22.03.2004 · Viele Spuren führen die spanischen Ermittler nach den Anschlägen vom 11. März in den Madrider Stadtteil Lavapiés. Die spanische Polizei hat vier weitere Verdächtige festgenommen.
Von Leo Wieland, MadridAlle Spuren führen nach Lavapiés. Die spanische Polizei hat im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11.März vier weitere Verdächtige festgenommen. Drei der Verdächtigen wurden in der Nacht zum Montag im Madrider Vielvölkerstadtteil gefaßt, wo der Hauptverdächtige Jamal Zougam einen Telefonladen betrieb. Der vierte sei in der Vorstadt Getafe festgenommen worden. Damit befinden sich wegen der Anschläge auf die U-Bahn insgesamt 14 Menschen in Polizeigewahrsam.
Lavapiés sieht zwar nicht aus wie die Medina von Marrakesch. Aber in die spanische Bevölkerung dieser ärmlichen Arbeiter- und Kleinhändlergegend nahe dem Unglücksbahnhof von Atocha mischen sich Afrikaner, Pakistaner, Araber, Lateinamerikaner und Chinesen. Neben dem Sprachengewirr, der Kleidervielfalt, den orientalischen Kopftüchern und Bärten sind die Marokkaner spürbar präsent. In ganz Spanien leben inzwischen eine halbe Million Maghrebiner. In Madrid sind es etwa vierzigtausend, davon gut die Hälfte aus dem Land jenseits der Straße von Gibraltar.
Radikale Islamisten aus Marokko
In Lavapiés, hinter dessen Namen die einen eine christliche Wurzel mit Jesus, dem Fußwäscher, sehen, die andere eine jüdische, weil sich hier die Besucher an einem Brunnen vor dem Betreten des ehemaligen Judenviertels die Füße gewaschen haben sollen, gibt es nun Imam, Moschee und ein Islamisches Zentrum.
Ein halbes Jahrtausend nach der Vertreibung der Muslime und Juden aus Spanien und wenige Monate vor dem fünfhundertsten Todestag der Katholischen Königin Isabella von Kastilien gibt es nun den Verdacht, daß zumindest die Werkzeuge, wenn nicht die geistigen Urheber des Madrider Massakers vom 11. März vorwiegend radikale Islamisten aus Marokko waren. In falschen oder echten Bekennerbotschaften ist von Al Andalus die Rede, der arabischen Bezeichnung für Spanien. Damit verbinden sich sogar wirre Andeutungen auf "Kreuzzügler", einen "heiligen Krieg", eine "Wiedereroberung" des einzigen ehemals islamischen Landes in Europa und also das Begleichen einer uralten historischen Rechnung.
Nachbarn erinnern sich an „nette Jungs“
Inwieweit die mutmaßlichen Terroristen und ihre Helfer - sieben Marokkaner, zwei Inder und ein Spanier sind bisher in Haft - an solche historischen Zusammenhänge dachten, ist noch unklar. Die Spuren, die nach Lavapiés führen, enden nicht bei den Tätern, sondern auch bei ihren Opfern. Unter den 202 Toten der Attentate sind drei Marokkaner, unter den mehr als 1400 Verletzten sind mehr als ein Dutzend Marokkaner. Sie kamen hierher auf der Suche nach einem besseren Leben, weil der Bevölkerungsdruck, die Arbeitslosigkeit und viele andere Probleme in ihrem Heimatland sie hinausdrängten.
Unter den "netten Jungs", an die sich die Nachbarn in Lavapiés erinnern, ist der Hauptverdächtige, der 30 Jahre alte Jamal Zougam. Er hat Obst und Gemüse verkauft, bevor er in der Tribuleta-Straße Nr. 17 einen Laden für Mobiltelefone mit dem Schild "Nuevo Siglo" (Neues Jahrhundert) aufmachte. Aus diesem Laden sollen, so vermutet die Polizei, ein Handy und eine Telefonkarte stammen. Das Telefon sollte am Donnerstag, den 11. März, um 7.40 Uhr morgens den Zünder eines der Bombenrucksäcke auslösen, versagte aber, weil es offenbar versehentlich auf 7.40 abends eingestellt war.
Marokkanische Behörden kooperieren
Fünf Männer wurden am Samstag nach den Anschlägen in diesem Zusammenhang festgenommen: neben Zougam die Marokkaner Mohamed Bekkali (31 Jahre alt und Klubmitglied von Real Madrid) und Mohamed Chaoui (34) sowie die Inder Suresh Kumar und Vinay Kholy. Ein Madrider Ermittlungsrichter hat die Marokkaner unterdessen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und des Mordes in mehr als 190 Fällen beschuldigt, die Inder der Kollaboration mit Terroristen. Nach Lavapiés kam die Polizei auch am vorigen Mittwoch bei den zweiten Festnahmen von vier weiteren verdächtigen Marokkanern.
Die marokkanischen Behörden - die mit den spanischen eng und auffallend bemüht kooperieren, weil sie die Hintermänner der Attentate von Casablanca am 16. Mai 2003 (45 Tote, darunter vier Spanier) im Bannkreis der gleichen Islamistengruppen mit Verbindungen zu Al Qaida vermuten wie die in Madrid - gaben rasch drei der vier Namen preis: Mohamed Chedadi (37 Jahre), Abderrahim Zbakh (32) und Farid Oulad (33). Zbakh, der wie die meisten der sieben festgenommenen Marokkaner aus Tanger stammt und sich seit Jahren legal in Spanien aufhielt, ist Chemiker. Mohamed Chedadi hatte zusammen mit seinem Bruder Said in Lavapiés ein Hemdengeschäft. Said, der als Mitglied der kurz nach dem amerikanischen 11. September zerschlagenen "spanischen Zelle" von Al Qaida gilt, ist seitdem im Gefängnis.
