21.12.2006 · Die Bundeswehr soll aus der Luft helfen, ein strategisches Dilemma im Kampf gegen die Taliban zu lösen. Deren Taktik ist es, die ausländischen Truppen von der Bevölkerung zu isolieren.
Von Stephan LöwensteinAm Donnerstag hat der Verteidigungsminister den Tagesbefehl zum Jahresende ausgegeben. Franz Josef Jung (CDU) dankte den Soldaten (und ihren Angehörigen) für ihren Einsatz und stellte fest, es gehe „ein ereignisreiches Jahr seinem Ende entgegen“. Daß das kommende Jahr für die Bundeswehr weniger ereignisreich zu werden verspreche, steht allerdings nicht zu erwarten.
Schon hat die Anfrage der Nato nach deutschen Aufklärungsflugzeugen den Blick wieder nach Afghanistan gelenkt, wo der Einsatz der westlichen Verbündeten in eine entscheidende Phase tritt. Der deutsche Botschafter in Kabul sprach - schon vor einiger Zeit - im Auswärtigen Ausschuß des Bundestags gar von einem „Endspiel“, das bevorstehe.
Aufgabenbereich wurde ausgedehnt
Militärs und Politiker rechnen damit, daß die Kämpfe vor allem im Süden und Osten des Landes im kommenden Frühjahr noch intensiver werden könnten als jetzt ohnehin schon. Bislang lag vor allem das Geschehen im Norden des Landes im Blick der deutschen Öffentlichkeit - dort, wo die Bundeswehr inzwischen das Regionalhauptquartier und zwei Provinz-Wiederaufbauteams (PRT) betreibt.
Das dürfte sich ändern. Der Aufgabenbereich der Nato-geführten Stabilisierungstruppe Isaf wurde im nun ablaufenden Jahr auf die Provinzen im Süden und Osten Afghanistans ausgedehnt. Dort kämpften bis dahin die Verbündeten unter amerikanischer Führung im Rahmen der Anti-Terrorismus-Mission „Enduring Freedom“.
„Operation Medusa“
Als die britischen, kanadischen und niederländischen Isaf-Soldaten in die amerikanischen Positionen einrückten, sahen sie sich mit starkem Widerstand, ja, mit regelrechten Angriffen konfrontiert. Schnell wurde klar, daß es sich nicht bloß um ein paar sandalentragende Kämpfer mit Kalaschnikow-Sturmgewehren handelt, sondern um ausgebildete, militärisch gegliederte Kräfte. Längst ist in den Mitteilungen nicht mehr von „Terroristen“ die Rede, sondern von „Aufständischen“ oder von „feindlichen militärischen Kräften“.
Nach klassischen Regeln infanteristischen Kampfes graben sie sich zugweise ein, befestigen das Gelände, tarnen die Stellungen. Entsprechend massiv ist die militärische Antwort, einschließlich Luftschlägen und Artilleriefeuer. In der „Operation Medusa“ kam erstmals die Panzerhaubitze 2000 eines deutschen Rüstungsherstellers zum Gefechtseinsatz: Die niederländischen Streitkräfte hatten ihre Exemplare einfliegen lassen.
„Die müssen denken: Das sieht gut aus“
Dabei tritt ein Dilemma immer deutlicher zutage: Einerseits erfordert die harte militärische Herausforderung eine entsprechende militärische Antwort. Andererseits ist es genau die Taktik der anderen Seite, die ausländischen Truppen von der Bevölkerung zu isolieren, zu entfremden, sie möglichst zum gemeinsamen Feind werden zu lassen. Viel spricht dafür, daß gerade deshalb die Nato-Soldaten nach der Ausdehnung des Isaf-Mandats mit so massiver Gewalt konfrontiert wurden.
Ein Konzept, wie dem zu begegnen sei, trug Ende November ein kanadischer General im Parlament in Ottawa vor. Ziel sei es, die Gunst der Taliban in der Bevölkerung zu unterlaufen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Zunächst sollte eine gewisse Anzahl von Sicherheitszonen freigekämpft werden, etwa fünf oder sechs. Dort solle dann der Wiederaufbau gewährleistet werden.
Kurzfristig würden die Taliban den Wiederaufbau weiter torpedieren und versuchen, Kontakte zwischen der Bevölkerung und der afghanischen Regierung sowie der Isaf zu unterbinden. Die Isaf müsse daher versuchen, die Sicherheit in diesen Zentren zu gewährleisten, statt weiterhin in der Fläche zu agieren. „Diejenigen, die draußen sind, müssen denken: Das sieht gut aus.“
„Humanitäre Hilfe hineinbringen“
Eine weitere Lehre besteht darin, den Operationen ein afghanisches Gesicht zu geben und die örtlichen Strukturen einzubeziehen. Ein Anlauf wurde in dieser Woche im Süden unternommen, wo die Isaf unter niederländischem Regionalkommando agiert. Die Operation hieß „Baaz Tsuka“, auf deutsch etwa „Versammlung der Falken“. Soweit sie sich aus den (selbstverständlich tendenziösen) Isaf-Mitteilungen darstellen läßt, verlief sie bislang erfolgreich.
