31.07.2011 · Während Anders Breivik auf der „Insel der Liebe“ tötet, sind die Jugendlichen auf der Flucht. Ali rennt barfuß durch den Wald, Kamzy kauert im Toilettenhäuschen, Adrian versucht, durch das Wasser zu entkommen. Als die Polizei endlich eintrifft, liegen überall Tote.
Von Lydia RosenfelderDie Insel ist leer. Nach heftigen Schauern leuchtet ein Regenbogen über den Kiefernwäldern. Gegenüber auf dem Festland stehen fünf Leute vom Roten Kreuz. Sie warten auf Pizza. Und darauf, dass sie ihre Arbeit hier beenden können. Im Wasser wird mit Booten, Tauchern und einem ferngesteuerten Mini-U-Boot nach einer Leiche gesucht. Es ist die letzte, die noch nicht geborgen wurde nach dem Massaker vor einer Woche. „Morgen hoffentlich“, sagt ein junger Mann. Er hat eine Karte vor sich. „Wir haben alles abgesucht. Den ganzen Fjord. Eine Gruppe mit Spürhunden hat dabei geholfen. Die Hunde saßen vorn in den Booten, die die Ufer abfuhren.“ Neben dem Mann steht ein kleines Fährboot. Es ist die „MS Thorbjørn“. Mit ihr fing alles an.
Am Freitag, dem 22. Juli, arbeitet Kamzy auf Utøya. Der Insel der Liebe, so steht es im Programm des Sommerlagers. Schon die Zeitung Dagbladet hatte sie als den besten Ort zum Verlieben ausgezeichnet. Kamzy steht in einem kleinen Laden und verkauft Jeans und Shirts, die das Emblem der Jugendorganisation der Arbeiterpartei zeigen: eine Flamme und drei rote Buchstaben, AUF. Sie ist 23 Jahre alt, hat dunkle Haut und langes Haar, stammt aus Sri Lanka. Im Stadtrat von Oslo sitzt sie und kennt alle auf der Insel. Am Tag zuvor sonnte sie sich noch mit Freunden in einer Bucht, auf Norwegisch: Vika. Sie nennen diese Bucht Bolschevika. An diesem Freitag aber ist es regnerisch und der Boden schlammig. Über Lautsprecher, die auf der ganzen Insel befestigt sind, werden die mehr als fünfhundert Jugendlichen ins Hauptgebäude beordert. Nur stehend passen alle hinein, sie müssen die Schuhe ausziehen, damit sie den Matsch nicht hineinschleppen. Sie erfahren, dass es eine Explosion im Osloer Regierungsviertel gegeben hat. Kamzy ruft Eltern und Geschwister an, sie sind nicht in der Stadt, sie sind in Sicherheit.
Der Mann ist blond, groß und kräftig
Auf dem Festland gegenüber steigt Håkon aus einem Bus. Fast wäre ihm die Lust auf das Camp vergangen. Regen, nichts als Regen! Håkon, 22, zerzaustes, braunes Haar, läuft hinunter zum Ufer. An der Fähre angekommen, prüft ein Wachmann routinemäßig Håkons Tasche. Alkohol ist verboten auf der Insel Utøya, die seit sechzig Jahren den Jungsozialisten gehört und Ausgangspunkt vieler politischer Allianzen und Freundschaften ist. „Wollen wir mal schauen, ob du eine abgesägte Flinte in der Tasche versteckst“, witzelt der Wachmann. Während Håkon an der Fähre wartet, kommen mehr Leute. Alle reden von der Explosion in Oslo.
Ein silberfarbener Van fährt vor. Ein Mann in Polizeiuniform steigt aus und sagt, er werde eine Routineuntersuchung auf der Insel vornehmen. Wegen der Ereignisse in Oslo. Håkon wundert sich, dass der schwer bewaffnete Polizist in einem Zivilfahrzeug kommt. Er macht einen Scherz, sagt zum Wachmann: „Der soll mal seinen Ausweis zeigen.“ Dann könne man sehen, ob er wirklich ein Polizist ist.
Der Mann ist blond, groß und wirkt kräftig, was auch an der kugelsicheren Weste liegt, die er über dem Uniformpullover trägt. Um seinen Hals baumelt ein Ausweis. Er hat einen Koffer dabei. Auf dem Boot stehen noch andere Leute, der Mann lehnt am Geländer, neben ihm eine Frau, die das Sommerlager seit zwei Jahrzehnten mitorganisiert. Sie spricht den Mann an, er antwortet nur knapp, seine Körperhaltung signalisiert Desinteresse. Sie wird misstrauisch. An der Insel angekommen, eilt sie die Treppen hinauf in das weiße Holzhaus mit der Aufschrift „Utøya“, das Informationszentrum. Sie holt den Wachmann, zusammen gehen sie auf den Mann zu. Sie sind seine ersten Opfer auf der Insel.
