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Attentate von Oslo und Utøya Kritik an der norwegischen Polizei wächst

17.08.2011 ·  Kurz nach den Anschlägen hielten sich die norwegischen Medien mit Kritik am Polizeieinsatz zurück. Nun werden täglich neue Vorwürfe laut. Ihr Tenor: Die Sicherheitskräfte hätten das Blutbad früher beenden können.

Von Sebastian Balzter, Oslo
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In Norwegen wächst knapp vier Wochen nach den Anschlägen auf das Regierungsviertel von Oslo und das Sommerlager der Jungsozialisten auf der Insel Utøya die Kritik am Vorgehen der Polizei vor der Festnahme des Attentäters. Während die norwegischen Medien in den ersten Tagen nach den Anschlägen, bei denen am 22. Juli 77 Menschen getötet worden sind, noch sehr zurückhaltend über den Polizeieinsatz berichtet hatten, werden nun täglich neue Vorwürfe laut, deren gemeinsamer Nenner lautet, die Sicherheitskräfte hätten deutlich früher am Tatort auf der Insel Utya sein und das Blutbad beenden können.

So veröffentlichte der Fernsehsender NRK am Mittwoch ein Video, das zeigt, wie ein Einsatzfahrzeug der aus Oslo angerückten Antiterroreinheit zunächst auf dem direkt gegenüber der Insel gelegenen Campingplatz ankommt, dann aber wieder umdreht, um einen weiter entfernt gelegenen Bootsanleger anzusteuern. Von dort war die Überfahrt nach Utøya rund drei Kilometer länger. Durch das Wendemanöver und den Umweg könnte etwa eine Viertelstunde verloren gegangen sein.

Der Grund für die Wahl des weiter von der Insel entfernten Anlegers ist bisher ebenso unklar wie die Antwort auf die Frage, warum die schwer bewaffnete zehnköpfige Einsatztruppe ein offenbar zu schwach motorisiertes Schlauchboot für die Überfahrt nach Utya nutzen wollte und erst unterwegs auf zwei besser geeignete Privatboote umstieg. Der Stabschef der Osloer Polizei hat inzwischen zugegeben, dass in diesem Punkt Fehler unterlaufen sein könnten.

Osloer Polizeichef weist Vorwürfe zurück

Der Polizeichef von Oslo wies aber viele Vorwürfe in einem Interview mit der Zeitung „Aftenposten“ zurück. Dass der einzige zum Transport einer Spezialeinheit geeignete Polizeihubschrauber des Landes im Ferienmonat Juli nicht einsatzfähig war, liege am knappen Budget. „Uns standen am 22. Juli eben nur die Ressourcen zur Verfügung, die uns zur Verfügung standen.“ Ein Militärhubschrauber, der schon nach der Bombenexplosion im Stadtzentrum zum Transport von Verletzten nach Oslo verlegt worden war, hätte erst aufwendig umgerüstet werden müssen. „Wir brauchen eine Kommandozentrale, an der die Polizei, das Militär und alle anderen relevanten Behörden beteiligt sind“, fordert deshalb Ståle Ulriksen vom sicherheitspolitischen Forschungsinstitut Nupi in Oslo.

Insgesamt verstrichen zwischen dem ersten Notruf von der Insel und der Festnahme des geständigen Attentäters Anders Behring Breivik nach offiziellen Angaben 61 Minuten. Am Dienstag hatte die Zeitung „Verdens Gang“ berichtet, dass Breivik der Polizei schon eine halbe Stunde vor seiner Festnahme per Telefon angeboten habe, sich zu ergeben. Als er daraufhin keine klare Antwort erhalten habe, so wird Breiviks Strafverteidiger zitiert, habe er den Massenmord fortgesetzt.

Aufnahme eines mutmaßlichen Anrufs des Attentäters

„Wir haben von der örtlichen Dienststelle die Aufnahme eines Anrufs erhalten, auf der vermutlich die Stimme des Täters zu hören ist“, sagte der die Ermittlungen leitende Polizeiankläger Christian Hatlo der F.A.Z., machte aber keine Angaben zum Inhalt. Dieser Mitschnitt sei jedoch erst eine Minute vor Breiviks Festnahme aufgenommen worden. Inzwischen seien auch vom Polizeipräsidium die Aufnahmen der am 22. Juli eingegangenen Notrufe angefordert worden, diese lägen ihm aber noch nicht vor. Sowohl Breiviks Verteidiger als auch die Anwälte mehrerer Hinterbliebener haben Zugang zu diesen Mitschnitten gefordert. Zu der Kritik am Kriseneinsatz der Polizei äußert sich Christian Hatlo aber nicht, sondern verweist auf eine von der norwegischen Regierung eingesetzte Sonderkommission, die an diesem Donnerstag ihre Arbeit aufnehmen soll.

