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Bagdad Die alte Elite und die zwielichtigen Parvenus

24.06.2010 ·  Wer in Bagdad etwas auf sich hält, ist Mitglied in einem der drei noblen Clubs der Stadt. Nirgendwo zeigt sich der Wandel in der irakischen Oberschicht deutlicher als dort. Die einfachen Bürger verbringen ihre Freizeit in den Parks der Stadt.

Von Rainer Hermann, Badgad
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Die Mutter hat ihre Kinder schön herausgeputzt. An diesem Freitag tragen sie ihre besten Kleider. Sieben, sechs und vier Jahre sind sie alt. Das jüngste, noch kein Jahr auf der Welt, trägt die Mutter im Arm. Gerade eben waren die vier Kinder und ihre Mutter noch im Frauenbecken schwimmen. Nun erhebt sich die sechsköpfige Familie im Garten von den weißen Plastikstühlen, der Vater führt sie zur Go-Kart-Bahn. Nachher, wenn sich die Kinder ausgetobt haben, wird die Familie zum Abschluss des wöchentlichen Ruhetags in einem der Restaurants des „Jagd-Clubs“ dinieren.

Im Club sei man eben sicher, und das sei besonders für die Kinder wichtig, erzählt Haidar Abbas. Man könne sich hier erholen, Sport treiben und sei unter Seinesgleichen. Haidar Abbas war 2003, bald nach dem Fall von Saddam Hussein, Mitglied im elitären Jagd-Club geworden, dem Treffpunkt der Reichen, Schönen und auch der Mächtigen Bagdads. Seine Familie stammt aus Nadschaf, dem heiligsten Wallfahrtsort der schiitischen Muslime. Im alten Irak war das keine gute Empfehlung. Im neuen Irak hat es Abbas mit einem Kleidergeschäft und zwei Friseurläden zu Wohlstand gebracht.

Jagdclub als Ort der irakischen Oberschicht

Nun amüsieren sich seine Kinder an jedem muslimischen Wochenende hinter den hohen Mauern des Clubs. Überragt werden sie nur von den mächtigen grauen Betonkuppeln der Moschee nebenan. Saddam Hussein hatte ihren Bau in Auftrag gegeben, ausgerechnet der Diktator gab ihr den Namen „Moschee des Barmherzigen“. Sie blieb unvollendet und als Ruine ein Denkmal seiner Megalomanie. 1968 hatten sich Saddam Hussein und die Baath-Partei an die Macht geputscht. Ein Jahr später gründeten Jäger an einem Ort im Stadtteil Mansour, wo sie sich regelmäßig trafen, den „Nadi al Said“, eben den „Jagd-Club“. Mansour grenzt an das Regierungsviertel Bagdads, und so wurde der Club rasch zu einem Ort der irakischen Oberschicht. Heute ist er auch ein Spiegel für deren Wandel.

„Bis 2003 haben sich hier die Spitzen und Träger des alten Regimes amüsiert“, sagt Maqsud al Sindschari, der heute als Generalsekretär für den Betrieb und die Dienstleistungen des Clubs verantwortlich ist. Das habe viele abgeschreckt, und erst nach Saddams Sturz hätten sie einen Aufnahmeantrag gestellt. Sindschari beschreibt, wie sich die Struktur der Mitglieder verändert hat. Die siebziger Jahre waren im Irak die große Zeit der Beamten, die den Staat der Baath-Partei organisiert hatten; in den achtziger Jahren, dem Jahrzehnt des Kriegs gegen Iran, hatten die Militärs das Sagen; die neunziger Jahre waren der Sanktionen wegen das Jahrzehnt der Landwirte. Das letzte Jahrzehnt sah schließlich den Sturz der alten Elite und den Aufstieg einer neuen. Zu ihr zählt die Familie von Haidar Abbas.

Abu Muhammad aber war Luftwaffenpilot. Im Krieg gegen Iran lenkte er Kampfflugzeuge. Längst ist er pensioniert und macht es sich im Ledersessel neben der Klimaanlage bequem. Mit der neuen Realität hat er sich zwar nicht angefreundet, aber immerhin arrangiert. „Damals saßen wir dort drüben an der Bar, tranken und hörten am Fernsehen Saddams Reden zu“, lacht der Pilot. „Damals“, fährt er fort, „ist ja nur die gesellschaftliche Klasse aufgenommen worden, die Saddam Hussein nahe gestanden hat.“ Nach 2003 sei der Club auch anderen geöffnet worden, jenen, die immer dazu gehören wollten, aber nicht durften, nicht konnten. Leicht verächtlich verzieht Abu Muhammad die Mundwinkel. „Die Neuen, sie haben doch nicht die Bildung wie wir alten.“ Wer könne denn sagen, woher sie plötzlich ihr Geld nähmen, mit dem sie ihr Elend abgestreift hätten. Nun ja, er komme weiter hierher, auch wenn sich vieles verändere. Schließlich sei dies der einzige Ort in der lauten und schmutzigen Stadt, an dem er atmen könne.

