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Ausschreitungen in Griechenland Ausweitung der Kampfzone

08.12.2008 ·  Im Athener Stadtviertel Exarchia zieht sich immer wieder die bürgerliche Normalität für einige Stunden vollkommen zurück und der Staat steht den Anarchisten machtlos gegenüber. In der Parteienlandschaft fehlen bürgerliche und konservative Kräfte, die den Gegenpol zu linken Strömungen bilden.

Von Michael Martens, Thessaloniki
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Eigentlich ist der Ausnahmezustand längst keine Ausnahme mehr. Im Gegenteil, er stellt sich so häufig ein, dass davon oft nur noch in den vermischten Meldungen im Lokalteil der Athener Zeitungen berichtet wird. Mitunter spiegelt sich allerdings in diesen wenigen Zeilen der Zustand der griechischen Gesellschaft.

Es sind Meldungen wie die folgende, veröffentlicht von der Tageszeitung „Kathimerini“ am 12. November dieses Jahres: „Eine Gruppe von ungefähr 15 selbsternannten Anarchisten ging gestern um die Mittagszeit in Exarchia auf eine Zerstörungstour. Das teilte die Polizei mit, der es nicht gelang, die Unruhestifter zu verhaften. Die verhüllten Jugendlichen schleuderten zunächst Steine und Farbbeutel gegen die neuen Büros der Oppositionspartei Pasok und dann gegen das Büro des früheren Ministers Giorgos Voulgarakis, das sich gegenüber den neuen Räumlichkeiten der Pasok befindet. Sie zerstörten auch drei geparkte Autos.

Die Polizei vermutet, dass dieselben Verdächtigen danach die Filiale einer Bank in der Solonos-Straße und einen Buchladen angriffen, der dem rechten Parlamentsabgeordneten Adonis Georgiadis gehört. Später am Nachmittag schleuderten unerkannt gebliebene Angreifer einen Molotowcocktail auf Büros des Ministeriums für Presse und Massenmedien in Kallithea, gegenüber von der Panteion-Universität.“

„Wie ein rotes Tuch auf einen Stier“

Exarchia ist das bunteste Stadtviertel Athens, ein schillernder, kantiger und unsterblich selbstverliebter Teil der griechischen Hauptstadt. Es liegt zwischen der Schnickschnackzone von Kolonaki, in dem hauptsächlich mit unfassbar teuren Handtaschen oder nicht minder kostspieligen, aber viel zu großen Sonnenbrillen gehandelt wird, und dem Ausländerviertel in den Straßen um den Omonia-Platz. Exarchia ist gleichsam die Synthese seiner beiden Nachbarstadtteile. Auch hier gibt es, wie in Kolonaki, eine Schickeria. Es ist allerdings eine Schickeria des Nonkonformismus, der freilich nur akzeptiert wird, sofern er sich links gebärdet. Und wie in den schmutzigen und arbeitsgrauen Straßen um den Omonia-Platz, die von Bulgaren, Rumänen, Albanern, Nigerianern und Ukrainern dominiert werden, ist auch in Exarchia ständig die Polizei unterwegs - wenn sie sich traut.

Das freilich ist nicht immer der Fall. Mehr als einmal beschwerten sich Bürger der Gegend in den vergangenen Jahren, der Staat lasse ihr Viertel zum rechtsfreien Raum verkommen. Autofahrer, die das Pech hatten, nachts in einen Verkehrsunfall zu geraten, mussten die Erfahrung machen, dass Polizei den Vorfall nicht aufnehmen wollte. Zu oft waren sie durch fingierte Hilferufe in einen Hinterhalt gelockt worden. Daher patrouilliert die Polizei nun oft in Zivil durch die Straßen von Exarchia. Ein Polizeiwagen, heißt es bei den Ordnungshütern, wirke auf einen bestimmten Teil der Anwohner schließlich „wie ein rotes Tuch auf einen Stier“.

Ordnung nach ihrer Vorstellung

Es wäre allerdings nicht zutreffend, Exarchia als eine „no-go-area“ zu bezeichnen. An vielen Tagen wirkt es zumindest noch immer wie ein Mittelklasseviertel, ein Prenzlauer Berg auf Griechisch. Es gibt dort alternative Cafes mit Buchweizengrützetorte, Buchhandlungen mit einem großen Sortiment an Che-Guevara-Portraits und Programmkinos, in denen ständig Fassbinder-Festwochen laufen. Architekten und Werbeleute wohnen in Exarchia. Die Statistik für Wohnungseinbrüche weist in Exarchia keinen Ausschlag nach oben aus, und auch Autos werden hier nicht öfter gestohlen als in anderen Teilen der Stadt. Dafür brennen sie häufiger. Denn immer wieder zieht sich die bürgerliche Normalität für einige Stunden vollkommen zurück aus dem Viertel - und dann kommt es zu Vorfällen, wie sie „Kathimerini“ Mitte November schilderte. Brennende Autos und Mülltonnen dürfen dann nicht fehlen, denn die hellenische Bambule zwischen Polizei und „Autonomen“ folgt festen Ritualen.

Im August dieses Jahres wurde Petros Efthymiou, Parlamentsabgeordneter für die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok) auf dem Weg zu seinem Büro überfallen. Der Angreifer schlug ihm mit einer Einsenstange auf den Kopf. Efthymiou hatte Glück, dass er überlebte. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus beschuldigte Efthymiou die Regierung, sie dulde in Exarchia „einen Staat im Staate“. Ein Gewerkschaftsfunktionär, der 2006 in Exarchia pensionsreif geschlagen worden war, hatte sich ähnlich geäußert.