In den Verhören des Täters konzentrieren sich die Ermittler laut Hatlo unterdessen wieder auf die Frage, ob Breivik Mitwisser oder Helfer im In- und Ausland gehabt hat. „Wir verdächtigen derzeit niemanden konkret, setzen die Suche aber fort, weil der Angeklagte in diesem Punkt Informationen zurückhält.“ Auch den Antrag, die Öffentlichkeit von der Gerichtsanhörung auszuschließen, in der an diesem Freitag in Oslo über die Verlängerung der Einzelhaft des Attentäters entschieden werden soll, begründet Hatlo mit dem Risiko, der Täter könne andernfalls möglichen Komplizen verdeckte Hinweise etwa zur Verdunkelung noch nicht sichergestellter Beweismittel geben. So ist Herkunft der Finanzen unklar, die Breivik zur Vorbereitung des Attentats eingesetzt hat. Breivik gibt an, er habe sie als selbständiger Unternehmer und Aktienhändler verdient; das sei aber nach den bisherigen Erkenntnissen, so Hatlo, nicht zutreffend.

Hergang der Anschläge offenbar weitgehend aufgeklärt

Der Hergang der Anschläge ist hingegen nach Hatlos Darstellung inzwischen zufriedenstellend aufgeklärt. Breivik habe sie demnach zweifelsfrei allein begangen. Identifiziert sind die Tatwaffen – ein halbautomatisches Gewehr vom Typ Ruger M-14 und eine Neun-Millimeter-Pistole der österreichischen Marke Glock – und die beiden eingesetzten Fahrzeuge, ein VW-Lieferwagen für den Bombenanschlag und ein gemieteter Fiat-Kleintransporter für die knapp 40 Kilometer lange Fahrt von Oslo zur Fähre nach Utøya. Dort habe Breivik außer den beiden Waffen auch mindestens eine Rauchgranate eingesetzt. Für die Berichte deutscher Medien über Benzinkanister, die der Attentäter in den Bäumen der Insel aufgehängt haben soll, fanden sich laut Hatlo hingegen keine Anhaltspunkte.

Am Wochenende hatte die Polizei den Angeklagten mehrere Stunden lang auf Utøya vernommen und ihn einzelne Szenen seiner Tat nachstellen lassen. Eine weitere Begehung der Insel mit ihm sei nach derzeitigem Stand nicht nötig, sagt Hatlo. Für das Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt lägen genug aussagekräftige Videoaufnahmen von Überwachungskameras vor, sodass eine Vernehmung Breiviks dort nicht vorgesehen sei. Sowohl auf Utøya als auch im Regierungsviertel ist die Spurensicherung nach Auskunft des Ermittlungsanwalts nun abgeschlossen.

Allerdings dauere die Überprüfung von Mobiltelefonen und Kameras auf Film- und Tonaufnahmen an, die weitere Hinweise zur Tat oder ihrer Vorbereitung liefern könnten. „Wir gehen dabei auch der Frage nach, ob der Angeklagte vielleicht an einem der Tage vor dem Anschlag auf Utøya gewesen ist, um sich ein Bild von der Situation zu machen.“ Die Insel befindet sich nun wieder im Besitz der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei, die an diesem Wochenende Angehörigen der Opfer und überlebenden Teilnehmern des Sommerlagers einen Besuch der Insel ermöglichen wird. Die Partei hat angekündigt, sie wolle auf Utya auch künftig politische Treffen veranstalten.

Journalisten sollen nicht mehr mit Ermittlern telefonieren

Den Bauernhof in Mittelnorwegen, den Breivik in den Monaten vor den Anschlägen gepachtet hatte, hält die Polizei dagegen weiterhin unter Verschluss. Dort ist laut dem Polizeiankläger unter anderem der komplette Rest jener Düngemittellieferung sichergestellt worden, die der Attentäter teilweise zur Herstellung der Autobombe verwendet hat. Ob der von der Explosion dieser Bombe stark beschädigte Sitz mehrerer Ministerien im Zentrum von Oslo wieder bezogen werden kann oder abgerissen werden muss, ist noch nicht entschieden.

Unterdessen hat die Kommunikationschefin der Osloer Polizei die Journalisten in der norwegischen Hauptstadt dazu aufgefordert, nicht mehr direkt mit den ermittelnden Beamten zu telefonieren. Grund dafür ist, dass die Zeitung „Verdens Gang“ vorzeitig von dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit geplanten Verhör Breiviks auf Utøya erfuhr, so dass es von ihren Mitarbeitern von einem angemieteten Ferienhaus aus fotografiert werden konnte. Die veröffentlichten Bilder haben einige heftige Reaktionen unter Hinterbliebenen einiger Opfer hervorgerufen.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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