Home
http://www.faz.net/-gq5-rx4z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Atomstreit mit Iran „So real wie die scharfen Zähne Draculas“

09.02.2006 ·  Iran hält Militärschläge gegen sein Atomprogramm für unrealistisch und will an dem Vorhaben festhalten. An der afghanisch-iranischen Grenze fliegen amerikanische Aufklärer bereits jetzt gefährliche Einsätze.

Artikel Bilder (1) Video (2) Lesermeinungen (3)

Iran will sein Atomprogramm auch angesichts eines möglicherweise drohenden Militärschlags fortsetzen. Die Islamische Republik halte Drohungen dieser Art zudem für unrealistisch, sagte der iranische Vizepräsident Esfandiar Rahim Maschaee am Donnerstag während eines Besuchs in Indonesien.

Iran steht im Verdacht, an Atomwaffen zu arbeiten. Der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatten einen Militärschlag gegen iranische Atomanlagen nicht ausgeschlossen, um ein eventuelles Waffenprogramm zu stoppen. (Siehe auch: ) Iran beteuert dagegen, die Kernenergie ausschließlich zu friedlichen Zwecken zu nutzen.

China unterstützt russischen Vorschlag

„Es ist nicht überraschend, daß Rumsfeld auf die Drohung mit einem Militärschlag gegen Iran zurückgreift“, sagte Maschaee. „Eine solche Drohung ist aber ungefähr so real wie die scharfen Zähne Draculas.“

Video: Cheney hält alle Optionen gegen Iran offen

China bekräftigte derweil seine Unterstützung für russische Vermittlungsbemühungen in dem Konflikt. Sein Land hoffe, daß die russischen Vorschläge einen Durchbruch ermöglichten, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums. Rußland hatte angeboten, Uran aus Iran in einem internationalen Zentrum anzureichern. Damit soll der internationalen Gemeinschaft die Sicherheit gegeben werden, daß Iran die Technik nicht für den Waffenbau einsetzt. Die Gespräche über den russischen Vorschlag sollen am 16. Februar fortgesetzt werden.

Gefährlich: Aufklärer erkunden iranische Luftabwehr

Nach Informationen des Deutschen Depeschen-Dienstes (ddp) erkunden amerikanische Aufklärungsmaschinen derzeit auf Patrouillenflügen von Afghanistan aus entlang der rund tausend Kilometer langen Grenze zu Iran die Einsatzbereitschaft der iranischen Luftabwehr. Offiziere in der Nato-Zentrale in Brüssel sehen darin ein Risiko, weil ein Zwischenfall an der iranisch-afghanischen Grenze den Atomstreit mit Teheran zu einer „kaum mehr beherrschbaren Eskalation“ bringen könnte.

Ein Nato-Offizier sagte der ddp, die amerikanischen Aufklärer würden von der iranischen Luftabwehr bereits ständig mit Radar angestrahlt. „Das heißt, die Maschinen sind im Visier der iranischen Raketenstellungen.“ Die Amerikaner fliegen nach Darstellung der Offiziere in Brüssel „äußerst dicht“ an der Grenze nach Iran, um herauszubekommen, wo die Radar-Leitgeräte mit ihren Raketen-Abschußvorrichtungen stationiert sind.

„Kontakte strikt abgelehnt“

Die von der Nato geführte Friedenstruppe Isaf in Afghanistan wollte von Kabul aus mit den iranischen Streitkräften offiziell in Verbindung treten, um Absprachen zur Vermeidung von Zwischenfällen an der Grenze zu treffen. „Unsere amerikanischen Kameraden haben die Aufnahme solcher Kontakte strikt abgelehnt. Sie wollen sich nicht in ihre Karten schauen lassen“, berichtete aber ein Isaf-Offizier in der afghanischen Hauptstadt.

Die Lage an der afghanisch-iranischen Grenze hat zusätzlich an Brisanz gewonnen, weil Rußland Iran zurzeit mit modernen Flugabwehrraketen vom Kurzstreckentyp Tor-M1 ausstattet. Das bestätigte vor kurzem der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow. Iran erhält 29 Tor-Systeme besonders zur Abwehr von Marschflugkörpern und tieffliegenden angreifenden Flugzeugen. Die Tor-M1-Rakete kann nach Angaben der Russen sofort 48 Ziele identifizieren und auf zwei Ziele in einer Höhe bis zu 6000 Meter gleichzeitig feuern. Mit den neuen Systemen könnte Iran seine Atomanlagen schützen. Die Amerikaner hatten den Angriff auf den Irak 2003 hauptsächlich mit Marschflugkörpern eröffnet.

Gefahr auch für die Bundeswehr?

In Brüssel wurde darauf hingewiesen, daß die Entwicklung im iranisch-afghanischen Grenzgebiet auch für die Friedenstruppe der Bundeswehr gefährlich werden könnte. Die Bundeswehr ist dabei, ihren Einsatz in Afghanistan umzudisponieren. Sie übernimmt die militärische Führung und Koordinierung der verschiedenen Wiederaufbauteams im gesamten Norden. In Kabul werden nur noch etwa 300 Soldaten stationiert sein.

Bis April will die Bundeswehr am strategisch günstig gelegenen „Tor des Nordens“ in Mazar-i-Sharif mit mindestens 1400 Soldaten Stellung beziehen. In diesen Wochen wird dort ein neues Feldlager mit der Bezeichnung „Marmal“ aufgebaut. Es wird eine Logistikdrehscheibe „mit allen Möglichkeiten“, auch mit einem großen Flugplatz, errichtet, berichtete ein deutscher Offizier.

Zu den neuen Aufgaben des deutschen Isaf-Kontingents wird es nach Angaben des Bundeswehroffiziers auch gehören, von Mazar-i-Sharif aus andere Isaf-Einheiten im Westen an der Grenze zu Iran zu unterstützen und ihnen in Notfällen mit Transportflugzeugen oder Hubschraubern zu Hilfe zu eilen. Dabei könnten sie sehr dicht „an die Iraner herankommen“, wurde erläutert. Kein Flugzeugführer sei davor gefeit, aus Versehen die afghanisch-iranische Grenze zu überfliegen. „Der Zwischenfall wäre gegeben, und keiner kann voraussagen, ob nicht die Iraner eine Luftabwehrrakete auf unsere Maschine abfeuern“, gab der Bundeswehr-Offizier zu bedenken. Diese Gefahr bestehe auch schon beim Anflug auf grenznahe Flugplätze der Alliierten.

Quelle: FAZ.NET mit Berichten von ddp und AP
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Brandsatz Syrien

Von Günther Nonnenmacher

In Syrien ist ein voll entfalteter Bürgerkrieg im Gang. Assad geht mit aller Härte vor, weil er fürchtet, dass jedes Nachgeben als Zeichen der Schwäche gewertet wird. Die Opposition hofft, das Regime mit der Zeit zu zermürben. Dieser Konflikt könnte den gesamten Mittleren Osten in Brand setzen. Mehr 2 1