Vor Beginn der Operation seien Stammesälteste und Distriktverantwortliche ausgiebig konsultiert und um Mitarbeit gebeten worden. Afghanische Sicherheitskräfte und Isaf-Soldaten seien dann gemeinsam Abschnitt für Abschnitt vorgegangen und hätten mehrere Waffenlager mit Mörsermunition, Dynamit und Anti-Personen-Minen zerstört. Ein eigenes Panzerfahrzeug wurde durch einen Sprengsatz zerstört, drei Soldaten wurden verwundet.
Zwei Luftschläge wurden vermeldet, einer habe „einen wohlbekannten Aufständischenführer und einen Logistikposten ohne Kollateralschaden“ vernichtet. „Dieser zweite chirurgische Schlag in den vergangenen fünf Tagen zeigt den Aufständischen klar, daß sie sich nirgends vor der vereinigten Stärke der afghanischen Sicherheitskräfte und der Isaf verstecken können.“ Knapp eine Woche nach Beginn wurde am Donnerstag gemeldet, die beiden Regionen Howz-e-Madad und Zangabad seien sicher. „Der nächste Schritt ist es, humanitäre Hilfe hineinzubringen und eine Sicherheitszone mit Hilfe der Stammesältesten zu errichten.“
Das Problem mit den „Zivilisten“
Anderswo seien Afghanen und Isaf-Soldaten in schweres Feuer aus Handfeuerwaffen geraten und hätten Luftunterstützung angefordert. Hundert Aufständische seien beteiligt gewesen und viele von ihnen getötet worden; keine Toten oder Verletzten auf der eigenen Seite. Aufgabe der Bundeswehr-Tornados wäre es, solche gegnerischen Stellungen aufzunehmen und die Koordinaten an die verbündeten Kampfflugzeuge weiterzugeben.
Die können dann, so die Theorie, ihre Präzisionswaffen um so wirkungsvoller zur Geltung bringen. Tote unter Zivilisten, gar Frauen und Kindern, sollen so möglichst vermieden werden. Das Problem mit den „Zivilisten“ ist nur: Wie viele der hundert getöteten Aufständischen sind morgens erst in die Stellungen eingerückt und zuvor aus den umliegenden Dörfern gekommen, deren Älteste gerade in der Schura beraten?
Die gefragten Luftaufklärer vom „Immelmann“-Geschwader
Die Recce-Tornados, deren Einsatz in Afghanistan der Sprecher des Verteidigungsministeriums als „denkbar“ bezeichnet hat, sind eine Spezialität der Bundeswehr, die in dieser Qualität in der Nato rar ist. Es handelt sich um Kampfflugzeuge der Tornado-Basisversion - wie sie die Bundeswehr seit Anfang der achtziger Jahre in ihren Beständen hat -, die zusätzlich mit einem „Aufklärungsbehälter“ ausgestattet sind.
„Recce“ steht für „Reconnaissance“, Aufklärung. Der unter dem Rumpf angebrachte Behälter trägt Aufklärungstechnik: Kameras mit hoher Auflösung und Infrarotsensoren, die Temperaturunterschiede bis zu einem Zehntel Grad Celsius messen. So können Tag und Nacht, bei gutem und schlechtem Wetter sehr präzise Bilder von der Lage am Boden gewonnen werden.
Eine Übermittlung der Daten in „Echtzeit“, wie sie das amerikanische unbemannte Aufklärungsflugzeug Global Hawk bietet, ist nicht möglich. Der Waffensystemoffizier im Cockpit des Zweisitzers kann aber die Informationen der Sensoren direkt auswerten und einem anderen Kampfflugzeug unmittelbar Ziele zuweisen - versehen auch mit Informationen über die geeignete Angriffsrichtung oder beispielsweise darüber, ob sich gerade Zivilisten in der Nähe des Ziels aufhalten. Zur Selbstverteidigung sind die Recce-Tornados mit zwei 27-Millimeter-Maschinenkanonen und mit Sidewinder-Luft-Luft-Raketen ausgerüstet.
Die etwa 40 Recce-Tornados der Bundeswehr sind im Aufklärungsgeschwader 51 „Immelmann“ im schleswig-holsteinischen Jagel zusammengefaßt. Sie wurden in Deutschland immer wieder im Katastrophenschutz gebraucht, etwa bei Hochwasser, aber auch bei der Suche nach Vermißten. Doch sind sie auch schon im Rahmen von Kampfeinsätzen der Nato eingesetzt worden: 1995 zur Unterstützung der Luftschläge gegen bosnisch-serbische Stellungen um Sarajevo und 1999 im Luftkrieg um das Kosovo.
Endlich, Tornados in Afghanistan
A. Malliki (a.malliki)
- 22.12.2006, 01:21 Uhr
Deutsche "Tornados" in Afghanistan
Gert Tubach, OTL a.D. (GertTubach)
- 22.12.2006, 18:17 Uhr
Tornados in Afghanistan
Andrea Lather (AndreaLather)
- 23.12.2006, 22:38 Uhr