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Atomtest in Nordkorea : Das Beben

Auf dem von offizieller Seite verbreiteten Bild soll der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un eine Wasserstoffbombe betrachten. Bild: AP

Für die verzwickte Lage auf der koreanischen Halbinsel gibt es keine einfache Lösung – auch wenn es danach aussehen sollte.

          Auch nach dem neuerlichen Atomtest Nordkoreas gibt es zwei scheinbar ganz einfache Lösungen für den Konflikt um das Atomwaffenprogramm des Landes. Die eine besagt, mit einem gegen die Führung – also gegen Kim Jong-un – gerichteten militärischen „Enthauptungsschlag“ könne das Regime gestürzt und anschließend die Atomwaffen eingesammelt und vernichtet werden. Die zweite sieht eine offizielle Anerkennung Nordkoreas als gleichberechtigte Atommacht vor.

          Wie immer bei scheinbar einfachen Lösungen sollte man auch hier keine von beiden anstreben. Ein Militärschlag, selbst wenn er – was für sich genommen schon unwahrscheinlich ist – mit Billigung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen erfolgte, hätte nicht nur für Nordkorea schlimme Folgen. Es ist im Ausland nicht bekannt, wie weit die Ergebenheit der nordkoreanischen Streitkräfte gegenüber Kim Jong-un geht. Aber selbst wenn nur einzelne Einheiten loyal blieben, könnten diese in Südkorea oder auch Japan große Schäden anrichten. Die Folgen zum Beispiel für die Weltwirtschaft sollte sich jeder vor Augen halten, der einen Militärschlag für ein probates Mittel hält. Diesen Folgen könnte sich auch die größte Volkswirtschaft der Welt, die amerikanische, nicht entziehen.

          Die zweite Lösungsvariante klingt vor diesem Hintergrund noch verlockender. Wenn der Diktator von Pjöngjang, der sich zurzeit offenbar unter wachsendem Zeitdruck sieht, um jeden Preis Atomwaffen haben will: Soll er doch, könnte man denken. Kim Jong-un scheint sich ja offenbar nur unter einem Atompilz sicher zu fühlen. Solange er die Waffen nicht einsetzt, müsste sich nach dieser Lesart niemand Sorgen machen. Und da die Bombe ja als seine „Lebensversicherungspolice“ gilt, würde er sie wohl nicht einsetzen, weil sie ihn nur vor einer eingebildeten Gefahr von außen schützen soll.

          Interessengegensätze in Handelsfragen

          Diese schöne Theorie lässt aber die Verhältnisse in der Region völlig außer Acht. Nordkorea hat zwar keine Freunde mehr. Nicht einmal der oft so genannte „letzte Verbündete“, China, will noch etwas mit Kim Jong-un zu tun haben. Aber Kims Bombe ist so etwas wie die Lunte an einem ziemlich großen regionalen Pulverfass. Von vertrauensvoller Zusammenarbeit kann man zurzeit allenfalls zwischen Japan und den Vereinigten Staaten sprechen. Der neue Präsident in Südkorea bemüht sich zwar um einen dauernden Gesprächskontakt mit Washington. Aber dort sitzt das Problem an der Spitze in Gestalt eines unberechenbaren Präsidenten. Davon zeugt zum Beispiel das Gedankenspiel Donald Trumps, das Handelsabkommen mit Südkorea zu kündigen. China wiederum käme mit Südkorea vermutlich ganz gut aus, wenn Seoul nicht – aus berechtigter Angst vor Nordkorea – amerikanische Raketenabwehrsysteme stationiert hätte. Von diesen kann sich Peking zwar nicht ernsthaft bedroht fühlen. Da es aber – losgelöst vom Problem Nordkorea – unbeirrt sein Ziel verfolgt, Amerika aus der Region zu verdrängen, veranstaltet es großes Theater um diese Defensivwaffen. Das Verhältnis Japans zu Südkorea ist historisch belastet und wird durch Ungeschicklichkeiten und Provokationen auf beiden Seiten immer wieder gestört.

          Die große strategische Rivalität, die zwischen China und den Vereinigten Staaten, äußert sich nicht nur sicherheitspolitisch. Auch in Handelsfragen gibt es ernsthafte Interessengegensätze. Daraus resultiert ein Grundmisstrauen auf beiden Seiten, das Lösungen auf anderen Schauplätzen, zum Beispiel Nordkorea, zwar nicht von vornherein verhindert, sie aber sehr erschwert. Russland schließlich gefällt sich auch hier vor allem als Macht, die Amerika Schwierigkeiten bereiten will. Das bilaterale Verhältnis zu Washington ist nicht erst seit den wechselseitigen Ausweisungen von Diplomaten schwer gestört.

          Nach Nordkoreas Atomtest : Südkorea übt Raketenangriff

          Rüstungsspirale ohne Ende

          Da unter den fünf Mächten keine der anderen über den Weg traut, reden zwar alle über Nordkorea, beobachten aber ganz genau, was der jeweilige Nachbar tut. Japan hat bekanntgegeben, es wolle seinen Verteidigungshaushalt erhöhen. Begründung: Bedrohung durch Nordkorea. Südkorea rüstet ebenfalls auf. China tut das schon seit vielen Jahren, freilich ohne sich auf Nordkorea zu berufen.

          Kim Jong-un ist es also gelungen, eine Rüstungsspirale in Gang zu setzen, von der niemand weiß, wo sie einmal endet. Heute erregt sich die Welt nur über ein „künstliches Erdbeben“ in Nordkorea. Womöglich kommen aber demnächst auch andere Staaten zu dem Schluss, Sicherheit sei nur durch nukleare Bewaffnung zu gewährleisten. Hier liegt die eigentliche Gefahr, nicht in der nordkoreanischen Bombe. Nordkorea wäre nicht der erste unbedeutende Kleinstaat, der einen Krieg herbeiführt, den keine der anderen Mächte wirklich führen will.

          Deshalb müssen die fünf Mächte unbedingt untereinander im Gespräch bleiben. Sie sollten die Größe aufbringen, ihre vielen Konflikte zumindest für einige Zeit zurückzustellen, und sich mit Nordkorea befassen. Mit der Existenz Nordkoreas als Staat hat politisch niemand ein Problem. Mit der Existenz dieses Regimes in Nordkorea aber sehr wohl.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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