Home
http://www.faz.net/-gpf-6z1r0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.04.2012, 16:57 Uhr

Attentäter von Oslo Neues Gutachten stuft Breivik als schuldfähig ein

Ein zweites psychologisches Gutachten über den Massenmörder von Oslo, der im vergangenen Juli 77 Menschen getötet hatte, hält Anders Behring Breivik doch für geistig gesund.

© dapd Ein zweites Gutachten hält den geständigen Massenmörder Breivik für „geistig gesund“

Ein neues psychiatrisches Gutachten hat den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik als voll zurechnungsfähig eingestuft und damit einer anderslautenden ersten Einschätzung widersprochen. Breivik hat gestanden, am 22. Juli 2011 einen Bombenanschlag im Zentrum von Oslo und ein Massaker im Sommerlager der norwegischen Jungsozialisten auf der Insel Utøya verübt zu haben. Dabei kamen 77 Menschen um, Hunderte wurden verletzt. Der Täter sitzt seither in Untersuchungshaft.

Im Dezember hatten ihm zwei Gutachter eine schwere Persönlichkeitsstörung attestiert, woraus sich nach norwegischem Recht als Höchststrafe nicht eine Gefängnishaft mit anschließender lebenslanger Sicherungsverwahrung, sondern die Einweisung in eine geschlossene Anstalt ergeben würde. Mehrere Opferanwälte haben gegen diese Diagnose protestiert, auch die Verteidiger des Angeklagten widersprachen ihr.

Beiden Seiten gibt nun das am Dienstag vorgelegte Zweitgutachten recht: Breivik habe zum Tatzeitpunkt nicht unter einer schweren Psychose gelitten, heißt es darin. Nun müssen die Richter am Amtsgericht in Oslo entscheiden, welchem der beiden Ratschläge sie folgen. Am kommenden Montag beginnt dort der Prozess gegen Breivik, ein Urteil wird im Juni erwartet.

Das Gericht hatte ein zweites Gutachten veranlasst. „Das Hauptergebnis der Experten ist, dass Anders Behring Breivik zum Zeitpunkt seiner Taten am 22. Juli 2011 nicht psychotisch gewesen ist“, hieß es in der Erklärung des Gerichts. Das zweite Gutachten wurde von den Psychiatern Terje Tørrissen und Agnar Aspaas erstellt, das erste von Torgeir Husby und Synne Sørheim.

Prozessbeginn am 16. April

Bei dem Prozess gegen Breivik, der am 16. April beginnen und zehn Wochen dauern soll, werden beide Gutachten berücksichtigt. Sollte das Gericht bei einem Schuldspruch urteilen, dass Breivik zum Zeitpunkt der Tat nicht geistig gesund war und somit nicht straffähig ist, kommt er nicht ins Gefängnis, sondern wird in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen.

Breiviks Anwalt hatte nach dem ersten Gutachten erklärt, sein Mandant halte sich für zurechnungsfähig. Für Breivik sei Psychiatrie „schlimmer als der Tod“. Breivik hatte die Psychiater des ersten Gutachtens in einem Brief an norwegische Medien der Lüge bezichtigt. Sie hätten 80 Prozent ihrer Aussagen über ihn erfunden, hieß es in einem Schreiben, aus dem die norwegische Zeitung „VG“ Auszüge veröffentlichte.

Breivik hat die Taten zugegeben. In seinem Geständnis bezeichnete der 32-Jährige die Morde als „grausam, aber notwendig“. Als Tatmotiv gab der rechtsradikale Attentäter Hass auf den Islam und die in Norwegen regierenden Sozialdemokraten an. Seine Tat plante er nach eigenen Angaben neun Jahre lang. Vor dem Massaker stellte er ein 1500-seitiges Manifest ins Internet, das sich unter anderem gegen „Kulturmarxismus“ und die Einwanderung von Muslimen richtet.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Terroristen-Prozess Frankfurt Vielleicht wollte er nur Al Qaida unterstützen?

Seit sieben Prozesstagen beschäftigt sich das Landgericht Frankfurt mit der Frage, ob Halil D. beim Radrennen am 1. Mai eine Rohrbombe zünden wollte. Der Angeklagte schweigt. Dafür spekuliert seine Familie über die Vorwürfe. Mehr Von Denise Peikert

12.02.2016, 19:57 Uhr | Rhein-Main
Reise in Norwegens Hauptstadt Winterspaziergang durch Oslo

Wintersport wird in Norwegens Hauptstadt Oslo groß geschrieben: Die Ski-Arena Holmenkollen ist eine beliebte Touristenattraktion. Auch Kulturfans kommen auf ihre Kosten – in der Oper oder im Künstlerviertel Tjuvholmen. Mehr

03.02.2016, 18:27 Uhr | Reise
Norwegischer Staatsfonds Hier spricht der größte Aktionär der Welt

Norwegens Staatsfonds ist in Deutschland an allen Dax-Firmen beteiligt. Ein Gespräch mit Fondschef Yngve Slyngstad über seinen Ärger mit VW, lukrative Immobilien in Berlin – und was er von Immanuel Kant gelernt hat. Mehr Von Sebastian Balzter

07.02.2016, 12:10 Uhr | Finanzen
Türkische Zeitung Video mit mutmaßlichem Attentäter von Istanbul

Die türkische Zeitung Haberturk hat ein Video veröffentlicht, das den Selbstmordattentäter von Istanbul zeigen soll. Mehr

14.01.2016, 12:00 Uhr | Politik
Nordische Kombination Frenzel baut Führung weiter aus

Eric Frenzel ist auch in Trondheim der dominierende Läufer, doch seinen 29. Weltcup-Sieg verpasst er knapp. Mit Platz zwei vergrößert er aber seinen Vorsprung im Gesamt-Weltcup. Mehr

09.02.2016, 16:43 Uhr | Sport

Wird sie die gemeinsame Bedrohung einen?

Von Daniel Deckers

Das Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kirill ist historisch. Doch während Franziskus Gewalt in Syrien bedingungslos verurteilt, erteilt Kirill russischen Aggressionen den Segen. Können die beiden christlichen Kirchen dennoch zu gemeinsamen Taten finden? Mehr 25 9