Auch viele Anwohner, die ursprünglich Sympathien für die Nachwuchsanarchisten hatten, sind inzwischen verbittert über die Teilzeitrechtlosigkeit in ihrer Gegend. Manche ziehen fort. Andere geben allerdings den - wie ihre Gegner vermummten - ortsfremden Sondereinheiten der Polizei eine Mitschuld, deren rabiate Versuche, Ordnung zu schaffen, sich auch gegen unbeteiligte Passanten richten. Zur Not sorgen indes auch die „Anarchisten“ selbst für Ordnung nach ihrer Vorstellung. Als die Rauschgiftsüchtigen vom Omonia-Platz vor einigen Monaten glaubten, auch nach Exarchia vordringen zu können, wurden sie von den jungen Nonkonformisten wieder fortgeprügelt. „Bullen und Junkies raus“ verkündete sinngemäß ein Graffito.

Brutal niedergeschlagener Aufstand

Doch wer sind diese Leute, die sich selbst gern als Anarchisten bezeichnen? Und wie kommt es, dass der Staat ihnen offenkundig machtlos gegenübersteht? Der in Athen lebende Schriftsteller Nikos Dimou, einer der führenden Intellektuellen seines Landes, erklärt das Phänomen auch mit einem Versagen jener im weitesten Sinne bürgerlichen oder konservativen Kräfte, die in anderen Ländern den Gegenpol zu linken Strömungen bilden. „Eigentlich stehen in Griechenland alle Parteien mehr oder weniger links. Zum einen die Pasok, die allerdings von den anderen Linksparteien nicht anerkannt wird, dann das Linksbündnis Syriza, eine Art Linke ,light' mit einem Schuss Stalinismus. Hinzu kommen die harte Linke von der Kommunistischen Partei und sehr viele kleine Grüppchen von Maoisten bis Anarcho-Linken. Aber sogar die extrem rechte Partei Laos ist in ihrem Antiamerikanismus und Antikapitalismus vollkommen links. ,Liberal' zu sein, ist ein Schimpfwort“.

Stattdessen zählt er die „drei A's“ auf, ein einigendes Band der Gesellschaft: Antiamerikanismus, Antiimperialismus, Antikapitalismus. Dimou, Jahrgang 1935, wurde spätestens durch die Veröffentlichung seines Buches „Vom Unglück, Grieche zu sein“ im Jahr 1975 im ganzen Land bekannt, wenn auch nicht beliebt. Er ist politisch (und finanziell) unabhängig sitzt seit Jahrzehnten gleichsam genussvoll zwischen allen Stühlen - zum Verdruss von Linken und Rechten gleichermaßen.

So wagt Dimou es, den mutigen Studentenaufstand am „Polytechnio“, der Athener Technischen Hochschule vom 17. November 1973, nach dem sich später die 2002 zerschlagene griechische Terrororganisation benannte, anders zu sehen als die linken Vordeuter der Gesellschaft. Es seien vor allem „Gewissenbisse“, die Jahr für Jahr so viele Menschen zu den Jubiläumsfeiern des von der Militärjunta brutal niedergeschlagenen Aufstandes führten: „Die Griechische Résistance gegen die Junta war karg und kam verspätet. Das Polytechnio wurde verherrlicht, um die Ehre der Nation zu retten.“

In 27 Jahren kein Terrorist gefasst

Mit dieser Einschätzung steht er, zumindest öffentlich, ziemlich allein dar. Seit den Vorgängen am Polytechnio von 1973 gelten Universitäten für die Polizei als verbotene Zone in Griechenland. Im Schutz des zeitgenössischen Mythos können rotlackierte Randalierer die Hochschulen als Rückzugsort nutzen, wie das in diesen Tagen auch geschieht. Davon weiß auch der an der Aristoteles-Universität Thessaloniki lehrende Soziologe Michael Kelpanides zu berichten. „Mehr als einst in Deutschland die RAF, genießen die den Terroristen des ,17. November' nahestehende Kräfte Unterstützung bei Intellektuellen. An der Universität spürt man täglich die Präsenz der Sympathisanten und Helfer des ,17. November'. Jeden Morgen sieht man die Wände mit neuen, hasserfüllten Parolen beschrieben“.

Auch in den Hörsälen seien „die Terroristen“ präsent, so Kelpanides, der in Deutschland durch sein Buch über die „unzeitgemäße Renaissance“ des westlichen Neomarxismus bekannt wurde. Er verweist auf den Fall des Athener Professors Papadatos, der im vergangenen Monat in der Universität von einer Gruppe vermummter Gewalttäter überfallen und krankenhausreif geschlagen wurde: „Man vermutet, dass sie es deswegen taten, weil Papadatos als Gutachter am Prozess gegen die Führung des ,17. November' beteiligt war“.

Der Soziologe hat sich ausgiebig mit der Geschichte der RAF und des „17. November“ beschäftigt und will viele Parallelen gefunden haben. So sei die Vorgehensweise beider Gruppen sei sehr ähnlich, es habe auch Kontakte gegeben. Der Unterschied habe jedoch in den Staaten bestanden, den sich beide Terrorgruppen gegenübersahen: „In Deutschland gab es einen starken Staat mit effizienten Fahndungsbehörden. Das fehlt in Griechenland.“ Obwohl der „17. November“ bei jeder Mordtat viele Spuren hinterlassen haben, haben die griechischen Fahndungsbehörden in 27 Jahren keinen einzigen Terroristen gefasst. „Zuletzt, im Jahr 2002, hat die Führung des ,17. November', gealtert und des Mordens müde, aufgegeben und sich gestellt“, sagt Kelpanides.

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