Im Hauptgebäude hört man Schüsse und Stöhnen
Ali Esbati ist im Hauptgebäude, als er Schüsse hört. Panik bricht aus, alle rennen hinaus, Ali auch, barfuß. Auf dem Zeltplatz ruft ein Mann die Leute zu sich, zu einem „Informationstreffen“. Ein halbes Dutzend versammelt sich um ihn, dann zielt er, sie rennen, er erschießt sie von hinten. Ali rennt durch den Wald. Nach einer Weile wähnt er sich sicher und legt sich auf das Moos. Er sieht andere Leute, die sich verstecken. Ein Mädchen, halb bewusstlos, wurde angeschossen und blutet aus dem Mund. Andere helfen ihr. Beim Rennen hat Ali sich die Füße aufgekratzt, seine Socken sind nass vom Wasser und Blut. Eigentlich sollte Ali längst wieder in Oslo sein. Am Nachmittag hat er, Mitglied der schwedischen Linkspartei, einen Workshop geleitet. Dann kam die Explosion im Regierungsviertel, und die Innenstadt war abgesperrt. Er blieb auf Utøya.
Die Schüsse kommen noch immer vom Campingplatz. Der Mörder geht von Zelt zu Zelt. Kamzy kauert im Toilettenhäuschen um die Ecke. Sie weiß nicht, was passiert, hat nichts gesehen. Ist das ein Scherz? Sie fühlt nichts, sie funktioniert einfach. Hat die Tür abgeschlossen, das Handy auf lautlos gestellt und in den BH gesteckt. Den Rucksack legt sie beiseite. Als Kamzy vertraute Stimmen hört, kommt sie heraus.
In einer anderen Toilette, drinnen im Hauptgebäude, sitzt Håkon mit ein paar anderen Leuten. Sie hören Schüsse und Stöhnen. Stille. Alle verharren reglos am Boden. Im Raum nebenan klingelt ab und zu ein liegen gebliebenes Handy. Wieder eine neue Familie, die sich sorgt, denkt Håkon. Doch niemand antwortet ihnen. Der Raum ist nur wenige Quadratmeter groß, es ist heiß und stickig. Keiner sagt etwas. Håkon bewegt sich nicht, spürt nichts, nur seine schmerzenden Beine. Ein hysterischer Lachanfall überkommt ihn. Er zwingt sich zur Ruhe. Eine junge Frau aus Uganda klagt über Bauchschmerzen. Sie ist im zweiten Monat schwanger. Die anderen befürchten eine Fehlgeburt, versuchen, sie zu beruhigen. Ihr Kopf liegt auf Håkons Pullover. Sie beten.
Nach hundert Metern kehrt Adrian um
Die Schüsse entfernen sich. Der Mörder hat das Ufer erreicht. Kamzy rennt mit einer Gruppe von etwa zwanzig Leuten durch den Wald, immer wieder fällt sie, sofort helfen andere ihr auf. Am Wasser klettert sie über die Klippen, rutscht aus, zieht die Schuhe aus. Kamzy hat keine Ahnung, wo der Mörder sich aufhält. Aber die Schüsse kommen näher. Sie fragt sich, wie sie sterben will. Sie zieht das Shirt aus und läuft ins Wasser, direkt neben der Bolschevika, der kleinen Bucht. Lieber will ich ertrinken, als mich ihm zu überlassen, denkt sie. Das Wasser ist klar und kalt, sie versucht zu schwimmen, doch die Hose ist zu schwer. Sie kann noch stehen und schält sich im Wasser aus der Jeans. Dann schwimmt sie, gemeinsam mit ihrem Freund Matti. Vor und hinter ihnen sind weitere Personen im Wasser. Matti sagt: „Wenn ich erschossen werde, schwimmst du weiter.“ Sie: „Hör schon auf, wir schaffen das!“ Er leitet sie an: „Schau nicht zurück, sondern geradeaus auf das Land, das ist dein Ziel.“ Sie dreht sich nicht um. Dadurch sieht sie nicht, was Matti gesehen hat: Der Mörder steht am Ufer und feuert Schüsse ab, auf sie und diejenigen hinter ihnen. Nach etwa vierhundert Metern kommt ein Motorboot vom Festland, sie werden aus dem Wasser gezogen und erreichen als Erste das rettende Ufer.
