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Atommülltransporte nach Russland Das Lager in der geheimen Stadt

Nicht viel ist zu erfahren über die Atomanlage Majak - selbst die Stadt, die sie umgibt, ist eingezäunt und schwer bewacht. Hierhin sollte der Atommüll aus dem DDR-Versuchsreaktor Rossendorf gebracht werden, doch Umweltminister Röttgen hatte Sicherheitsbedenken.

© dpa Vergrößern Die Gebäude der Atomanlage im russischen Majak auf einer undatierten Aufnahme des amerikanischen Militärs

Die alte Frau schreit fast: „Verstehen Sie, was ich Ihnen sage? Schreiben Sie auch alles mit? Die Menschen in Europa sollen endlich wissen, wie es uns hier geht!“ Ein eigentümliches Grüppchen hat sich vor dem Gebäude der Bezirksregierung in der Ural-Metropole Tscheljabinsk zusammengefunden. Vorübereilende Passanten werfen den aufgebrachten Dorfleuten mit ihren wettergegerbten Gesichtern und der abgewetzten Arbeitskleidung misstrauische Blicke zu. Männer in Zivil mit Videokameras filmen jedes Gesicht.

Die Dorfleute aber, die von den Ufern des radioaktiv verstrahlten Flusses Tetscha zur Protestkundgebung in die Gebietshauptstadt gereist sind, wollen endlich gehört werden mit dem, was sie zu sagen haben: Sie berichten von den wuchernden Krebsgeschwüren, von Medikamenten, die sie nicht bezahlen können, und von Aktenordnern voller Anträge und Beschwerden, die sie schon geschrieben haben, um endlich offiziell als Strahlenopfer anerkannt zu werden.

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Dann nämlich hätten sie das Recht auf kostenlose medizinische Versorgung und eine finanzielle Entschädigung – lächerliche Geldbeträge für jahrzehntelanges Siechtum, totgeborene Kinder, amputierte Gliedmaßen und Schmerzen, gegen die es nie Morphium, sondern immer nur Wodka gab. Doch wenigen ist das bislang gelungen, und auch das nur nach jahrelangen Gerichtsverfahren.

Infografik / Karte / Majak © F.A.Z. Vergrößern

Die Liste der Sünden ist lang

Hierhin wollte die Bundesregierung den abgebrannten Kernbrennstoff aus dem DDR-Versuchsreaktor Rossendorf zur Wiederaufbereitung schicken – 951 Kernbrennstäbe aus hoch angereichertem Uran. Doch Bundesumweltminister Norbert Röttgen hat den Transport kurzfristig abgesagt. Zu umstritten war die Rechtslage, auf der das Rücknahmeabkommen für abgebrannten Versuchsreaktorbrennstoff aus sowjetischer Produktion fußte, zu katastrophal das Image des Zielortes: Die Kerntechnische Großanlage Majak, die weite Teile des Südural radioaktiv verseucht hat.

Die Liste der Sünden, die in Majak begangen wurden, ist lang: Im Jahr 1957 war hier ein Tank mit fast 80 Tonnen Atommüll explodiert – die folgenschwerste Atomkatastrophe neben dem Unglück von Tschernobyl. In den fünfziger Jahren hatte die Betriebsleitung flüssigen Atommüll ungefiltert in das Flüsschen Tetscha geleitet. Und im Jahr 2005 erhielt der damalige Generaldirektor der Anlage seine Entlassung: Ebenfalls wegen unrechtmäßiger Atommüll-Verklappung in der Tetscha, bis heute ist der zulässige Grenzwert um das Zwanzig- bis Fünfzigfache überschritten.

Wie hätte die Bundesregierung die „schadlose Verwendung“ des hochgefährlichen Nuklearmaterials nachweisen können – so, wie das Atomrecht es für Atomexporte fordert? Denn bis heute geht es in der Atomanlage Majak alles andere als transparent zu, bis heute unterliegen große Teile der atomaren Produktion dem Militärgeheimnis. Selbst die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) kann sich nur in Ausnahmefällen Zugang verschaffen. Und auch für die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln, die auf dem Betriebsgelände gerade für 23,3 Millionen Euro zum Schutz von waffenfähigem Spaltmaterial eine Hightech-Zaunanlage baut, und die jetzt für die Bundesregierung das sicherheitstechnische Gutachten geschrieben hat, sind Akteneinsicht und Zugangsberechtigung begrenzt.

Wer mehr erfahren will darüber, wie es um die Atomsicherheit in Majak bestellt ist, der muss mit den Menschen sprechen, die in dieser Gegend wohnen. Denn die haben vieles zu erzählen.

Die ganze Stadt ein Hochsicherheitstrakt

Das Ural-Städtchen Osjorsk, wo die Atomanlage Majak ihren Sitz hat, liegt inmitten eines menschenleeren Idylls aus Birkenwäldern, Sümpfen und Seen. Nur vereinzelt stehen Schilder mit dem Radioaktivitätszeichen herum. In den Gräsern gibt es sogenannte Hot Spots, Stäubchen mit hoher Strahlung, die sich in den Körper einlagern und schwere Gesundheitsschäden verursachen können.

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Veröffentlicht: 07.12.2010, 09:23 Uhr

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