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Ausschreitungen in Usbekistan Der Kugelhagel ist erbarmungslos

15.05.2005 ·  Bis spät in die Nacht sind in Andischan die Gewehrsalven zu hören. Die usbekische Polizei hat nun begonnen, Journalisten aus dem Land auszuweisen. Ein Augenzeugenbericht über die Unruhen im zentralasiatischen Staat.

Von Marcus Bensmann, Andischan
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Der Feuerüberfall der usbekischen Armee ereignet sich am Freitag abend mit großer Schnelligkeit. Ich stehe inmitten der etwa 7000 Menschen auf dem Hauptplatz der usbekischen Stadt Andischan im Fergana-Tal. Am Fuße des Denkmals des mongolischen Herrschers Barbur, der in Usbekistan von der Staatsmacht verehrt wird, hört eine dichtgedrängte Menschenmenge den feurigen Reden zu, die immer wieder von Applaus unterbrochen werden.

Eine Gruppe von jungen Männern demoliert und zündet ein liegengebliebenes Auto der Sicherheitskräfte an. Andere versuchen, die Zufahrtsstraßen zu dem Hauptplatz durch ein Eisengerüst zu blockieren. Plötzlich brechen Panzerwagen aus ihren etwa 300 Meter entfernten Stellungen hervor und preschen mit aufheulenden Motoren die Straße neben dem Kundgebungsplatz entlang.

Flucht vor dem nächsten Angriff

Der erste Panzerwagen fegt die unbeholfenen Straßenabsperrungen zur Seite. Dann folgt der zweite Panzerwagen, auf dem die Soldaten mit Maschinengewehren hocken. Kaum hat das Kampfgefährt die Menschenmenge erreicht, eröffnen die Soldaten das Feuer auf die Menschen. Die Luft ist erfüllt von den Schreien und dem Geknatter der Maschinengewehre. Die Menschen rennen auseinander, während erbarmungslos der Kugelhagel auf sie niedergeht. Ich springe in einen Abwasserkanal und höre, wie die Kugeln über mich hinwegzischen.

In unmittelbarer Nähe liegt die Journalistin Galima Bucharbaewa, die sich ebenfalls in die enge Rinne hat flüchten können. Von dort aus sehe ich, wie vier Männer von Kugeln getroffen zusammenbrechen und leblos liegenbleiben. Als der erste Panzerwagen seine tödliche Vorbeifahrt beendet hat, springen wir gemeinsam aus unserem Unterschlupf, um vor dem nächsten Angriff von dem todbringenden Ort flüchten zu können.

Immer neue Panzerkolonnen

Zusammen rennen wir mit vielen Usbeken in ein benachbartes Stadtviertel. Doch aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ein Trupp der Aufständischen, mit Molotowcocktails und mit Maschinengewehren bewaffnet, aus dem zuvor besetzten Gouverneurssitz herauskommt, um sich der militärischen Übermacht entgegenzustellen. Sie schreiten in unglaublicher Ruhe auf die Hauptstraße. Durch enge Gassen können ich und Bucharbaewa in unser Hotel flüchten.

Im Hotelzimmer zieht die Journalistin ihren von einer Kugel durchbohrten Notizblock aus dem Rucksack. Hätte das Büchlein die Kugel nicht abgefangen, meine Kollegin wäre jetzt tödlich getroffen. Die Niederschlagung des Aufstandes dauert den ganzen Abend an. Die Maschinengewehrsalven sind bis spät in die Nacht zu hören. Immer wieder fahren neue Panzerkolonnen über menschenleere Straßen in das Stadtzentrum.

Leichenberge auf den Staßen

Samstag früh. Ich versuche, zusammen mit vier Kollegen wieder ins Stadtzentrum von Andischan zu gelangen. Doch durch die vielen mit Gewehren bewaffneten Militärposten ist schwer durchzukommen. Plötzlich fahren zwei Personenautos der Geheimpolizei vor; wir werden aufgefordert, einzusteigen. Man bringt uns in eine Polizeistation; wir dürfen sie für zwei Stunden nicht verlassen. Wir müssen unsere Filmrollen und die Tonkassetten abgeben.

Danach sagt uns ein Offizier in einer kugelsicheren Weste, daß wir eine halbe Stunde Zeit hätten, die Stadt zu verlassen. Andernfalls würde man nicht mehr für unsere Sicherheit garantieren. Wir entscheiden uns, abzufahren. Von Augenzeugen haben wir zuvor erfahren, daß der Hauptplatz in Andischan von Blut getränkt sei. Leichenberge lägen auf den Straßen, und in den frühen Morgenstunden hätten die Lastwagen des usbekischen Militärs mehrere hundert Leichen aus der Stadt gebracht.

Kein Wort über Islam

Am Samstag versammeln sich wieder mehrere hundert Menschen auf dem Platz des Massakers, um ihre vermißten Angehörigen zu suchen. Aber auch der ist wieder von Soldaten und Panzerwagen umstellt. Es ist zu befürchten, daß diese Versammlung niedergeschlagen wird. In einer Pressekonferenz in Taschkent, die in voller Länge vom usbekischen Fernsehen übertragen wird, erklärt der usbekische Präsident Islam Karimow, daß Islamisten und Terroristen in der Stadt Andischan den Aufstand angezettelt hätten.

Ich habe aber während der Demonstration kein einziges Wort von den Demonstranten über den Islam gehört. Nicht ein einziges Mal eine Forderung zur Errichtung eines islamischen Staates vernommen. Vielmehr ist der Aufstand gegen die Polizei und die Willkür des usbekischen Staates gerichtet. Zwei Tage zuvor hatten 1600 Menschen friedlich gegen einen Strafprozeß vor dem Gerichtsgebäude in Andischan protestiert, in dem 23 Männern vorgeworfen wurde, eine islamische Gruppe mit dem Namen Akram gebildet zu haben.

Massenhafte Verhaftungswelle

Die Männer waren zum größten Teil erfolgreiche Unternehmer in der wirtschaftlich ausgezehrten Region im Fergana-Tal. Sowohl die Angeklagten als auch ihre Verwandten und Freunde, die friedlich vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten, waren von der Absurdität der Anklage überzeugt. Selbst der Staatsanwalt sagte mir am Dienstag, daß die angeklagten Männer keines Vergehens schuldig seien, man müsse sie aber vorsichtshalber verurteilen, da man nicht wisse, was diese Gruppe in Zukunft anrichten könne.

Am Donnerstag begannen die Polizeiorgane von Andischan, die Teilnehmer der friedlichen Demonstration zu verhaften. Darauf stürmten die Menschen das Gefängnis und befreiten die in ihren Augen unschuldig Einsitzenden. Im Laufe des Tages schlossen sich immer mehr Menschen der Protestbewegung an. In Gesprächen äußerten sie ihre Unzufriedenheit über die Korruption und die Willkür der usbekischen Behörden.

Nun befürchten die Menschen von Andischan nach der Niederschlagung des Aufstandes eine massenhafte Verhaftungswelle.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.05.2005, Nr. 19 / Seite 3
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