Auch Adrian versucht, auf die andere Seite zu schwimmen, nach hundert Metern beginnt er vor lauter Panik nach Atem zu ringen. Er kehrt um. Der Mörder ist da. Nur wenige Schritte entfernt von Adrian brüllt er die Jugendlichen im Wasser an. Ihr werdet alle sterben. Schießt und lädt nach. Dann richtet er seine Schnellfeuerwaffe auf ihn. Adrian fleht, er möge ihn nicht erschießen. Plötzlich dreht der Mann ab. Adrian versteckt sich mit anderen im Gebüsch. Doch dann kommt der Mörder zurück. Um ihn herum sinken die Jugendlichen zu Boden. Adrian selbst liegt halb unter Kleidern, halb unter einer Leiche. Er stellt sich tot. Dann streift eine Kugel seine linke Schulter. Der Mörder kommt näher, Adrian hört seinen Atem. Er rührt sich nicht. Das rettet ihm das Leben.
Eine Stunde ist seit der ersten Meldung im Hauptquartier vergangen
Ali steht an den Klippen und hört Hubschrauber. Jetzt ist es vorbei, denkt er. Wir sind sicher. Am Ufer sieht er einen Polizisten. „Polizei, es ist alles in Ordnung!“, ruft der Mann. Dann schießt er auf die jungen Menschen. Ali ist etwa fünfzehn Meter von ihm entfernt. Er wirft sich ins Wasser, kriecht in die Büsche. Neben ihm sterben sie. Ali sieht, dass der Mörder gezielt schießt. Er verschwendet kaum eine Kugel. Ali sieht eine Schwimmweste im Wasser. Dann sieht er, dass ein lebloser Körper darin steckt. Er versucht, zwei kleine Jungen zu trösten.
Endlich kommt die Polizei. Eine ganze Stunde ist vergangen, seitdem die erste Meldung im Osloer Hauptquartier eingegangen ist. Die Stadt ist vierzig Kilometer von der Insel entfernt. Die Hubschrauberpiloten machen allesamt Urlaub. Und das Boot, das die Spezialeinheiten auf die andere Seite bringen soll, ist kaputt. Die Polizisten nehmen den Mörder sofort fest. Er hat noch Munition, leistet aber keinen Widerstand, sondern lässt die Schnellfeuerwaffe fallen und geht mit erhobenen Händen auf die Polizei zu.
Die Fernsehteams sind schon länger da. Es war ihr Hubschrauber, der den Jugendlichen falsche Hoffnung machte. Dabei kreisen sie um die Insel und machen Aufnahmen von dem Täter, der an den Klippen steht und die Waffe auf Menschen richtet, die am Boden liegen. Ein Reporter in einem Motorboot berichtet live, er habe vier Menschen gesehen, aneinandergeklammert, als wollten sie einander beschützen. Doch sie waren alle tot.
Kamzy hat selbst noch keine Träne vergossen
Derweil betreten Polizisten das Hauptgebäude, sichern Raum für Raum. Schließlich gelangen sie zu den Toiletten. Håkon und die anderen treten langsam heraus. Sie werden angewiesen, an der Wand Platz zu nehmen, bis man die Lage unter Kontrolle hat. Die Polizei fragt, wer den Täter gesehen hat. Håkon meldet sich. Draußen sieht er die Toten. Sie liegen überall auf der Insel. Am Ufer. Auf dem Liebespfad. Die Überlebenden werden ins benachbarte Sundvollen gebracht. Nachts wird Ali dort von seiner Verlobten und ihrer Mutter abgeholt. Im Auto hören sie die Vier-Uhr-Nachrichten. Die Zahl der Toten auf Utøya wird nach oben korrigiert. Ihr Mörder ist auch für den Bombenanschlag in Oslo verantwortlich, mit acht Toten und zahlreichen Verletzten.
Eine Woche später finden die ersten Beerdigungen der Mordopfer statt, darunter eine junge Kurdin. Viele Überlebende versammeln sich. Auf alten Fotos strahlt das 18 Jahre alte Mädchen, das Juristin werden wollte. Die Polizei spricht nun von insgesamt 77 Toten. Håkon hat der Polizei geschildert, wie er mit dem Mörder auf die Insel hinübersetzte. Nicht einmal die Stasi wäre ihm auf die Spur gekommen, hat Janne Kristiansen, Chefin des Inlandsgeheimdienstes PST, gesagt. Ali Esbati spricht in Interviews über die islamfeindlichen Strömungen in Skandinavien und über den Täter, dessen Plan es war, die „westeuropäischen, multikulturellen Regime“ zu zerstören, wie es in seinem Manifest heißt.
Kamzy rast von einem Termin zum nächsten, schläft nachts nicht mehr als zwei Stunden. Sie kümmert sich um andere und hat selbst noch keine Träne vergossen. Es geht einfach nicht, sagt sie. Adrian wird im Krankenhaus behandelt, aber es geht ihm schon etwas besser, so dass er zur Beerdigung des kurdischen Mädchens fahren kann. Wieder und wieder muss er erzählen, was passiert ist. Er sagt, dass auf der Insel eine Gedenkstätte errichtet werden sollte. Um festzuhalten, was die jungen Menschen inmitten dieses Horrors füreinander getan haben. Auf der Insel der Liebe.