31.07.2011 · Von wegen geisteskrank - der Mörder von Oslo wusste, was er tat und wollte: Sozialdemokraten töten, Lieblingsziel aller totalitären Weltretter. Wir sind es, die nichts wussten und vergessen haben. Was soll man dieser monströsen Rationalität entgegensetzen?
Von Nils MinkmarMassenmord ist harte Arbeit, wir wissen es seit Heinrich Himmlers Posener Rede. Anders Breivik hat sich auf diese Arbeit vorbereitet. Er misstraute dem in der Idylle des heutigen Norwegen groß gewordenen Mittelstandskind, sich selbst. „Du bist dein ärgster Feind“, schrieb er im dritten Teil seiner „europäischen Unabhängigkeitserklärung“, welche zugleich ein Tage- und ein Handbuch ist.
Die Ein-Mann-Selbstmordattentäterzelle kann nicht durch V-Leute infiltriert werden, nur durch Skrupel und Depression. Dagegen musste er sich wappnen. Breivik nahm sich ein Beispiel an seinem Feind, den Dschihadisten: Fünfmal am Tag beten, wie das deren Moral stärke, fabelhaft. Doch bei aller Beschwörung des christlichen Abendlands ist Anders Breivik kein gläubiger Mann, also praktizierte er stattdessen seine Form von Foucaults „Sorge um sich“, ein selbst erdachtes mentales Trainingsprogramm: Jeden Tag vierzig Minuten spazieren gehen, dazu rechtsradikale Songs der schwedischen Sängerin Saga auf dem iPod hören, und immer an die Sache denken, an die Muslime, die uns bald schon überrennen werden und die Verräter, die ihnen die Pforten öffnen. Er wappnete sich gegen die eigene Menschlichkeit. Auch Frauen werde er töten müssen, schrieb er, selbst gut aussehende, und das, obwohl er als Ritter ja besonders ritterlich sei. Das sagte er sich wieder und wieder, beim Spazierengehen. Und ans Abknallen gewöhnte er sich mit Hilfe von Ego-Shooter-Spielen, deren Realismus er lobte. So blieb er körperlich fit und geistig gesund.
Mörder zeigen Rührung
Wahnsinn ist, wie der Verrat, eine Frage des Datums. Ein Einzelkämpfer, der eine Bombe bastelt, zündet und noch am selben Tag einen Massenmord an Sozialdemokraten begeht, hätte mit Geldprämien, höchsten Ehren und einem Sektempfang in Berlin rechnen können – gerade mal ein Menschenleben ist das her. Waren die Angehörigen der Einsatzgruppen und der SS alle geisteskrank, die Operation Barbarossa ein kollektiver Amoklauf? Die Kategorien der forensischen Psychiatrie helfen nicht weiter: Dies ist eine Tat, die wir im Lichte der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten müssen, denn wir kennen Breivik schon lange. Wir hatten ihn bloß vergessen.
Er ist weder selten noch auffällig. Der israelische Psychiater Dan Bar-On hat über Nazitäter und deren Familien geforscht. Er sagte, dass wir fälschlicherweise vom Einzelnen als Individuum sprechen, einer nicht aufspaltbaren Persönlichkeit, und erwarten, dass ein Täter sich in jedem Lebensbereich böse verhalte, also auch noch dem Kanarienvogel den Hals umdrehe. Es falle uns schwer einzusehen, dass der liebe Opa und Nachbar, der Freund auch ein Killer sein kann. Die meisten der von ihm befragten Männer wussten genau, was sie taten, als sie töteten, und hielten es aufgrund ihrer Ideologie für völlig gerechtfertigt. Manchmal, das fiel Bar-On auf, waren sie auf ein kleines Detail stolz: Einige Massenmörder in Uniform haben ihm von dem einen Kind berichtet, dessen Blick sie nicht losgelassen hat. Bar-On hielt das für einen psychischen Schutzmechanismus, damit sie sich selbst nicht wie Monster vorkommen: Wenn mich dies so berührt, kann ich kein ganz und gar böser Mensch sein.