„Nur noch Geld zählt“

Thurayya, Frau eines Bankdirektors und ebenfalls seit langem Mitglied, nickt. Früher sei hier Klasse zusammengekommen, eben die Oberschicht, erinnert sie sich. Viele von ihnen seien geflohen, klagt sie, und nun verkomme der Ort zu einem Treffpunkt der Neureichen. „Nur noch Geld zählt“, sagt sie verächtlich. Denn die Mitgliedsbeiträge wurden erheblich angehoben. Und so komme sie eigentlich nur noch ihrer Enkel wegen her.

Saadi ficht das nicht. Keinen Hehl macht er daraus, dass es für einen wie ihn vor 2003 nicht möglich war, Mitglied zu werden. Auch er ist mit vier herausgeputzten Kindern im Club, mal an dem Karussell mit den bunten Pferden, die sich von Saddams unvollendeten grauen Moscheekuppeln abheben, mal an der lustigen Rutschbahn. Die VIPs träfen sich hier, meint er stolz, und er gehöre nun mit seiner Familie zu ihnen. Als Geschäftsmann bezeichnet er sich. Er hat in Bagdad Beschäftigte und in der Ebene von Mossul große Ländereien. Aber um Geschäfte zu machen, komme er nun wirklich nicht in den Club. Sondern nur, um sich mit seiner Familie in einem sicheren Umfeld zu erholen.

Sindschari verteidigt die Mitgliedsbeiträge. Der Club müsse sich heute ja, anders als in der Vergangenheit, selbst finanzieren, um den Mitgliedern all das zu bieten: die Gärten und die Restaurants, den Sportkomplex mit den überdachten Schwimmbecken, die Kinderspielplätze. 5500 Familien sind Mitglied in seinem Club. Tausend sind seit 2003 neu aufgenommen worden. Andererseits haben Tausend Familien den Irak verlassen, die früher regelmäßig gekommen sind. Die Zusammensetzung der Club-Besucher hat sich verändert. Viele der alten Mitglieder fühlen sich nicht mehr wohl.

Wamidh Nadhmi ist einer von ihnen. Er verlässt sein Haus am Tigris nicht mehr gern und auch nicht mehr oft. Träge zieht der Fluss an seinem Haus vorbei. Palmen spenden der Terrasse Schatten, der Blick schweift hinüber zur flachen Silhouette eines Militärlager auf der anderen Seite des breiten Flusses. Nur die brütende Hitze knistert. So viel Ruhe hätte Nadhmi im Club nie.

Das neue Regime versorgt den Club mit neuen Mitgliedern

Über Jahrzehnte war Nadhmi an der Universität Bagdad der Star unter den Politologen. Mit der neuen Ordnung im Irak hat er sich nicht angefreundet, er wird es auch nicht. Zu Saddams Regime war er auf Distanz gegangen, als er im Club schon alter Hase war. Er hatte mit einigem Unverständnis beobachtet, wie nach und nach alle prominenten Baathisten in den Club drängten, auch reiche Kurden und Schiiten. Es sei ja wahrlich nicht einfach gewesen, Mitglied zu werden. Verändert habe sich die Stimmung 1990 mit dem gescheiterten Einmarsch in Kuweits. Danach hätten sich immer weniger zur Ideologie der Baath-Partei bekannt, immer mehr seien bloß noch Mitläufern gewesen.

Und heute versorge das neue Regime den Club mit neuen Mitgliedern, doziert der pensionierte Professor. Zur Welt des knorrigen Intellektuellen passen sie nicht, und er weigert sich, sie die neue Elite zu nennen. Überhaupt hält er schon seit vielen Jahren nichts mehr von den Eliten des Irak und anderer arabischer Länder. Sie seien unproduktiv, lebten von Kommissionen und seien dafür verantwortlich, dass die Menschen in diesem reichen Land so arm blieben, schimpft er. Der Sozialist bricht sogar eine Lanze für die alten Feudalherren. Sie hätten wenigstens Land bereitgestellt, Arbeit geschaffen und Gehälter gezahlt, höhnt er.

„Früher war klar, wer oben ist, und wer unten“

Auch Mustafa Maruf meidet inzwischen den Club. Er könnte ja dort seine freie Zeit verbringen. Stattdessen verbringt er selbst den Freitagnachmittag in seinem Laden, auch wenn er keine Kunden erwartet. In einen tiefen Ledersessel hinter dem wuchtigen Schreibtisch hat er sich vergraben. Über ihm baumeln die funkelnden Kronleuchter, die er verkauft, und er sinniert über die neue irakische Gesellschaft. „Früher war doch klar, wer oben ist und wer unten“, sagt er. Früher habe jeder gewusst, dass einer, der Mercedes fuhr, in Saddams Staat eine wichtige Rolle spielen musste. Heute würden in den Straßen Bagdads aber viele einen Mercedes fahren. Früher seien außerhalb des Staatsdiensts nur einige Händler reich gewesen, so wie er und seine Familie. Heute fragten sich viele, woher die neuen Reichen ihr Geld hätten.

