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Atomunfall Gefahr für unser täglich Wasser

18.08.2008 ·  Nach der Pannenserie in gleich mehreren französischen Atommeilern lässt Frankreichs Umweltminister Jean-Louis Borloo das Grundwasser im Umkreis aller 59 Atomreaktoranlagen seines Landes untersuchen.

Von Michaela Wiegel
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Es wäre verwegen, gleich an Frankreichs Selbstverständnis als stolzer Atomnation zu zweifeln, die Strom nach ganz Europa und Kernkraftanlagen in alle Welt exportiert. Dennoch hat die Pannenserie in gleich mehreren Atommeilern im Frühsommer den Blick der Öffentlichkeit auf die mächtige Atomenergieindustrie geschärft. Immer häufiger taucht die Frage nach der Reaktorsicherheit auf: Ist die staatliche Autorität groß genug, die Einhaltung der strikten Sicherheitsbestimmungen zu garantieren?

Die Besorgnis über womöglich nachlässige staatliche Kontrollen konzentriert sich auf die Trinkwasserversorgung: Ist unser täglich Wasser etwa verseucht? Diese bange Frage hat Umweltminister Jean-Louis Borloo versprochen zu beantworten, als er kurz nach dem Unfall in der Anlage von Tricastin ankündigte, das Grundwasser im Umkreis aller 59 Atomreaktoranlagen auf französischem Boden untersuchen zu lassen.

Keine Überwachung des Grundwassers

Die Ankündigung legte wider Erwarten sofort Versäumnisse und Lücken bei den Grundwassererhebungen offen. „Unsere Fachleute gewährleisten heute so gut wie keine Überwachung des Grundwassers“, sagt Didier Champion, Leiter des „Instituts für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit“. Minister Borloo hatte beim neu gegründeten, im Juni erstmals zusammengetretenen Hohen Komitee für Transparenz und Information über die nukleare Sicherheit einen detaillierten Bericht über die Qualität des Grundwassers in der Umgebung der Atomanlagen angefordert. Das Hohe Komitee, das selbst nicht über einen Beamtenstab verfügt, wandte sich hilfesuchend an das Institut für Strahlenschutz. Das soll jetzt mit seinen 70 Kontrollbeamten die Werte ermitteln, die der Umweltminister in seinem Bericht stehen haben will.

In diesem Zusammenhang kam heraus, dass das Institut für Strahlenschutz durchaus jedes Jahr 30 000 Proben zur Überprüfung möglicher radioaktiver Verunreinigung entnimmt – doch das Grundwasser wird nur sporadisch untersucht. Institutsleiter Champion sagte gegenüber „Le Monde“, sein Institut interessiere sich „nur wenig“ für die Grundwasserqualität. Das liege vor allem daran, dass den Betreibern von Atomanlagen der Ausstoß von radioaktiv verunreinigten Flüssigkeiten ins Grundwasser nicht erlaubt sei. Nur an 16 Atomkraftstandorten gebe es insgesamt 114 Wassererhebungen im Jahr.

Ansonsten vertraue das Institut für Strahlenschutz der Selbstverpflichtung der Atomanlagenbetreiber, die Wasserwerte regelmäßig zu überprüfen. Die Ergebnisse dieser Eigenmessungen müssen die vom staatlichen Elektrizitätsversorger EDF betriebenen Anlagen der „Behörde für nukleare Sicherheit“ übermitteln. Doch diese seit kurzem offiziell autonome Behörde (der Leiter blieb allerdings der gleiche wie zu Zeiten der vollen staatlichen Kontrolle) hält die Ergebnisse unter Verschluss. Didier Champion vom Strahlenschutzinstitut beklagte „eine gewisse Undurchsichtigkeit“.

Transparenz soll verbessert werden

Umweltminister Borloo ist hingegen entschlossen, die Transparenz zu verbessern. Von 2009 an soll ein „nationales Netzwerk der Radioaktivitätsmessungen in der Umwelt“ die Arbeit aufnehmen und alle zur Verfügung stehenden Messergebnisse bündeln, die der Betreiber wie der staatlichen Ermittler. Eine systematische Überwachung des Grundwassers in der Nachbarschaft der Atomkraftanlagen ist dennoch nicht geplant.

Die Anwohner der Pannenanlage in Tricastin bedauern hingegen eine gewisse Fahrlässigkeit der Kontrollbehörden. Einen guten Monat nach dem Uranleck in der Socatri-Fabrik sind diese Woche zwei weitere privat genutzte Quellen für den Trinkwasserverbrauch verboten worden. Der Grund: unerklärlich hohe Uranwerte. Auch wenn das allgemeine Verbot über den Trinkwasserverzehr am 22. Juli wiederaufgehoben wurde, leben die Bewohner von Bollène weiter mit Wasser aus Plastikflaschen.

Künftig zahlt der staatliche Atomkonzern Areva für die Lieferung des unbedenklichen Trinkwassers in das Dorf. „Man kann nicht sagen, dass Areva sich nicht seiner Verantwortung stellt. Nur schade, dass sie einen Monat gewartet haben, bevor sie mit den Trinkwasserlieferungen begonnen haben“, sagt Roger Eymard, dessen Quelle bis auf weiteres einem Entnahmeverbot unterliegt.

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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