24.01.2006 · Die irakische Stadt Baidschi, in der zwei deutsche Ingenieure entführt wurden, ist seit langem Anziehungspunkt für Aufständische. Anfang 2005 wurde hier ein Brasilianer verschleppt, von dem bis heute jede Spur fehlt. Wußten die Deutschen von den Gefahren?
Von Rainer HermannWäre Baidschi nicht der Standort für Iraks größte Ölraffinerie, wenige würden die Stadt mit ihren 60.000 Einwohnern kennen. Wer früher die Strecke von Bagdad in den Norden nach Mossul fuhr, der legte meist nach 180 Kilometern in Baidschi eine Pause ein - zum Tanken. Das Benzin kam aus der Raffinerie, die die Stadt erst bekannt gemacht hat. Für sie hatten die beiden Deutschen, die am Dienstag entführt worden sind, gerade drei Tage gearbeitet.
Bekannt wurde die Stadt in den vergangenen Jahren auch im Zusammenhang mit der Suche nach Massenvernichtungswaffen. Denn im Umfeld der Raffinerie hatte Saddam Hussein Fabriken zur Herstellung von Waffen und von chemischen Produkten anlegen lassen. Außer einer kleineren unterirdischen Raffinerie wurde indessen nichts zutage gefördert.
Anziehungspunkt für Aufständische
Baidschi liegt am Rande des sunnitischen Dreiecks und gehört zur Provinz Salaheddin. Deren Hauptstadt ist Takrit, die Geburtsstadt von Saddam Hussein. Er hatte die Ölindustrie von Baidschi stark ausgebaut. Daher vertrieb er die meisten kurdischen Einwohner der einst gemischt besiedelten Stadt und lockte arabische Sunniten an. Trotz der großen ideologischen Nähe der Einwohner von Baidschi leistete die Stadt im April 2003 bei der Einnahme durch die Koalitionstruppen keinen Widerstand. Vor allem die sunnitische Geistlichkeit spielte dann bei der Radikalisierung der Bevölkerung eine große Rolle. Eine Folge waren die Unruhen, die im Herbst 2003 die Stadt erschütterten. Immer häufiger mußten Einheiten der Koalitionstruppen für Ruhe sorgen. Rasch wurde Baidschi zu einem Anziehungspunkt für Aufständische. Immer weniger Ausländer waren daher bereit, das Risiko einer Arbeit in der Raffinerie auf sich zu nehmen.
Die Raffinerie ist zuletzt mit Ersatzteilen beliefert worden. Da sie mit einem weitläufigen Ring gut abgesperrt ist und schwer bewacht wird, waren die Aufständischen mit direkten Angriffen wenig erfolgreich. Daher wichen sie auf Sabotageakte gegen die Pipelines aus, die schwieriger zu schützen sind. Eine Leitung beliefert die Raffinerie mit dem Rohöl aus den Feldern von Kirkuk, eine zweite pumpt Rohöl an den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan.
Wiederholte Sabotageakte
Da die Ölzufuhr immer wieder ausblieb, mußte die Raffinerie von Baidschi, die weite Teile in der nördlichen Landeshälfte mit Benzin versorgen soll, ihre Produktion häufig einstellen. Das meiste Benzin, das der Irak verbraucht, wird daher weiter importiert. Wegen der wiederholten Sabotageakte blieben zudem die irakischen Ölexporte in die Türkei eine Ausnahme.
Die Angriffe der Aufständischen gegen die Ölindustrie haben seit dem vergangenen Dezember deutlich zugenommen. Die Entführung der beiden Deutschen ist in Baidschi nicht die erste ihrer Art. Anfang 2005 war bereits ein brasilianischer Ingenieur entführt worden, von dem bis heute jede Spur fehlt. Spätestens diese Entführung war für alle Ausländer das Signal, die Stadt zu meiden.
Keine Entführungen in Kurdengebieten
Gearbeitet hatten die beiden Deutschen für eine irakische Firma. Sie sollten eine Anlage zur Erweiterung der Raffinerie bauen. Es ist nicht klar, ob sie sich in Unkenntnis der Gefahren von Baidschi in die Stadt verirrt hatten oder ob sie sich dieser Gefahren bewußt waren. Abenteurer wie sie, deren Aufenthalt im Irak den deutschen Behörden nicht bekannt war, mag es weitere geben. Daher ist kaum zu schätzen, wie viele Deutsche sich im arabischen Teil des Iraks aufhalten. Der kurdische Teil ist bisher von Entführungen völlig verschont geblieben.
In schlechter Erinnerung ist die Raffinerie bei Ausländern auch, weil Saddam Hussein nach der Invasion in Kuweit mehrere Dutzend Ausländer, die seine Armee dort verhaftet hatte, als „menschliche Schutzschilde“ auf das Gelände der Raffinerie hatte bringen lassen. Während des Kriegs zur Befreiung wurde die Raffinerie auch bombardiert und weitgehend zerstört. Trotz des Embargos konnte sie Saddam Hussein nach dem Krieg rasch wieder aufbauen. Nun behindern Sabotageakte und Entführungen, daß sie den Irak mit den benötigten Kraftstoffen versorgen kann.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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