Dynamit aus dem Bergwerk
Vier weitere noch flüchtige Marokkaner wurden von der Polizei gesucht und nun offenbar verhaftet. Sie sollen das aus einem Bergwerksdepot in Asturien gestohlene Dynamit besorgt haben. Ein inzwischen festgenommener spanischer Staatsbürger, ein vorbestrafter ehemaliger Minenarbeiter, von dem nur der Vorname José bekannt ist, soll den Kontakt hergestellt und dann bei der Beschaffung eines Teils oder der ganzen hundert Kilogramm Goma 2 Eco geholfen haben. Das erste Zusammentreffen der Marokkaner mit "José" fand nach den Informationen der Polizei im Januar statt: in einer Bar in Lavapiés.
Dieser Madrider Mikrokosmos ist ein Spiegel für die oft heikle, oft aber auch ohne Schwierigkeiten gestaltete Beziehung zwischen Spaniern und Marokkanern. Die beiden Länder, die außer einer Meerenge noch manch anderes trennt - der Zwist um die Enklaven Ceuta und Melilla, das postkoloniale Erbe in der Westsahara und der quichottische Kampf um die Petersilieninsel -, verbindet auch vieles: ihre gemeinsame Geschichte, ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse (Auswanderer von drüben als Erntehelfer und Arbeiter hüben), politische Interessen (Bekämpfung von Terrorismus) sowie strategische Rücksichten bei der Kontrolle am Eingang des Mittelmeers.
Schmerz und Scham
Der junge König Mohamed VI. sagt "lieber Onkel" zu dem spanischen König Juan Carlos I. Nach der galicischen Umweltkatastrophe durch den gesunkenen Öltanker "Prestige" lud Mohamed mit königlicher Geste Fischer aus dem spanischen Nordwesten zum Fang in seine Küstengewässer ein. In diesen Tagen verbindet Marokko und Spanien nun der gemeinsame Schmerz und im Fall des afrikanischen Nachbarn auch die Scham. In den Leserbriefen an marokkanische Zeitungen ist von einer "nationalen Schande" die Rede. Als Antwort auf die "Züge des Todes" wollen wiederum marokkanische Menschenrechtler in dieser Woche in solidarischer Sympathie einen "Zug des Lebens" besteigen, der von Rabat über Casablanca nach Tanger und dann von Algeciras nach Madrid weiterfahren soll.
Die spanische Außenministerin Ana Palacio reiste als erste zu einer Trauerfeier nach Rabat. Begleitet von ihrem marokkanischen Kollegen Mohamed Benaissa, der fließend Spanisch spricht, hörten sie in der Kathedrale der Hauptstadt den katholischen Erzbischof, den Großrabbiner von Casablanca und die höchsten muslimischen Würdenträger Bekenntnisse zur Menschlichkeit und Warnungen vor Kollektivschuldvorwürfen, dem Mißbrauch der Religion aussprechen.
„Zivilisierte Reaktion der spanischen Bevölkerung"
In den emotionalen Gleichklang mischte sich schnell auch die Politik, als Mohamed VI. mit geradezu überschwenglicher Herzlichkeit dem sozialistischen Wahlsieger José Luis Rodríguez Zapatero gratulierte. Zu der ungeliebten Regierung des konservativen Ministerpräsidenten Aznar, mit der das Verhältnis zuletzt pragmatisch gekittet worden war, ging er symbolisch auf Distanz, indem er die versprochene Audienz für Frau Palacio, die zehn Minuten zu spät im Palast erschienen war, aus "Termingründen" nicht mehr gewährte. Wenn Zapatero aber, so wie seine Vorgänger Aznar und Felipe González, die erste Auslandsreise nach dem Amtsantritt nach Marokko unternehmen sollte, ist ihm ein warmer Empfang sicher.
In Spanien, wo es vor ein paar Jahren zu häßlichen Szenen und Ausschreitungen gegen nordafrikanische Wanderarbeiter in den Treibhäusern von El Ejido in Andalusien gekommen war, wurden bislang außer scheelen Blicken für junge Araber mit Rucksäcken in der Madrider Metro keine Anzeichen aufflammender Fremdenfeindlichkeit beobachtet. In Lavapiés zeigte sich der (pakistanische) Imam "angenehm überrascht von der zivilisierten Reaktion der spanischen Bevölkerung". Zugleich versprach Bürgermeister Alberto Ruiz-Gallardón besondere städteplanerische und sozialpolitische Aufmerksamkeit für ein vernachlässigtes Viertel, das Basar und ein Abbild der Vereinten Nationen zugleich ist.
Schließlich kamen aus Marokko erste Nachrichten von den Eltern der Festgenommenen, die beteuerten, daß ihre Söhne Madrid so sehr geliebt hätten, daß sie dort niemals gebombt hätten. Jamal Zougams Vater Mohamed wurde mit der Bemerkung zitiert, daß sein Ältester gar nicht "sehr religiös" gewesen sei. Der Vater von Mohamed Bekkali, der den gleichen Vornamen trägt, berichtete, daß sein Sohn ihn noch Stunden vor seiner Verhaftung begeistert angerufen und ihm erzählt habe, daß er am Freitag abend in Madrid an der Massendemonstration gegen den Terrorismus teilgenommen habe. Zum Beweis für die tiefverwurzelte Zuneigung zu Spanien und der geschundenen Hauptstadt hielt er in Tanger für einen Fotografen das letzte Mitbringsel seines Jungen hoch: ein T-Shirt mit der Aufschrift "Beckham".
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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