Auch Breivik hatte diesen Reflex. Als ein Junge ihn direkt ansprach und sagte: „Du wirst doch keinen Landsmann erschießen“, verschonte er ihn und ermordete lieber eine andere Gruppe von Kindern. Und man weiß schon, wenn man das Manifest gelesen hat, wie der Massenmörder in seinem schlichten Abba-Englisch und den stets erwartbaren Gedankengängen diesen Gnadenerweis des richtenden Tempelritters loben würde. In Wahrheit wollte er pfleglich mit sich selbst umgehen, es nicht übertreiben: Du bist dein ärgster Feind. Breivik ist überhaupt recht zimperlich, wenn es um ihn selbst geht. Bitterlich beklagt er sich im Manifest über die Moskitos in seinem Gesicht, wenn er wieder mal seine Waffen im Wald vergräbt und den entsprechenden Schutz vergessen hat.
Terror ist Theater
Anders Breivik wusste genau, was er tat. Wir sind es, die nichts wussten, die vergessen haben: was politischer Terror von rechts ist, wie so was aussieht, wie die vorgehen. Und wir sind es den Opfern schuldig, zu studieren, was er geschrieben hat, wie er vorgegangen ist, bis ins kleinste Detail. Denn er hat ja nicht in die Menge geballert, einen Kindergarten gesprengt oder den Hauptbahnhof. Nicht mal auf die Polizisten hat er geschossen, zum Schluss. Er hat sich schon die Richtigen ausgesucht: Stalin und die Nazis waren sich in einem Punkt wenigstens einig, nämlich der Todeswürdigkeit der Sozialdemokraten. Breivik verurteilt gleich in den ersten Kapiteln die Idee von der Gleichberechtigung aller Menschen, insbesondere der von Mann und Frau, die Freundschaft unter Rassen, Völkern und Kulturen sowie die offene Gesellschaft – daher sind Sozialdemokraten seine logischen Ziele. Sie sind immer das Gegenteil aller selbstberufenen Weltrettungsritter, aller schneidigen Futuristen und Denker des jeweils neuen Menschen, gelten jeder extremistischen Seite als Verräter.
Die sozialdemokratischen Opfer verkörperten Ideale, über die wir im Alltag kaum nachdenken und oft genug für den Stoff von Sonntagsreden halten. In früheren Zeiten hätte man sie Helden und Märtyrer genannt, aber diese Begriffe werden im Manifest und von anderen Terroristen so strapaziert, dass wir lieber ihre zivilen Namen lernen.
Anders Breivik hat mit seinem politischen Attentat unser Gedächtnis aufgefrischt. Er ist der erste Open-source-Naziterrorist 2.0, und er wird keineswegs der letzte sein. Breivik hat sich sein Themenfeld erarbeitet, gewissermaßen im Fernstudium: Sein Lieblingsfilm ist Bernd Eichingers „Baader Meinhof Komplex“. So wie dort das entschlossene kleine Kommando ein Land in Atem hält und zugleich zur Legende wird, so will auch er für Action und Spannung sorgen. „Terror ist Theater“, schreibt er und braucht ein Publikum, das die Botschaft versteht. Und das gibt es weltweit, gar nicht mal klammheimlich: Der rechte amerikanische Moderator Glenn Beck verglich unmittelbar nach der Tat das Sommercamp der norwegischen Jusos mit der Hitlerjugend. So schafft man es, den Sozialdemokraten die Schuld für den Massenmord an Sozialdemokraten unterzuschieben. Kommentatoren auf der Glenn-Beck-Seite bewunderten den jungen Mann, der sich aus Vaterlandsliebe opfern wollte.
Ein zeit- und ortloser, „kosmischer Krieg“
Breiviks direktes Vorbild aber sind weder die Nazis noch die RAF, sondern die Dschihadisten, deren individuelle und diskrete Radikalisierung mit Hilfe des Netzes er kopiert. Er nennt die Dschihadisten sogar seine „wertvollste Waffe“ und spricht von einer „symbiotischen Verbindung“ zwischen den beiden Bewegungen. Je mehr die Islamisten bomben und töten, desto größer wird seine Sympathisantenszene, desto mehr Druck kommt auf den Kessel. Aber er lernt auch ganz praktisch von ihnen, wie man sich jahrelang still verhält und, basierend auf der Freigiebigkeit einer vom Öl begünstigten Wirtschaftslage, die Ökonomie des Terrors optimiert.
