http://www.faz.net/-gpf-16qal

Augenzeugenbericht aus der Gaza-Flotte : Aktion Himmelswind

  • Aktualisiert am

Dieses Bild der israelischen Streitkräfte zeigt, wie sich Soldaten auf die „Mavi Marmara” abseilen Bild: AP

Als Israels Marine die Gaza-Solidaritätsflotte entert, ist unser Reporter vor Ort. Auf der „Eleftheri Mesogeios“ erlebt er, wie die Eliteeinheit an Bord klettert und mit gezogenen Waffen auf Zivilisten zugeht. Ein Augenzeugenbericht von Mario Damolin.

          Seit vier Tagen sind mein Kollege Marcello Faraggi und ich an Bord der „Eleftheri Mesogeios“ (Freies Mittelmeer). Wir haben uns entschlossen, beim Zwischenhalt in Rhodos vom reinen Passagierschiff „Sfendoni“ hierher zu wechseln, weil der Frachter das an Bord hat, um was es wirklich geht - Hilfsgüter für Gaza: 1400 Tonnen Bauteile für hundert Fertighäuser aus Holz, Dachziegel, zwei Container mit Wasseraufbereitungsanlagen, mehrere hundert Elektrorollstühle, Medikamente. Wir haben beide kleine HD-Filmkameras dabei.

          Gestern, am frühen Abend, ist Schriftsteller Henning Mankell zusammen mit der schwedischen Ärztin Viktoria Sand und dem Parlamentarier Mehmet Kaplan von den schwedischen Grünen an Bord gekommen. Die „Eleftheri Mesogeios“ ist das Ergebnis einer schwedisch-griechischen Allianz namens „Ship-to-Gaza“. In beiden Ländern wurde Geld für den Kauf des Frachters und seiner Ladung gesammelt, die griechische Crew wurde übernommen. Mankell als Prominenter und Kaplan als Parlamentarier sollen dem Schiff etwas Schutz geben. „Chef de Mission“ ist der 63 Jahre alte Professor für Wassertechnologie an der Technischen Universität Athen, Vangelis Pissias. Insgesamt sind jetzt 29 Personen an Bord.

          Gegen Mittag Vollversammlung an Deck. Vangelis Pissias will die Strategie für den nächsten Tag besprechen, an dem man einen Angriff der israelischen Marine erwartet. Pissias ist grauhaarig, graubärtig, schlank, wie aus einem Film von Costa-Gavras, mit einer sanften Melancholie im etwas verwitterten Gesicht. Er wird von seinen zumeist jüngeren griechischen Mitfahrern geradezu verehrt: ein Sozialist alten Schlages, in Zeiten des griechischen Faschismus im Untergrund; seit damals ein Freund des Präsidenten Karolos Papoulias, der dieses Unternehmen auch unterstützt.

          Die „Mavi Marmara” läuft aus - auf diesem Schiff werden sich später die schrecklichsten Szenen abspielen

          Henning Mankell ist etwas unruhig

          Es gibt schnell Übereinstimmung: Man will keinen physischen Widerstand leisten. Man geht davon aus, dass die Frachter mit den Hilfslieferungen im Zentrum des israelischen Interesses stehen. Dror Feiler, 58 Jahre alt, Musiker, Komponist und Künstler, meint, die Israelis würden es kaum wagen, ein Passagierschiff wie die „Mavi Marmara“ mit 500 Muslimen an Bord anzugreifen. Feiler ist so etwas wie der Sprecher der schwedischen Gruppe an Bord, immer zu einem Spaß aufgelegt, schlagfertig. Er stammt aus einer jüdischen Familie, ist in Tel Aviv geboren und war drei Jahre bei den israelischen Fallschirmjägern, ehe er sich als einer der ersten Soldaten weigerte, in den besetzten Gebieten Dienst zu tun. Danach emigrierte er nach Schweden. „Ich kenne die Armee, die werden ein solches Wagnis höchstwahrscheinlich nicht eingehen. Schließlich sind die Türken noch so etwas wie ein Verbündeter“, sagt Feiler. Vorgestern hatte er, mitten auf dem Ladedeck stehend, auf seinem Saxophon mit Überblastönen und Hanns-Eisler-Liedern frenetisch den Zusammenschluss der „Freedom Flotilla“ gefeiert, jetzt wirkt er nachdenklicher.

          Die Runde der Kapitäne hat beschlossen, nach Einbruch der Dunkelheit in Formation zu fahren: an der Spitze die „Mavi Marmara“, danach, etwas seitlich versetzt, wir; hinter uns die „Sfendoni“, dann die beiden türkischen Frachter und dazwischen die kleine amerikanische „Challenger II“. Das Tempo wird von uns bestimmt, weil wir die schwächste Maschine haben: Wir machen durchschnittlich 7,5 Knoten. Wir vereinbaren, uns im Fall der Enterung auf der Brücke zu versammeln und das Steuerhaus durch unsere Anwesenheit so lange wie möglich zu verteidigen. Marcello Faraggi und ich sollen seitlich des Führerhauses auf den kleinen Terrassen genug Platz erhalten, um optimale Filmaufnahmen machen zu können. Zum Schluss werden noch Wachen eingeteilt.

          Weitere Themen

          Schießen und sprechen

          Eskalation in Israel : Schießen und sprechen

          Zwischen Israel und der Hamas eskaliert die Gewalt wie seit 2014 nicht mehr, mehr als 400 Raketen wurden aus Gaza abgefeuert – eine dauerhafte Lösung ist nicht in Sicht.

          London verkündet Einigung auf Brexit-Vertrag Video-Seite öffnen

          Kabinett am Zug : London verkündet Einigung auf Brexit-Vertrag

          Nach monatelangen Verhandlungen haben sich die Briten und die EU auf einen Brexit-Vertrag geeinigt. Nun soll das Kabinett von Theresa May über den Entwurf beraten. Ex-Außenminister Boris Johnson will gegen den Kompromiss stimmen.

          Topmeldungen

          Warum Italien stur bleibt : Vier Gründe für den Trotz

          Rom bleibt stur und will, dass der Haushaltsentwurf bleibt, wie er ist. Für die trotzige Haltung gibt es vier Gründe. Doch auch die EU hat wenig Anlass, ihre Position zu ändern.

          Personalkrise im Weißen Haus : Feuert Trump die nächste Ministerin?

          Donald Trump hat gerade erst Justizminister Sessions rausgeworfen. Nun soll angeblich auch Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen gehen. Das könnte jedoch zu einem Showdown im Weißen Haus führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.