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Attentat auf Jüdisches Museum : Ein Fahndungserfolg aus purem Zufall

Ein Ermittler am Jüdischen Museum in Brüssel: Der Attentäter war schon ins Blickfeld der Sicherheitsbehörden geraten Bild: REUTERS

Der mutmaßliche Attentäter auf das Jüdische Museum in Brüssel fiel deutschen Behörden bereits bei seiner Rückkehr aus Syrien im März auf. Frankreichs Polizei war informiert. Warum konnte sich der Dschihadist trotzdem entziehen?

          Frankreich war lange stolz auf seine Erfolge in der Terrorismus-Bekämpfung. Doch nach der Festnahme des mutmaßlichen Attentäters vom Jüdischen Museum in Brüssel ist am Montag in Paris eine Debatte darüber entbrannt, ob Geheimdienst und Polizei der Herausforderung durch radikalisierte Syrien-Rückkehrer noch gewachsen sind. „Die jüngste Geheimdienstreform hat nichts verbessert, denn es gibt immer noch riesige Lücken bei der Überwachung der Dschihadisten“, sagte der frühere Inlandsgeheimdienstchef Bernard Squarcini. Squarcini war vor zwei Jahren nach den Attentaten des Dschihadisten Mohammed Merah in Toulouse und Montauban für die Ermittlungspannen verantwortlich gemacht worden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Auf den 29 Jahre alten Mehdi Nemmouche waren die Fahnder am Freitagabend nur durch Zufall aufmerksam geworden – bei einer Routinezollkontrolle am Busbahnhof Saint-Charles in Marseille. Eigentlich suchten die Zollbeamten unter den Euroline-Passagieren der Strecke Brüssel-Amsterdam-Marseille nach Rauschgift-Schmugglern. Nemmouche aber führte eine Kalaschnikow, eine Pistole sowie Munition bei sich, zudem ein Stofftransparent mit der Inschrift der Terroristengruppe „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“. Zu dieser Gruppe hatte Nemmouche vermutlich während seines Syrienaufenthaltes 2013 Kontakt.

          Attentäter wollte seine Mordtaten filmen

          Im Gepäck des Franzosen fanden die Zollfahnder auch die schwarze Schirmmütze, die der Attentäter beim Angriff auf das Jüdische Museum in Brüssel trug. Nach Angaben des Pariser Staatsanwalts Francois Molins hatte Nemmouche auch eine kleine Kamera bei sich, vom gleichen Modell (Go Pro) wie sie Merah benutzt hatte, um seine Mordtaten zu filmen. Aber anscheinend funktionierte die Kamera Nemmouches nicht.

          Die Ermittler fanden zudem ein kurzes Video, auf dem sich Nemmouche des Attentats von Brüssel bezichtigte und seine Tatwaffen zeigte. Die Polizei vermutet, dass sich Nemmouche von Marseille aus per Schiff nach Algerien absetzen wollte. Der 29 Jahre alte Mann wurde am Montag in Levallois-Perret bei Paris, dem Hauptsitz des französischen Inlandsgeheimdienstes, verhört.

          Aufnahme der Überwachungskameras in Brüssel
          Aufnahme der Überwachungskameras in Brüssel : Bild: AFP

          Sein Lebenslauf ähnelt dem Mohammed Merahs. Nemmouche wurde in einer algerischen Einwandererfamilie in Roubaix in Nordfrankreich geboren. Der Vater verließ die Mutter, als er noch ein Säugling war. Nemmouche wuchs in wechselnden Pflegefamilien auf. Als Jugendlicher glitt er in die Kriminalität ab. Es begann mit Autofahrten ohne Führerschein und Diebstählen. Zwischen 2004 und 2009 wurde er sieben Mal verurteilt. Insgesamt fünf Mal verbüßte er Haftstrafen. Wegen des Überfalls auf einen Supermarkt in Tourcoing wurde er zuletzt als Wiederholungstäter zu fünf Jahren Haft verurteilt. In der Haftanstalt Salon-de-Provence in Südfrankreich bekehrte er sich zum radikalen Islam und fiel durch seinen islamistischen Missionierungseifer auf. So soll er während des Hofgangs andere Häftlinge zu kollektiven Gebeten aufgerufen haben.

          Terrorverdächtig nach der Rückkehr aus Syrien

          Dennoch blieb eine Kontrolle oder Begleitung durch Sozialarbeiter aus, nachdem Nemmouche im Dezember 2012 aus der Haft entlassen worden war. Er setzte sich über Brüssel, London, Beirut und Istanbul nach Syrien ab. Deutsche Zollbeamte am Frankfurter Flughafen machten am 18. März 2013 die französischen Behörden auf den Rückkehrer aufmerksam. Ihnen war Nemmouches ungewöhnliche Rückreiseroute aufgefallen, die ihn von Syrien nach Malaysia, Bangkok und Istanbul nach Deutschland geführt hatte. Nemmouche wurde daraufhin in Frankreich als Terrorverdächtiger eingeordnet. Doch dabei blieb es, zumal Nemmouche von Deutschland nach Belgien weiterreiste und das französische Staatsgebiet mied.

          „Es gibt einfach zu viele Syrien-Rückkehrer, wir können nicht alle überwachen“, sagte der frühere französische Polizeichef Frédéric Pechenard dem Fernsehsender I-Tele. „Die französische Regierung ist längst nicht mehr in der Lage, die Franzosen zu schützen“, sagte die Front-National-Chefin Marine Le Pen am Montag. Innenminister Bernard Cazeneuve wies die Vorwürfe im Radiosender Europe 1 entschieden zurück. Frankreich werde seinen Kampf gegen Dschihadisten-Netzwerke weiter verstärken und auch in den Haftanstalten aktiv werden, sagte Cazeneuve.

          Der frühere Chef der französischen Anti-Terror-Einheit, Untersuchungsrichter Jean-Louis Bruguière sagte, es sei seit langem bekannt, dass die französischen Haftanstalten Brutstätten des radikalen Islamismus seien. Innenminister Cazeneuve sagte, er wolle künftig für eine bessere Ausbildung muslimischer Gefängnisseelsorger sorgen.

          Schärfere Gesetze?

          Vier weitere Verdächtige, die in Kontakt zum mutmaßlichen Todesschützen von Brüssel standen, wurden am Montag im Großraum Paris und in Südfrankreich festgenommen. Cazeneuve kündigte eine weitere Verschärfung der Gesetze an. Am 24. April hatte das Regierungskabinett einen Aktionsplan gebilligt, mit dem die Anwerbung junger Franzosen für den „Heiligen Krieg“ in Syrien verhindert und ihre Ausreise verhindert werden soll.

          Cazeneuve plädierte am Montag dafür, das Gesetzgebungsverfahren zu beschleunigen. Auch die Zusammenarbeit mit den EU-Partnern müsse verbessert werden. Die europäischen Syrien-Kämpfer kommen aus zehn Staaten, die meisten davon aus Frankreich. Das französische Innenministerium spricht inzwischen von einem Kreis von 700 Personen.

          Quelle: F.A.Z.

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