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Augenzeugenbericht aus der Gaza-Flotte Aktion Himmelswind

Als Israels Marine die Gaza-Solidaritätsflotte entert, ist unser Reporter vor Ort. Auf der „Eleftheri Mesogeios“ erlebt er, wie die Eliteeinheit an Bord klettert und mit gezogenen Waffen auf Zivilisten zugeht. Ein Augenzeugenbericht von Mario Damolin.

© AP Vergrößern Dieses Bild der israelischen Streitkräfte zeigt, wie sich Soldaten auf die „Mavi Marmara” abseilen

Seit vier Tagen sind mein Kollege Marcello Faraggi und ich an Bord der „Eleftheri Mesogeios“ (Freies Mittelmeer). Wir haben uns entschlossen, beim Zwischenhalt in Rhodos vom reinen Passagierschiff „Sfendoni“ hierher zu wechseln, weil der Frachter das an Bord hat, um was es wirklich geht - Hilfsgüter für Gaza: 1400 Tonnen Bauteile für hundert Fertighäuser aus Holz, Dachziegel, zwei Container mit Wasseraufbereitungsanlagen, mehrere hundert Elektrorollstühle, Medikamente. Wir haben beide kleine HD-Filmkameras dabei.

Gestern, am frühen Abend, ist Schriftsteller Henning Mankell zusammen mit der schwedischen Ärztin Viktoria Sand und dem Parlamentarier Mehmet Kaplan von den schwedischen Grünen an Bord gekommen. Die „Eleftheri Mesogeios“ ist das Ergebnis einer schwedisch-griechischen Allianz namens „Ship-to-Gaza“. In beiden Ländern wurde Geld für den Kauf des Frachters und seiner Ladung gesammelt, die griechische Crew wurde übernommen. Mankell als Prominenter und Kaplan als Parlamentarier sollen dem Schiff etwas Schutz geben. „Chef de Mission“ ist der 63 Jahre alte Professor für Wassertechnologie an der Technischen Universität Athen, Vangelis Pissias. Insgesamt sind jetzt 29 Personen an Bord.

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Gegen Mittag Vollversammlung an Deck. Vangelis Pissias will die Strategie für den nächsten Tag besprechen, an dem man einen Angriff der israelischen Marine erwartet. Pissias ist grauhaarig, graubärtig, schlank, wie aus einem Film von Costa-Gavras, mit einer sanften Melancholie im etwas verwitterten Gesicht. Er wird von seinen zumeist jüngeren griechischen Mitfahrern geradezu verehrt: ein Sozialist alten Schlages, in Zeiten des griechischen Faschismus im Untergrund; seit damals ein Freund des Präsidenten Karolos Papoulias, der dieses Unternehmen auch unterstützt.

Turkish cruise ship Mavi Marmara, carrying pro-Palestinian activists and humanitarian aid to Gaza, leaves from Sarayburnu port in Istanbul © REUTERS Vergrößern Die „Mavi Marmara” läuft aus - auf diesem Schiff werden sich später die schrecklichsten Szenen abspielen

Henning Mankell ist etwas unruhig

Es gibt schnell Übereinstimmung: Man will keinen physischen Widerstand leisten. Man geht davon aus, dass die Frachter mit den Hilfslieferungen im Zentrum des israelischen Interesses stehen. Dror Feiler, 58 Jahre alt, Musiker, Komponist und Künstler, meint, die Israelis würden es kaum wagen, ein Passagierschiff wie die „Mavi Marmara“ mit 500 Muslimen an Bord anzugreifen. Feiler ist so etwas wie der Sprecher der schwedischen Gruppe an Bord, immer zu einem Spaß aufgelegt, schlagfertig. Er stammt aus einer jüdischen Familie, ist in Tel Aviv geboren und war drei Jahre bei den israelischen Fallschirmjägern, ehe er sich als einer der ersten Soldaten weigerte, in den besetzten Gebieten Dienst zu tun. Danach emigrierte er nach Schweden. „Ich kenne die Armee, die werden ein solches Wagnis höchstwahrscheinlich nicht eingehen. Schließlich sind die Türken noch so etwas wie ein Verbündeter“, sagt Feiler. Vorgestern hatte er, mitten auf dem Ladedeck stehend, auf seinem Saxophon mit Überblastönen und Hanns-Eisler-Liedern frenetisch den Zusammenschluss der „Freedom Flotilla“ gefeiert, jetzt wirkt er nachdenklicher.

Die Runde der Kapitäne hat beschlossen, nach Einbruch der Dunkelheit in Formation zu fahren: an der Spitze die „Mavi Marmara“, danach, etwas seitlich versetzt, wir; hinter uns die „Sfendoni“, dann die beiden türkischen Frachter und dazwischen die kleine amerikanische „Challenger II“. Das Tempo wird von uns bestimmt, weil wir die schwächste Maschine haben: Wir machen durchschnittlich 7,5 Knoten. Wir vereinbaren, uns im Fall der Enterung auf der Brücke zu versammeln und das Steuerhaus durch unsere Anwesenheit so lange wie möglich zu verteidigen. Marcello Faraggi und ich sollen seitlich des Führerhauses auf den kleinen Terrassen genug Platz erhalten, um optimale Filmaufnahmen machen zu können. Zum Schluss werden noch Wachen eingeteilt.

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