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Aufruhr in der Ost-Ukraine : Vereint gegen Kiew

Keine klaren Ziele: Demonstranten in Luhansk Bild: AP

Moskau und die Oligarchen des Janukowitsch-Regimes suchten bislang ihre Macht im Osten der Ukraine zu sichern. Mit unterschiedlichen Zielen. In Luhansk mehren sich die Anzeichen für einen gemeinsamen Nenner.

          In Luhansk muss man zweimal hinsehen. Hier, wo das ostukrainische Industriegebiet Donbass an Russland grenzt, hatten mutmaßliche Separatisten am Sonntag das Gebäude des Geheimdienstes SBU gestürmt, die Waffenkammer geplündert und, nach ersten Meldungen, etwa 60 Geiseln genommen. 56 dieser Geiseln sollen dann in der Nacht zum Mittwoch freigelassen worden sein.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das war die Realität auf den ersten Blick. Auf den zweiten scheint es, dass zumindest die Geschichte mit den Geiseln eine der vielen Legenden ist, von denen die Ostukraine dieser Tage schwirrt. Eine Sprecherin des ukrainischen Innenministeriums in Luhansk sagte der F.A.Z. jedenfalls, sie könne die Erzählung so nicht bestätigen. Zwar sei es richtig, dass eine größere Anzahl von Leuten in der Nacht das besetzte Gebäude verlassen hätten, aber dafür, dass diese Menschen Geiseln gewesen seien, spreche nichts. Wahrscheinlicher erscheine, dass sie zu den Besetzern gehört und jetzt das Weite gesucht hätten.

          Es wird gerade viel umetikettiert in der Ostukraine. Das fängt mit Geiseln an und geht weiter bis zu den Kaperungen öffentlicher Gebäude durch „prorussische“ Separatisten und ihre Anhänger aus der russophonen Mehrheit dieses Landstrichs.

          Vor der besetzten Geheimdienstzentrale in Luhansk hat am Mittwoch zwar vieles so ausgesehen, wie es nach dieser Erzählung aussehen sollte: Alle möglichen russischen Symbole wurden gezeigt, das Blau-Rot-Weiß der russische Flagge ebenso wie das Schwarz-Gelb-Weiß der alten Zarenfahne, Hammer und Sichel ebenso wie die Muttergottes der russisch-orthodoxen Kirche. Selbst die unvermeidliche zornige alte Dame war da, eine Kriegswaise des „Großen Vaterländischen Krieges“, die bebend von ihrem im Kampf gegen die „Faschisten“ gefallenen Vater erzählte, und Stein und Bein schwor, wenn jetzt wieder diese Eindringlinge kämen, die Panzer der Nato nämlich und die Europäer, dann werde sie sich mit ihrem eigenen Körper der Invasion entgegenwerfen.

          Obwohl aber zumindest diese Dame – ihr Name ist Margarita Fjodorowna Adulow – die alte Erzählung vom antifaschistischen Kampf fürs verlorene Mutterland sichtlich zu glauben schien, warf ein Blick in die Runde Fragen auf.

          Keine Massen mobilisiert

          Zunächst nämlich zeigte er, dass Margarita Fjodorowna durchaus nicht in einer Woge der prorussischen Begeisterung schwamm. Wie schon im benachbarten Donezk, wo militante Kämpfer den Sitz des Gouverneurs besetzt halten, ist nämlich die Unterstützung „der Straße“ auch in Luhansk ausgesprochen dürftig gewesen. Kaum ein paar Dutzend Menschen standen am Mittwoch Mittag vor dem besetzten Geheimdienstgebäude. Es ist nicht so, dass der Kampf für Russland in der Ostukraine heute wirklich Massen mobilisiert.

          Aber nicht nur „das Volk“ von Luhansk ist offenbar nicht, was es im Flattern der Fahnen und Legenden auf den ersten Blick zu sein schien, auch beim Kämpferkommando, um das sich zuletzt alles drehte, passt nicht alles zu den Erzählungen. So haben diese angeblichen „Separatisten“ zum Beispiel keinen Augenblick den Anschluss an Russland nach dem Modell der Krim gefordert. In ihren Forderungen geht zwar wie dort um ein „Referendum“; das Ziel so einer Volksbefragung aber blieb bisher im Dunkeln. Von einem Anschluss an Russland ist jedenfalls nicht die Rede, und es könnte auch sein, dass es ihnen lediglich um mehr Autonomie innerhalb der Ukraine geht.

          Gedämpfter Separatismus der Oligarchen

          In dieser Unschärfe verschwimmt auch die Frage nach den Hintermännern. Vieles spricht dafür, dass hier die Hand des russischen Geheimdienstes FSB im Spiel sein könnte, wie es die Regierung in Kiew sagt. Zugleich ist aber auffällig, dass in diesen Tagen nicht nur Moskau an einer Regionalisierung der Ukraine und einer Schwächung der Kiewer Zentrale gelegen ist.

          Auch die ostukrainischen „Oligarchen“ des Ancien Régime, die Hütten- und Grubenkönige des Donbass, dürften daran interessiert sein, nach dem Sturz Präsident Viktor Janukowitschs, der ihre Kreatur war, die Macht der neuen, prowestlichen Führung in Kiew zu begrenzen. Dabei haben sie aber zugleich wenig Neigung, völlig unter die Kontrolle Russlands zu geraten.

          Der eigentümlich gedämpfte Separatismus, der sich dieser Tage in Donezk und Luhansk gezeigt hat, könnte deshalb darauf hindeuten, dass hier zwei unterschiedliche Akteure – Moskau und die Oligarchen – einen gemeinsamen Nenner gefunden haben.

          Der mächtigste Oligarch der Ukraine jedenfalls, der Donezker Multimilliardär Rinat Achmetow, hat in den vergangenen Tagen ein Verhalten an den Tag gelegt, das diese Annahme stützt. Einerseits hat er sich zwar immer wieder für die Einheit der Ukraine ausgesprochen, andererseits aber hat er in den vergangenen Tagen durch persönliche „Vermittlung“ die Aktivisten im besetzten Gouverneurspalast in Schutz genommen. Dabei soll er dazu beigetragen haben, den stellvertretenden Ministerpräsidenten Vitali Jarema, einen ehemaligen Polizeigeneral, der eigens aus Kiew angereist war, um Ordnung zu schaffen, von einer Erstürmung des Gebäudes abzuhalten.

          Kommentatoren ist diese Doppelrolle längst aufgefallen. Sergej Iwanow, der bekannteste pro-europäische Blogger in Luhansk, ist jedenfalls überzeugt, dass die Oligarchen des Donbass die prorussische Militanz dieser Tage in ihrem Machtkampf mit Kiew als „As im Ärmel“ sehen und entsprechend nutzen. Andere gehen sogar noch weiter: Sergej Leschenko von der Internetzeitung „Ukrainska Prawda“, einer der schärfsten investigativen Journalisten des Landes, hat kürzlich behauptet, Achmetow sei zu einem Gespräch mit dem russischen Präsidenten Putin nach Moskau gereist. Die Ergebnisse sehe man heute „auf den Straßen von Donezk“. Ein Sprecher Achmetows hat die Moskaureise umgehend bestritten.

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