Wie die Dschihadisten der neuesten Generation gehört Breivik zur modernsten und gefährlichsten Kategorie von Terroristen, die die Harvardprofessorin Louise Richardson beschrieben hat: Er agiert nicht aus Rache oder für die Befreiung seiner Heimat, sondern radikalisiert sich spontan und individuell. Es geht nicht um die Lösung eines Problems oder ein definiertes Ziel. Sein Kampf kennt keine geografischen oder moralischen Grenzen. Und weil er seine kriminelle Kompetenz selbst ausbildet und verfeinert, hat er auch keine Genossen, die ihn mäßigen könnten, kein Umfeld, in dem er auffallen könnte. Breivik führt, genau wie die Dschihadisten, einen zeit- und ortlosen „kosmischen Krieg“ – so der Begriff des amerikanischen Islamwissenschaftlers Reza Aslan. Und was sagt uns das? Wie gewinnt man den? Aslan schreibt: Indem man nicht mitkämpft.
Wir müssen jetzt genau sein
Das bedeutet nicht, den nächsten Anschlag passiv abzuwarten, es ruft dazu auf, die Debatten nicht kosmisch werden zu lassen. Die Fragen von Immigration und vom Kampf der Kulturen konkret zu halten, faktenbasiert und im Dialog mit den anderen. Rasse, Religion und Kultur nicht als Synonyme zu verwenden, sondern zu differenzieren, über einzelne Schritte und sachliche Fragen zu reden und keine Panik zu machen. Der theoretische Teil von Breiviks Manifest ist von Seiten wie „Politically Incorrect“ inspiriert, auf denen die Beschreibung der fremden Bedrohung kein Maß und keine Grenze kennt, auf denen der Muslim immer auch der Araber und der immer auch der potentielle Dschihadist ist, und wenn nicht, so verstellt er sich bloß.
Und ihre ganze Art vererben sie, und nie wird etwas gut, und es gibt gar kein Ende der Gefahr, es sei denn, sie verschwänden oder würden wie wir. Es geht aber auch nicht, wie die für diesen Satz von Breivik gelobte Bundeskanzlerin, einfach festzustellen, „Multikulti ist gescheitert“, und dann nicht zu erklären, was besser ist und stattdessen geschehen soll. Denn dass mehrere Kulturen in unseren Städten leben, das sehen die Leute doch ganz genau. Solche losen Enden darf man nicht in der Landschaft herumliegen lassen, wir müssen jetzt genau sein.
Aber wir spielen nicht mit
Die intellektuelle Vorbereitung erst versetzt den Fanatiker in die Lage, mit gutem Gefühl zu töten. Es ist die feste Überzeugung, die den Killer antreibt, die mentale Vorbereitung ist das Entscheidende. Sie ist genauso Bestandteil des Terrors wie Munition und Waffen, und wer mit intellektuellem Werkzeug handelt, das dazu dient, die Schwelle des Respekts vor dem anderen abzutragen, darf nach so einem Anschlag nicht bloß mit den Schultern zucken oder sich seinerseits zum Opfer erklären.
Die Selbstmördereinzelzelle ist eine taktische Einheit, die die Begrenzung ihrer Wirkung selbst voraussetzt, aber das ist in modernen Zeiten keine wirkliche Beruhigung. Seitenlang überlegt Breivik in seinem nun weltberühmten und unendlich oft gelesenen Manifest, wie man ein Kernkraftwerk angreifen könnte. Gleich sechs Pläne hat er dazu entworfen, die kaum phantastischer sind als der, den er selbst durchgeführt hat. Denn sich in der Uniform eines Polizisten als Symbol der Sicherheit vor der von ihm selbst zuvor ausgelösten Gefahr den Opfern zu nähern, darauf muss einer erst mal kommen. Nicht viele Menschen kombinieren Breiviks Ansichten mit seiner Entschlossenheit, Ausdauer und kriminellen Phantasie, aber es sind doch genug, um Grund zu höchster Besorgnis zu geben. Wie schützen wir uns? Durch Aufklärung und natürlich mit allem, was Polizei und Nachrichtendienste vermögen. Und darüber hinaus? Gar nicht. Es ist unsere Verwundbarkeit, die von Jean-Claude Carrière in einem schönen Buch gerühmte fragilité, die uns von solchen waffenstarrenden Tempelrittern unterscheidet und die unsere Menschlichkeit ausmacht.
schief
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