31.05.2009 · Durch Leiden und Courage wurde Burmas Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi populär. Doch reicht das für den Wandel? Nach 20 Jahren Stillstand wächst die Angst, dass ihr Kampf umsonst gewesen sein könnte.
Von Jochen BuchsteinerVon einem Schwimmer wurde sie an die Oberfläche der Weltöffentlichkeit zurückgespült. Weil ein mysteriöser Amerikaner über den Inyar-See zu ihrem abgesperrten Haus gelangte, steht Aung San Suu Kyi nun vor Gericht - oder vor dem, was die burmesischen Generäle darunter verstehen. Sie habe die Auflagen ihres Hausarrestes verletzt, lautet die Anklage, die im berüchtigten Insein-Gefängnis von Rangun verlesen wurde.
Die Aktion des Schwimmers, dessen Motive noch im Unklaren liegen, diente der Junta höchstwahrscheinlich als Vorwand. Die Generäle suchen schon seit geraumer Zeit einen Grund, um den Hausarrest der burmesischen Oppositionsführerin zu verlängern. Im nächsten Jahr will die Militärregierung in Naypidaw zum ersten Mal seit zwei Dekaden „Wahlen“ abhalten, und da würde Frau Suu Kyi nur stören.
Die Hoffnung der Burmesen
Es war ihr Wahltriumph von 1990, der sie zum weiblichen Nelson Mandela Asiens machte. Seit ihr und ihrer „Nationalen Liga für Demokratie“ (NLD) der Wahlsieg aberkannt wurde, sitzt Frau Suu Kyi mit wenigen Unterbrechungen im Hausarrest. Ein ernstzunehmender Prozess wurde ihr nie gemacht. Auch die Tausende NLD-Anhänger, die teils vorübergehend, teils dauerhaft inhaftiert wurden, haben nie ein auch nur halbwegs faires Verfahren gesehen.
Ohne „die Dame“, wie die zierliche, gebildete Frau aus gutem Hause genannt wird, würde die Lage in Burma international vermutlich weniger Emotionen hervorrufen. Gewalt und Unterdrückung herrschen in vielen Teilen der Welt, aber nirgendwo kristallisiert sich das Unrecht so anschaulich wie in dem verwunschenen Staat zwischen Thailand und Indien.
Schon äußerlich drückt Aung San Suu Kyi Rechtschaffenheit und Friedenswillen aus und rückt so die Generäle, die das Volk seit bald einem halben Jahrhundert schikanieren, in einen fast überscharfen Kontrast. Noch immer verkörpert Frau Suu Kyi, der 1991 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, für viele Burmesen die Hoffnung auf ein besseres Leben. Ihre Courage und ihr Standvermögen werden allseits bewundert - aber nach bald zwanzig Jahren des Stillstands fragen sich immer mehr Menschen, ob die Radikalopposition der Dame zum gewünschten Ziel führen kann.
Sie hat allen Versuchen widerstanden
Allen Versuchen der Junta, die Fronten aufzuweichen, hat Frau Suu Kyi widerstanden. Aus Angst, ihr könnte die Wiedereinreise verwehrt werden, schlug sie vor einigen Jahren sogar das Angebot aus, nach Großbritannien zu reisen, um ihren Ehemann ein letztes Mal vor seinem Tod zu sehen.
Konzession ist ein Wort, das in ihrem Handeln keinen Platz hat. Sie sieht sich als legitimierte Führerin des Landes und denkt gar nicht daran, Ansprüche abzutreten. Bis heute unterstützt sie Sanktionen des Auslandes, um die Unrechtmäßigkeit des Militärregimes international sichtbar zu halten. Der Hauptgrund dafür, dass Burma auf der Tagesordnung der Weltpolitik bleibt, liegt aber in ihrer Person - und dem Spiegelbild, das sie im Westen erzeugt.
Als Tochter des landesweit verehrten Unabhängigkeitskämpfers Aung San schien ihr ein angenehmes Leben in Burma vorherbestimmt. Doch schon die Kindheit war von Verlusten geprägt. 1947 - im Alter von zwei Jahren - verlor sie ihren Vater, der einem politischen Mord zum Opfer fiel. In der Grundschulzeit starb einer ihrer beiden Brüder bei einem Bade-Unfall. Mit fünfzehn Jahren verließ sie ihre Heimat und folgte der Mutter, die Botschafterin in Nepal und Indien wurde.
Ihr Leben baute sie sich in Großbritannien auf, wo sie zunächst Politik, Philosophie und Wirtschaft in Oxford studierte, um später an der Londoner „School of Oriental and African Studies“ zu promovieren. Mehr als zwanzig Jahre lang lebte sie in England, die meiste Zeit davon zusammen mit dem Tibet-Forscher Michael Aris, mit dem sie zwei Söhne aufzog.
