25.11.2006 · Nach Art des Berufsstands hat der frühere Geheimagent Litwinenko das wichtigste Geheimnis seines Lebens mit sich genommen: die Ursache seines Todes. Führt die Spur in den Kreml oder eher in die russische Wirtschaftswelt?
Von Bernhard Heimrich, LondonDer Tod des ehemaligen russischen Spions Alexander Litwinenko ist möglicherweise auf eine Vergiftung durch Polonium 210 zurückzuführen. Nach dem Tod Litwinenkos am Donnerstag abend bestätigten britische Behörden am Freitag nachmittag, im Urin des Patienten sei eine hohe Konzentration dieser radioaktiven Substanz gefunden worden, nachdem sie wenige Tage zuvor noch ausgeschlossen hatten, daß es sich überhaupt um eine radioaktive Substanz gehandelt haben könnte. Scotland Yard intensivierte die Fahndung und durchsuchte mehrere Gebäude sowie die Wohnung Litwinenkos nach Spuren des radioaktiven Metalls.
Am Tag zuvor hatte ein Arzt erläutert, warum es so schwierig sei, die Ursache der Vergiftung festzustellen: Es gebe einfach zu viele mögliche Gifte. Nur in den ersten Tagen der rätselhaften Krankheit waren die Ärzte überzeugt, Litwinenko sei mit Thallium vergiftet worden, einem besonders bösartigen Rattengift. Später wurde ergänzt, es sei sogar radioaktives Thallium gewesen. Doch dann ist die medizinische Fachwelt wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, zur Ratlosigkeit nämlich, und dort scheint sie vorerst zu verharren.
Im Dämmerlicht internationaler Konspirationen
Entsprechend vorsichtig ist die Polizei. Nach Auskunft des Krankenhauses behandelt die Behörde den Vorfall als „unerklärten Todesfall“. Auf den ersten Blick ist das noch weniger als der „verdächtige Todesfall“, mit dem der englische Kriminalroman anzufangen pflegt. Doch insgeheim ist auch jene Spezialeinheit Scotland Yards an der Arbeit, die gegen mutmaßliche terroristische Anschläge in Marsch gesetzt wird.
Freunde des Spions, Ärzte, die Polizei und ihre Kollegen in Zivil oder in noch tieferer Tarnung suchen zuerst einmal nach der Tat, ihrem Zeitpunkt und dem Tatwerkzeug. Wenn sie wüßten, was Litwinenko wann gegessen oder getrunken hatte, würde sich wahrscheinlich auch der Täter enthüllen, und über ihn käme man zum Auftraggeber und zur größten und heikelsten Frage von allen: Warum? Auch diese Fährte schien zuerst eindeutig zu verlaufen und auf die übliche Spinne im Netz zu zeigen: den russischen Geheimdienst, gar seinen ehemaligen Chef und heutigen Herrn des Kremls, Wladimir Putin.
Doch nicht nur die Mediziner sind beim Fortgang dieser seltsamen Geschichte um so vorsichtiger geworden, je mehr sie zu wissen meinten. Im Dämmerlicht internationaler Konspirationen und der Welt des Geldes schien die Spur sich ebenso rasch zu vervielfachen und damit zu verflüchtigen wie auf der medizinischen Seite der Angelegenheit.
„Die verdammten Kerle haben mich erwischt“
Litwinenko selbst hat bis zuletzt geglaubt, „der Kreml“ habe ihn zur Strecke gebracht. Sein Freund Andrej Nekrassow, der ihn jeden Tag besucht hatte, hörte ihn beim letzten Gespräch flüstern: „So weit muß man also gehen, um zu beweisen, daß man die Wahrheit gesprochen hat. Die verdammten Kerle haben mich erwischt; aber sie werden nicht jeden kriegen!“
Das bezieht sich auf die ursprüngliche Quelle dieser Tragödie, die vielleicht immer noch die plausibelste ist. Litwinenko war Putin und seinen Mannen ein Dorn im Auge, seit er 1998 in einer Moskauer Pressekonferenz seinen früheren Arbeitgeber, den russischen Inlandsgeheimdienst FSB, des Mordens, der Erpressungen und anderer Übeltaten beschuldigt hatte.
Videoaufnahmen in einer Moskauer Wohnung
Nach seiner Flucht in die Türkei und nach Großbritannien, wo er 2001 politisches Asyl erhielt und später die Staatsbürgerschaft, veröffentlichte er ein Buch, in dem er dem russischen Geheimdienst terroristische Anschläge anlastete, die den Tschetschenen in die Schuhe geschoben wurden. Die Erregung über diese Anschläge auf Wohnhäuser in Moskau mit mehreren hundert Toten im Sommer 1999 hatte geholfen, den Beginn des zweiten Tschetschenienkriegs zu begründen und so Putins Weg an die Führung zu ebnen. Litwinenko brachte seine Vergiftung, die er auf den 1. November datierte, mit seinen Recherchen nach dem Mord an der kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja in Verbindung, die am 7. Oktober in Moskau erschossen worden war.
Allerdings gibt es auch andere Fingerzeige. Kurz vor seinem Tod hatte Litwinenko den britischen Sicherheitsbehörden ein Tonband gegeben, auf dem er unter anderem von Videoaufnahmen in einer Moskauer Wohnung erzählt, die Putin in Szenen zeigten, mit denen man ihn erpressen könnte, wenn sie denn wahr wären.
Doch außerdem soll die Rede sein von schmutzigen Einzelheiten bei der Verschleuderung der russischen Ölindustrie und von Namen wie Roman Abramowitsch, einem in London lebenden Milliardär aus der gemeinsamen kalten Heimat. Damit wiederum kämen nicht politische, sondern wirtschaftliche Motive in das Spiel, das damit aber nicht weniger gefährlich würde.