in Bosnien zu Gewalt gekommen. Das blutige Markenzeichen des bosnischen Krieges begann in großem Stil aber erst im Mai 1992: die Massaker, denen vor allem die (mehrheitlich muslimischen) Bosniaken zum Opfer fielen. In der zynischen Sprache der Täter, die von einigen westlichen Journalisten anfangs unbedacht übernommen wurde, hießen sie „ethnische Säuberungen“ - das Unwort des Jahres 1992.
Allein in den Städtchen und Dörfern am bosnisch-serbischen Grenzfluss Drina wurden zwischen Mai und Juni 1992 mehr als 7000 Menschen getötet. Etwa 95 Prozent der zivilen Opfer in dieser Region waren bosnische Muslime. Nur im Juli 1995, als Mladics Truppen kurz vor Ende des Krieges das Massaker von Srebrenica verübten, produzierte der bosnische Krieg noch mehr Todesopfer innerhalb kurzer Zeit.
Im ersten Kriegsjahr gab es viele „kleine Srebrenicas“: Bijeljina - etwa 1000 Tote; Bratunac - 3600; Foca - 2800; Gorazde - 1600; Rogatica - 2000; Visegrad - 1700; Vlasenica - 2900; Zvornik - 4100. Als blutige Kette reihten sich diese Städte unweit der Grenze zu Serbien aneinander. Bis auf Gorazde gehören sie heute alle zur gründlich „gesäuberten“ und daher sehr serbischen Teilrepublik von Bosnien-Hercegovina. Die Serbenrepublik nimmt etwa die Hälfte des bosnischen Territoriums ein und grenzt im Osten an Serbien - ganz im Sinne der großserbischen Ingenieure des Vertreibungskriegs.
In Banja Luka, der Hauptstadt der bosnischen Serbenrepublik, fanden keine Massaker statt. Das heben die serbischen Machthaber der Stadt heute gern hervor, um zu zeigen, wie mitfühlend man mit den eigenen Minderheiten umgegangen sei. Was sie verschweigen, hat die aus Banja Luka stammende Historikerin Armina Galijas in ihrem Buch „Eine bosnische Stadt im Zeichen des Krieges“ festgehalten. Ihr ging es nicht darum, die äußeren Daten des Krieges nachzuzeichnen, also noch einmal die Geschichte der Massaker, gebrochenen Waffenstillstände oder offiziellen Verlautbarungen zu erzählen. Sie hat stattdessen dem Grauen des Krieges im Alltag nachgespürt.
Von den Bergen in die Städte
Anhand von nur scheinbar nebensächlichen Details schildert sie eindrucksvoll, wie der Krieg über eine bosnische Stadt kam, die hinter den Fronten lag. Wie änderte sich die Sprache in Zeitungen, im Fernsehen, im Radio? Welche neuen Worte und Gebräuche kamen auf? Was geschah mit jenen, die nicht mittun wollten? Am Beispiel der am Fluss Vrbas gelegenen Stadt Banja Luka wird deutlich, dass auch dort, wo keine Massaker stattfanden, ein grausamer Vertreibungskrieg herrschte. Die korrupte Clique kommunistischer Funktionäre wurde von neuen, nicht weniger korrupten Machthabern verdrängt.
Sie kamen von den Bergen in die Städte herunter, es begann die Tyrannei der stiernackigen Trainingsanzugsträger. In der kommunistischen Diktatur hatten diese Männer am Rande der Gesellschaft gestanden, weil andere für Gewalt und Unrecht zuständig waren. In der nationalistischen Diktatur bot sich ihnen die Chance zum Aufstieg. Serbenführer Radovan Karadzic und sein General Mladic, der eine aus einem montenegrinischen, der andere aus einem bosnischen Bergdorf stammend, waren nicht die Einzigen, die sie nutzten. Auch die eiskalte Kriegerin Biljana Plavsic, die einzige Frau in der balkanischen Massenmörderriege, ließ sich vom Nationalismus nach oben spülen.
Mit der Schaufel in der Hand
In Banja Luka begann es damit, dass „Nichtserben“, also vor allem bosnische Muslime und Kroaten, ihre Arbeitsstellen verloren. Vor 1992 hatten 32.000 „Nichtserben“ eine Beschäftigung in der Stadt, zwei Jahre später waren es noch 400. Für die Entlassenen wurde eine „Arbeitspflicht“ eingeführt, um die Kraft aller Stadtbewohner für den Krieg zu nutzen. Vor allem aber sei mit der „Arbeitspflicht“ das Ziel einer alltäglichen Demütigung der Opfer verfolgt worden, schreibt die Historikerin Galijas: „Die Firma ,Cistoca’, die für die Sauberkeit in der Stadt sorgte, konnte wohl die bestausgebildetsten Müllmänner der Geschichte vorweisen: Mit dem Besen oder der Schaufel in der Hand, waren angesehene nichtserbische Bürger Banja Lukas - Professoren, Ärzte, Ingenieure - nun auf den Straßen zu sehen.“ Manche Passanten verspotteten ihre ehemaligen Vorgesetzten. Andere zeigten zwar Unbehagen oder Mitgefühl, aber kaum jemand habe es gewagt, stehen zu bleiben oder etwas zu sagen, erinnert sich die Zeitzeugin Galijas.