Die Hoffnung schwindet
Erst 1988, im Alter von 43 Jahren, kehrte sie nach Burma zurück - ursprünglich nur, um ihre Mutter zu pflegen. Doch bald befand sie sich im Strudel der politischen Umbruchstimmung und begann unter dem Eindruck einer repressiven Militärregierung die größte Oppositionsbewegung des Landes aufzubauen. Mit ihrem politischen Erfolg begann der persönliche Leidensweg.
Nur zweimal wurde ihr Hausarrest seit 1990 aufgehoben, und beide Male endete die Freiheit rasch. Im Sommer 1995 sperrten die Generäle sie nach zwei Monaten wieder ein. Sieben Jahre später verbrachte sie zwölf Monate in Freiheit, bis sie im Mai 2003 nach einer von der Regierung fingierten Unruhe zurück in die Fänge der Staatsmacht geriet. Die kurzen Phasen des öffentlichen Auftretens hatten den Generälen allzu deutlich vor Augen geführt, dass Frau Suu Kyi noch immer die Massen anzog.
Seither appellieren Solidaritätskomitees, Menschenrechtsorganisationen und Regierungen Jahr für Jahr an die Junta in Burma und fordern die Freilassung der Politikerin. So populär ist Aung San Suu Kyi geworden, dass sich selbst Hollywood-Schauspieler und Politiker-Ehefrauen für sie einsetzen.
Doch es scheint, als stärke der internationale Druck nur die Sturheit der Generäle. Mit jedem Jahr schwindet die Hoffnung ein bisschen mehr, dass der Machtkampf doch noch zugunsten der Dame entschieden wird. Jahrzehnte der Repression haben die NLD geschwächt. Ihre Kader sind alt geworden, mehr als moralische Integrität ist in ihren Reihen kaum noch zu finden. Selbst Regimekritiker beginnen zu fragen, wie das Land im Falle eines Machtwechsels von der NLD überhaupt regiert werden sollte.
Für den Westen steht nicht viel auf dem Spiel
Fast unmerklich wächst so in Burma die Bereitschaft, das Land nicht gegen die Militärregierung zu verändern, sondern mit ihr zusammen. Auch wenn die kommende Wahl keinen westlichen Standards entsprechen und die Opposition bestenfalls rudimentär vertreten sein wird, mehren sich Stimmen, die das Öffnungspotential des Ereignisses betonen.
Wer weiß schon, wo uns das alles hinführen wird?, lautet eine oft gestellte Frage. Wäre es nicht möglich, dass halbdemokratische Anfänge einen Prozess in Gang setzen, an dessen Ende politischer Raum für mehr Veränderung entstehen könnte?
Im westlichen Ausland erscheint dieser Gedanke noch immer unanständig. Zwar ist der Westen in den Beziehungen zu vielen Ländern der Welt immer wieder zu dem einen oder anderen Kuhhandel bereit - nicht aber zu den Generälen in Naypidaw. Manchem erscheint es, als solle am burmesischen Beispiel die edle Gesinnung des Westens demonstriert werden. Anders als in China, Pakistan oder Saudi-Arabien steht in Burma strategisch nicht viel auf dem Spiel, wenn dort der Menschenrechtsuniversalismus durchgezogen und das Land isoliert wird.
Nicht mehr als Sonntagsreden
Selbst Diplomaten räumen im privaten Gespräch ein, dass sie sich an einer wohlfeilen Übung beteiligen. Denn mehr als moralische Gesten haben die Unterdrückten in Burma nicht zu erwarten. Der internationalen Entrüstung sind zwar Sanktionen gefolgt, aber die tun dem Westen nicht weh. Und jeder weiß, dass über eine konsequente Durchsetzung der Sonntagsreden in Amerika und Europa nicht ernsthaft nachgedacht wird.
Wenn die burmesische Justiz ihre prominente Gefangene in Kürze zu abermaligem Freiheitsentzug verurteilen wird, darf die Delinquentin sicher wieder mit lautstarker Solidarität aus dem Ausland rechnen. Mit ihren bald 64 Jahren könnte sie allerdings irgendwann auf die Idee kommen, dass sie nicht nur ein Opfer der burmesischen Junta ist, sondern zu einem gewissen Grade auch einer westlicher Doppelmoral.
Gandhis Weg hat eben nur mit einem Rechtsstaat als Gegenpart funktioniert
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 01.06.2009, 00:11 Uhr
@Gabor von Zoltan (Putinras) Rechtstaaten?
Shen li (Zhongguoren)
- 02.06.2009, 17:16 Uhr
Mit Sprachschwierigkeiten leben
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 02.06.2009, 22:58 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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