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Täteranalyse Die ungestellten Fragen von Oslo

04.08.2011 ·  Hat Anders Breivik etwas falsch verstanden, oder haben wir noch nicht verstanden, dass er gar nicht gegen konkrete Menschen kämpfte, sondern gegen Ideen? Die Amokläufer-Psychologie versagt.

Von Stefan Schulz
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Es gehört zur Logik des Terrorismus, nicht nur Täter und Opfer zu kennen, sondern die Gesellschaft selbst durch Miterleben in Mitleidenschaft zu ziehen. Für deren Verunsicherung und Angst gibt es keine etablierten Kanäle der Aufarbeitung, keine Seelsorge, keine Medizin, kein Recht. Jeder Terrorakt zwingt der Gesellschaft Fragen auf, und es ist kein Zugeständnis an eine Macht des Täters, solche Fragen zuzulassen, aufzugreifen und ernst zu nehmen. Sollten wir überhaupt versuchen, den Täter zu verstehen? Hat der Täter seine eigene Tat verstanden? Kann er überhaupt erklären, was er tat, oder müssen Antworten nicht ganz woanders gesucht werden?

Der Täter selbst kennt in seinem hinterlassenen Text nur Appelle, keine Fragen. Und wenn dort doch Fragen auftauchen, betrafen sie nur die Strategie der Umsetzung seines Plans; um zu verstehen, was geschah, hilft das nicht. Denn es kommt jetzt auf Fragen an, die sich nicht an den Täter richten, keine Rücksicht auf seine Appelle nehmen und die unabhängig davon zu stellen sind, ob es sofort befriedigende Antworten auf sie gibt.

Die Tätermerkmale waren bislang für islamistische Kämpfer reserviert

Es sind nur wenige Merkmale, in denen die Tat von Oslo anderen ideologisch motivierten Anschlägen ähnelt. Die Weltgesellschaft und ihr massenmedialer Resonanzboden sind die Bühne, die Opfer sind hauptsächlich als Stellvertreter und somit in hohem Maße zufällig gewählt, und der Täter hat seine Tat langwierig geplant, er war vorbereitet, ausgerüstet und unbeirrbar. Diese Merkmale waren bislang für islamistische Kämpfer reserviert – so sehr, dass, sofern man den entsprechenden Berichten Glauben schenken kann, solche Islamisten sich mit dem Täter solidarisierten, bevor sie bemerkten, welcher Verwechslung sie aufsaßen.

Mittlerweile wandelt sich auch auf Seiten der Terrorexperten der Eindruck, den die Tat hinterlässt. Der Täter hat keine Gesinnungsgenossen. Seine Radikalisierung beruht auf psychischer und sozialer Abschottung. Er litt unter einer fixen Idee, der Islamisierung Europas, die er weniger in seiner Lebenswelt als in Texten erlebte. Und er lebt noch! Das ist alles eigenartig und neu.

Das im vergangenen Jahrzehnt durch massenmediale und politische Rhetorik entstandene Bild des Terrorismus ist in seine Puzzleteile zerfallen. Selbst die wichtige Frage, ob Anders Breivik ideologisch und fundamentalistisch gehandelt hat, wurde viel zu schnell beantwortet. Der Täter gefällt sich beispielsweise im Bild des Ritters und idealistischen Kämpfers. Er hat dieses Bild aus seiner Rezeption des Dschihad abgeleitet. Doch seine Bewunderung hatte Grenzen. Er übernahm die Idee, das Leben Unschuldiger für seine Idee zu opfern; doch die wichtigste Komponente, auch das eigene Leben seiner Idee unterzuordnen, hat er nicht übernommen. Ebenso interpretiert er die Idee des Kampfes in seiner eigenen Logik. Denn er kämpfte ja gar nicht.

Er legt Bomben im Hinterhalt und erschießt wehrlose Kinder. Im Vorfeld der Tat weicht er jedem Widerspruch aus. Er diskutiert nicht, geht keine Beziehungen ein und zieht sich aus allen Gruppierungen zurück. Er widerspricht dem Muster des Rechtsradikalen, zu dem die Vergemeinschaftung durch Kameraderie gehört; ein Merkmal, das auch die Terrorzellen von Al Qaida aufweisen. Und er entledigte sich offenbar auf Zuruf seiner Waffen. Bei dem Bild, das sich für die auf der Insel eintreffenden Polizisten bot, kann die Priorität nicht die Festnahme des Täters gewesen sein. Doch Breivik blieb nicht nur am Leben, sondern auch unverletzt. Trieb ihn eine Ideologie oder ein Kalkül? Wollte er die Prominenz seiner Täterschaft bewusst miterleben? Waren die vielen Toten ein kalkulierter Preis? Der Täter teilt mit, seine Tat sei ein „symbolischer Akt“. Doch sie ist weder Symbol noch Zeichen, sie ist an Faktizität kaum zu überbieten. Er traf nicht nur einen stellvertretenden Teil der von ihm gehassten Gesellschaft, er traf sie in ihrer Mitte. Bei der hohen Zahl an Getöteten, die aus allen Gegenden Norwegens nach Utoya anreisten, liegt es nahe, dass jeder Bürger des Fünfmillionenvolks durch persönliche Beziehungen zum Opfer dieser Tat wurde.

