http://www.faz.net/-gpf-15lk3

Atomtests : Frankreich ließ Soldaten vorsätzlich verstrahlen

Verteidigungsminister Hervé Morin sagt, er habe keine Kenntnis von dem Geheimbericht Bild: AFP

Die aufstrebende Atommacht Frankreich hat bei einer Atomtestserie Anfang der sechziger Jahre Soldaten in radioaktiv verseuchte Gebiete in Algerien entsendet und sich wenig um deren Gesundheit geschert. Das offenbaren Auszüge aus einem geheimen Bericht.

          Frankreich hat bei seiner ersten Atomtestserie von 1960 bis 1966 in Algerien vorsätzlich Wehrpflichtige radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Das geht aus einem unter dem Verteidigungsgeheimnis stehenden Bericht aus dem Jahr 1998 hervor. Die Zeitung „Le Parisien“ hat am Dienstag Auszüge aus dem geheimen Bericht veröffentlicht, der nach der vom damaligen Präsidenten Chirac beschlossenen Einstellung der französischen Atomtests erstellt wurde.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die aufstrebende Atommacht Frankreich scherte sich Anfang der sechziger Jahre wenig um die gesundheitlichen Risiken für die Soldaten, die sie wenige Stunden nach Atomexplosionen in radioaktiv verseuchte Gebiete in Algerien entsendete. Vielmehr dienten die Soldaten – überwiegend Wehrpflichtige – als Versuchskaninchen. Frankreich wollte erforschen, ob die Kampffähigkeit der Truppen in verstrahlten Gebieten abnimmt.

          Der Geheimbericht schildert unter anderem die Ziele des oberirdischen Atomversuchs „Gerboise verte“ („Grüne Wüstenspringmaus“) vom 25. April 1961: „Es handelt sich darum, eine Position zurückzuerobern, die von einer Atombombe getroffen wurde.“ 300 Soldaten nahmen an der Operation teil, die meisten gehörten zwei in Deutschland stationierten Wehrpflichtigen-Regimenten an. „Es geht darum, die physischen und psychologischen Effekte auf den Menschen zu untersuchen, die Atomwaffen produzieren“, heißt es in den geheimen Aufzeichnungen des französischen Verteidigungsministeriums.

          Viele der Soldaten erkrankten an Krebs

          35 Minuten nach der Atomexplosion rückte ein Truppenteil zu Fuß und ohne Schutzkleidung bis auf 700 Meter zum Zentrum vor. Soldaten in Geländewagen folgten nach einer Stunde. „Diese Patrouille wurde 275 Meter vor dem Punkt null gestoppt“, heißt es in dem Bericht. Da die Mobilität der Infanteristen durch Gasmasken eingeschränkt wurde, wurde das Tragen von einfachen Staubmasken angeordnet.

          Viele der Soldaten erkrankten hernach an Krebs und anderen von Verstrahlung hervorgerufenen Krankheiten. Unter Folgeerkrankungen leiden auch Kinder und Enkel der Soldaten. Frankreich will dieses Jahr erstmals Opfer der Atomtests entschädigen. Fast fünfzig Jahre lang leugnete das Verteidigungsministerium, dass bei den Atomtests Menschen zu Schaden kamen.

          Die überlebenden Atomtestopfer haben sich in einer Veteranenvereinigung – „Aven“ – zusammengeschlossen. Sie beklagen, dass die Entschädigungszahlungen so lange hinausgezögert wurden und großen Einschränkungen unterliegen. So wird nur ein Teil der Erkrankungen als entschädigungswürdig anerkannt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums waren an den 210 Atomtests in der algerischen Sahara und in Polynesien 150 000 Zivilisten und Soldaten beteiligt. Verteidigungsminister Hervé Morin sagte in einem Gespräch mit der Zeitung „Le Parisien“, er habe keine Kenntnis von dem Geheimbericht. Er sei sich sicher, dass die Soldaten nur einer schwachen Strahlendosis ausgesetzt gewesen seien. Die Atomtests wollte der Verteidigungsminister nicht verurteilen. „Das ist ein herrliches Epos, das Symbol der Beständigkeit einer Nation, welche die Mittel seiner Souveränität erringen wollte“, sagte Morin.

          Weitere Themen

          Diskussion um UN-Migrationspakt Video-Seite öffnen

          Vorstoß von Jens Spahn : Diskussion um UN-Migrationspakt

          Das internationale Abkommen lässt den Konflikt zur Zuwanderung wieder voll aufleben. Der Gesundheitsminister stößt eine mögliche Verschiebung der Annahme des Abkommens an und forderte eine Debatte.

          Vereint in Schmerz und Wut Video-Seite öffnen

          Ukraine : Vereint in Schmerz und Wut

          In einer Kneipe in Mariupol treffen sich Studenten, die vor dem Krieg in der Ostukraine geflohen sind. Was denken sie über ihr Land, Russland und die EU?

          Topmeldungen

          Früherer SS-Wachmann angeklagt : Der Preis der späten Gerechtigkeit

          Vor Jahrzehnten hätte die Justiz Recht sprechen sollen zum Vernichtungssystem der Konzentrationslager. Sie hat es nicht ausreichend getan. Nun steht wieder ein Greis vor Gericht, der als junger Mann SS-Wachmann war. Ist das gerecht? Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.