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Attentäter von Champs-Elysées : Ein Islamist mit ganz legalen Waffen

Französische Spezialisten inspizieren den Tatort auf dem Champs-Elysées. Bild: Reuters

Seit zwei Jahren war er als radikalisierter Islamist bekannt, auch in der Heimatstadt kannte man seine Einstellung. Trotzdem besaß der Attentäter vom Champs-Elysées neun Schusswaffen – legal. Wie konnte das passieren?

          Der französische Innenminister spricht von einem Attentatsversuch. Am Dienstag kamen immer mehr Details über den 31 Jahre alten Franzosen Adam D. ans Licht. Am Montagnachmittag war er mit seinem weißen Renault Mégane auf den Champs-Elysées in einen Mannschaftsbus der Gendarmerie gerast. Wie durch ein Wunder wurde bis auf den Täter niemand verletzt. Bis in den Montagabend hinein blieb das von vielen Touristen besuchte Viertel um den Grand Palais abgeriegelt. Das mit Waffen, Munition und Gasflaschen beladene Auto war in Flammen aufgegangen. Adam D. starb kurz nach seinem Anschlagsversuch an seinen Verletzungen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Mann mit tunesischen Wurzeln war seit 2015 als radikalisierter Islamist in der französischen Datei S für „Staatssicherheit“ registriert. Seine Kategorie S15 – die zweithöchste Stufe – deutet darauf hin, dass die Sicherheitsbehörden das von ihm ausgehende Risiko nicht unterschätzten. Deshalb ist die Bestürzung umso größer, dass der Mann einen gültigen Waffenschein für gleich neun Schusswaffen besaß. Der Waffenschein wurde erstmals im Jahr 2012 ausgestellt und zu Jahresbeginn erneuert. Offensichtlich funktionierte der Datenaustausch mit den für die Datei S zuständigen Sicherheitsbehörden nicht.

          Premierminister Edouard Philippe sagte am Dienstag in einem Gespräch im Fernsehsender BFM-TV, die Situation sei „nicht zufriedenstellend“. Der frühere Geheimdienstchef Patrick Calvar hatte im Mai 2016 vor der parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Anschlägen von Paris darauf hingewiesen, dass ein mangelhafter Datenabgleich zwischen den unterschiedlichen staatlichen Akteuren zu den größten Präventionspannen führe.

          Kämpfte Adam D. auch für den Islamischen Staat?

          In dem Wohnhaus der Familie D. in dem südlich von Paris gelegenen Vorort Le Plessis-Pâté stießen die Ermittler auf ein großes Waffenarsenal. Adam D. soll regelmäßig in einem Schützenverein den Waffengebrauch trainiert haben. Der Vater, der Bruder, die Schwägerin und die frühere Ehefrau des Islamisten wurden in Polizeigewahrsam genommen. Nach ersten Informationen handelt es sich um eine bekannte Salafisten-Familie. Die Sicherheitsbehörden waren auf Adam D. aufmerksam geworden, weil dieser 2015 mit Frau und Kindern in die Türkei reiste.

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          Noch ist unklar, ob sich der Mann von dort in das von der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) beherrschte Gebiet nach Syrien begab. In jedem Fall soll die Familie seit längerer Zeit wegen ihrer islamistischen Haltung aufgefallen sein. Wie Ermittler am Dienstag in Paris mitteilten, wurde ein Abschiedsbrief gefunden, in dem sich der Mann zum Chef der IS-Miliz, Abu Bakr al-Baghdadi, bekennt.

          Der sozialistische Bürgermeister von Plessis-Pâté, Sylvain Tanguy, sprach am Dienstag von einer „sehr diskreten Familie“, deren religiöse Überzeugungen „schon auf der Straße erkennbar waren“. Er habe aber nicht gewusst, dass Adam D. als Gefährder eingestuft worden sei. Es gibt in Frankreich keinen Informationsaustausch zwischen den Sicherheitsbehörden und den Bürgermeistern.

          Premierminister Philippe sagte, dass Frankreich noch lange mit einer hohen Terrorgefahr leben werde. „Wir können die Notstandsgesetze nicht unbegrenzt verlängern“, mahnte er. Die Regierung hat die Sondergesetzgebung mit erweiterten Befugnissen vorläufig bis zum 1. November verlängert. Innenminister Gérard Collomb erinnerte daran, dass in den nächsten Wochen ein neues Sicherheitsgesetz verabschiedet werden soll, das gewisse Sonderbefugnisse der Notstandsregelung als gewöhnliche Gesetze fortschreibt. Dazu soll unter anderem die Befugnis für den Innenminister zählen, Gefährder unter Hausarrest zu stellen und Durchsuchungen auch ohne vorherige richterliche Genehmigung zu erlauben.

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