Wo liegt die Quelle dieses Hasses?

Wieso wendet sich das destruktive Potential einer Tat, die sich als Verteidigung deklariert, so sehr nach innen? Ziehen Fundamentalisten, religiöse wie nationalistische, nicht eigentlich eindeutige Grenzen, um sich einer Seite zuzuordnen und die andere zu attackieren? Wieso richtet sich die Tat, die ihre Ideologie aus demographischen Prognosen nährt, gegen Kinder und Jugendliche, also die Basis auch seiner demographischen Hoffnungen? Hat er etwas falsch verstanden, oder haben wir noch nicht verstanden, dass er gar nicht gegen konkrete Menschen kämpfte, sondern gegen Ideen? Haben wir verstanden, auf welcher Ebene seine Menschenverachtung angesetzt ist? Was ist denn die Quelle für seinen Hass, dessen Begründungen nicht aus dem Erleben, sondern aus der fast wahllosen Lektüre von Texten stammen?

Wie ist dieser Grad an Radikalisierung ohne soziale Beziehungen möglich? Was bedeutet es, wenn ideologisch- kulturelle Konflikte nicht über die Zeit eskalieren, sondern plötzlich explosionsartig ausbrechen und so allen Versuchen der pädagogischen, politischen, moralischen Mitsprache entzogen werden?

Es wirkt so, als habe der Täter von Oslo auch auf das, was über Terroristen und Amokläufer bekannt ist, auf ihre Rechtfertigungen, ihre Techniken und Pläne, selektiv zugegriffen. Aber er setzte aus diesen Elementen ein ganz eigenes Bild zusammen. Darum sind auch Vergleiche mit Amokläufen, deren psychologische Erklärungen mehr Plausibilität bieten, unbefriedigend.

Die Unmöglichkeit zu verstehen

Im vergangenen Jahrzehnt hatten wir gedacht, wir hätten gelernt. Nach dem 11. September 2001 mussten unglaubliche Ideen begriffen werden: Es gibt Schläfer unter uns. Menschen immunisieren sich mit religiösen Ideen gegen jeglichen diesseitigen Einfluss und planen, sich ins Jenseits zu bomben. Doch dieser Terrorismus war organisiert und kannte Adressen. Nun haben wir es mit einem Terroristen zu tun, der noch lebt, was aber nichts nützt, weil es nichts mehr zu verhindern gibt. Er hat sein Verbrechen verübt und steht nun als Adresse für Erklärungen zur Verfügung. Doch gibt es aus seiner Richtung noch etwas zu verstehen? Hat er versucht, der Initialzünder für eine Revolution zu sein?

Sofern man versucht, all diese Fragen in der Radikalität zu beantworten, in der sie der Gesellschaft aufgezwungen wurden, stößt man sofort auf weitere, dahintersteckende: Verweisen die Strukturmerkmale des Verbrechens in Oslo tatsächlich auf fundamentalistische Überzeugungen? Oder steht nicht vielmehr eine Person im Mittelpunkt, die sich diese Position mit eigenen Mitteln erkämpft hat und nun sogar noch in die Lage versetzt wird, sie zu verteidigen? Überwiegt nicht das Kalkül die Ideologie? Oder hat Breivik tatsächlich versucht, der Initialzünder für eine Revolution zu sein? Wie viele Menschen gibt es denn, die denken, dass es nur noch eines Funkens dafür bedarf, oder die gar auf ihn hoffen?

Breivik hat sich nicht mit eigenen Texten radikalisiert, sondern mit denen anderer, die er nicht lange suchen musste. Manche seiner Appelle kommen direkt aus dem in mehreren europäischen Staaten auch politisch-parlamentarischen Themen-Mainstream. Zieht man den Appell zur Tat und die Tat selbst ab, finden sich in zahllosen Blogs, Reden, Pamphleten inhaltsgleiche Argumente. Vielleicht ist das zeitdiagnostische Potential des Verbrechens insofern größer, als es auf den ersten Blick scheint. Man kann Tat und Täter eigentlich nicht verstehen. Darum liegt es nahe, ihn für wahnsinnig zu erklären. Doch nicht unser Mangel an Antworten und Erklärungen verhindert das Verstehen, sondern der Umstand, dass wir nicht wissen, welche Fragen jetzt zu stellen sind und an wen.

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