Muslimische oder kroatische Ehefrauen von an der Front kämpfenden Serben durften ihren Arbeitsplatz behalten, aber ihre Kinder hatten es schwer. „Mischlinge“ galten den neuen Machthabern als verdächtig, wenn sie sich nicht eindeutig zum Serbentum bekannten. Radoslav Brdjanin, der gefürchtete Chef des im Mai 1992 gegründeten „Krisenstabs“ der bosnischen Serben, empfahl eine Methode, mit der sich feststellen lasse, ob bei einem Kind aus gemischter Ehe das serbische Erbteil genügend stark entwickelt war: „Sie werfen das Kind in den Vrbas. Wenn es rauskommt, ist es ein serbisches Kind. Wenn nicht, ist es kein serbisches Kind.“
Um das „Ungeziefer“ loszuwerden, das sich „massenhaft vermehrt“ habe (Brdjanin), beschloss der Krisenstab eine „Agentur zur Umsiedlung von Menschen“ einzurichten. Das Ziel sei es, sagte Brdjanin, die Serben von dem Schmutz zu reinigen, „mit dem die widerlichen ungetauften Menschen das Land verunreinigt haben“. Anders als weiter östlich an der Drina setzte man dazu nicht auf Massaker, sondern auf den Terror der Bürokratie. Armina Galijas spricht von einer „quasiadministrativen Politik der ethnischen Säuberung. (...) Die Menschen wurden nicht brutal und in Massen getötet wie in zahlreichen anderen Teilen Bosnien-Hercegovinas, aber man wurde sie trotzdem los.“
Wehrfähige Bürger Banja Lukas, die nicht in Mladics Armee für Großserbien kämpfen wollten - und das wollten die Muslime und Kroaten der Stadt selbstverständlich nicht -, verloren ihr Recht auf Wohnung, Staatsbürgerschaft, Arbeitsplatz, Gesundheitsversicherung, Rente. Ihr Eigentum ging in den Besitz der Serbenrepublik über. Kroaten und Muslime wurden als Zivilisten zwangsweise an die Front geschickt, wo sie Schanzen ausheben, Bäume fällen oder als lebende Minensuchgeräte herhalten mussten. Per Gesetz wurde zudem festgelegt, dass Personen, die „zu viele Quadratmeter“ Wohnfläche bewohnten, in kleinere Wohnungen umzuquartieren seien. Angewendet wurde das Gesetz nur auf Kroaten und Muslime. Der Direktor der städtischen Klinik, ein Gynäkologe, versprach auf einer Kundgebung, er werde dafür sorgen, dass kein muslimisches oder kroatisches Kind mehr geboren werde in Banja Luka.
Die Polizei kam nicht, wenn Opfer riefen
Unter solchen Umständen wollten die Muslime und Kroaten der Stadt nur noch eines - fort. Auf den Marktplätzen sah man ehemalige Professoren und Fabrikdirektoren, die ihr verbliebenes Hab und Gut verkauften, um die von der Bürokratie auferlegten Gebühren zahlen zu können, die zum Verlassen der Stadt berechtigten. Zur gleichen Zeit wurden Wohnungen und Häuser geplündert, die noch Muslimen oder Kroaten gehörten. Dass die Ausgeraubten danach erschossen wurden, war nicht die Regel, geschah aber oft genug, um den zutreffenden Eindruck zu erwecken, es könne jederzeit jeden treffen. Die Polizei kam nicht, wenn die Opfer riefen. Kam sie doch, mordeten und raubten auch die Polizisten, denn wer Uniform trug, hatte einen Freibrief für Verbrechen. Einige der Täter waren zuvor selbst Opfer gewesen - Serben, die aus anderen Teilen Bosniens oder aus Kroatien nach Banja Luka geflüchtet waren.
Wer zum Zeitpunkt seiner Abreise noch etwas besaß, verlor es durch eine vor der Abfahrt zu unterzeichnende Erklärung, laut der das gesamte persönliche Eigentum „freiwillig“ der Republika Srpska vermacht werde. Die „Agentur für Bevölkerungsumzüge und den Austausch materieller Güter“ war den Ausreisenden dabei behilflich, die Formulare auszufüllen. Ein Flüchtling, Jahre später: „Letztlich wusste man: Entweder man geht mit dem Kopf auf dem Hals und lässt alles zurück, oder man bleibt, aber ohne Kopf.“ Radoslav Brdjanin wurde im April 2007 vom UN-Kriegsverbrechertribunal zu 30 Jahren Haft verurteilt. Biljana Plavsic wurde vorzeitig aus der Haft entlassen und lebt heute als Rentnerin in Belgrad. Der Prozess gegen Radovan Karadzic dauert an, der gegen Mladic hat gerade erst begonnen. Vergangene Woche, als die Anklage die Verbrechen auflistete, die ihm zur Last gelegt werden, lächelte Mladic manchmal.
das war grausamen Krieg von allen Seiten
Closed via SSO (Zhaneetta)
- 26.05.2012, 11:33 Uhr
Kriegsverbrecher & Vertreibung
Claude Biver (PandaClaude)
- 25.05.2012, 09:59 Uhr