„Ja, viele der alten Oberschicht sind weg“, klagt Mustafa. Geblieben seien nur einige. Er selbst zieht sich nun in die innere Emigration seines Ladens zurück. „An die Stelle der alten Oberschicht sind zu 75 Prozent Diebe und Ignoranten getreten“, schimpft er nun heftig gestikulierend. Es reiche ja, zu einer Bank zu gehen und sich nach den Konten der 20 bis 35 Jahre alten Iraker zu erkundigen, rät er. Milliarden würde man finden, gleichgültig in welcher Währung. Als Schlüssel zu diesem neuen Reichtum nennt er die Aufträge im neuen Irak, bei denen eben viel in die eigene Tasche, auf das eigene Konto fließe.

Mustafa ist verbittert. Als Spross einer alten Bagdader Händlerfamilie ist er natürlich nicht im Jagd-Club Mitglied, sondern im noch edleren Alwiya-Club, auf der südlichen Seite des Tigris, wo nicht die Staatsmacht dominiert, sondern der Kommerzsinn. Edler ist der Alwiya-Club, weil ihn die Briten gegründet haben und das bereits 1924, drei Jahre, nachdem sie den Haschemiten Faisal als König über den neu gegründeten Irak eingesetzt hatten. Einen Hochschulabschluss musste man vorweisen, um Mitglied zu werden, vornehmes Benehmen war wichtig, die Empfehlung von zwei altgedienten Mitgliedern. Für einen aus einer guten sunnitischen Familie wie Mustafa war das kein Problem. So verbrachte er über Jahrzehnte mit seiner Familie und den Familien anderer Händler seine freie Zeit im Club. Heute fühlt er sich dort nicht mehr wohl. Neureiche hielten Einzug und jene, die rasch Geld gescheffelt hätten. Da könne er gleich in das Unterschichtenviertel Bataween gehen, schimpft er.

Nur Familien können Mitglied werden

Die britischen Kolonialherren hatten die Clubs nach Mesopotamien gebracht, hatten sie an Euphrat und Tigris eingeführt. Sie haben sich bis in die Gegenwart gehalten, weil sie einem Bedürfnis aller Araber und damit auch der Iraker entsprechen: Denn jeder Iraker, ob Muslim oder Christ, sucht gerne Orte auf, an denen die Familien unter sich sind. Nur Familien können Club-Mitglied werden. Junggesellen ist es untersagt, und alleinstehende Frauen, sollte es sie geben, sind ja ohnehin in ihre Familien integriert. In den Clubs freundet man sich mit anderen Familien an, und Ehen werden nicht in heimlichen Romanzen gestiftet, sondern unter dem Blick aller, in der Öffentlichkeit des Clubs.

Die zwei Clubs haben sich seit dem Sturz des alten Regimes verändert. Sie passen sich der neuen Realität an: der Jagd-Club mit den der politischen Repräsentanten des neuen Irak, und der Alwiya-Club, in dem sich Händler und Geschäftsleute treffen. Der Nadi al Hindiyya, der dritte große Club, wehrt sich jedoch weiter gegen eine Verschiebung in der Zusammensetzung seiner Mitglieder. Christen hatten ihn 1949 in Karrada gegründet, einem Stadtteil mit vielen Kirchen.

Noch heute sind nahezu alle seiner Mitglieder Christen. Sie arbeiten als Ärzte und Ingenieure, als Händler und Unternehmer, sie sind die bekannte christliche Oberschicht. Ihre Familien treffen sich hier tagsüber und an Wochenenden, zu Geburtstagsfeiern und zu Hochzeiten. Jede dritte der dreitausend Mitgliedsfamilien lebt aber inzwischen dauerhaft im Ausland. Die meisten sind vor der Gewalt gegen Christen geflohen. Neue Mitglieder nimmt der Club dennoch nicht auf. Die Illusion wird weiter gepflegt, dass sich nichts in der Welt verändert habe.

Normale Bürger treffen sich in den Parks

Jene, die nicht zur Oberschicht gehören, weder zu alten noch zur neuen, promenieren an den Wochenenden an der Flaniermeile Abu Nuwwas. Von dem Regierungsviertel der „Grünen Zone“ trennt sie der breite Tigris. In den einfachen Parks krakeelen ihre Kinder, in den einfachen Restaurants essen sie den Masgoof, den Fisch aus dem Tigris, auf den Bänken unter den Palmen kommen sich junge, unverheiratete Paare näher, halten aber stets einen Anstandsabstand ein. Jeder nimmt die zivil gekleideten Polizisten wahr, Militärfahrzeuge patrouillieren am Ufer.

Familien aus allen Teilen der Stadt strömen in die Parks von Abu Nuwwas. Hier fühlen sie sich sicher. Auch die Töchter kommen mit, für die es in Bagdad sonst wenige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gibt. Muhammad, 29 Jahre alt und Handwerker, ist mit seiner vielköpfigen Familie an jedem Freitag hier. Nirgendwo in Bagdad fände er für seinesgleichen mehr Grün. Die Jahre des Blutvergießens sind vorüber. Zumindest ist so viel Sicherheit wiederhergestellt, dass er seine Familie guten Gewissens nach Abu Nuwwas ausführen kann. Die Welt der feinen Clubs kennt er nicht. Sie bleibt für ihn unerreichbar weit weg.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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