Die alte Frau schreit fast: „Verstehen Sie, was ich Ihnen sage? Schreiben Sie auch alles mit? Die Menschen in Europa sollen endlich wissen, wie es uns hier geht!“ Ein eigentümliches Grüppchen hat sich vor dem Gebäude der Bezirksregierung in der Ural-Metropole Tscheljabinsk zusammengefunden. Vorübereilende Passanten werfen den aufgebrachten Dorfleuten mit ihren wettergegerbten Gesichtern und der abgewetzten Arbeitskleidung misstrauische Blicke zu. Männer in Zivil mit Videokameras filmen jedes Gesicht.
Die Dorfleute aber, die von den Ufern des radioaktiv verstrahlten Flusses Tetscha zur Protestkundgebung in die Gebietshauptstadt gereist sind, wollen endlich gehört werden mit dem, was sie zu sagen haben: Sie berichten von den wuchernden Krebsgeschwüren, von Medikamenten, die sie nicht bezahlen können, und von Aktenordnern voller Anträge und Beschwerden, die sie schon geschrieben haben, um endlich offiziell als Strahlenopfer anerkannt zu werden.
Dann nämlich hätten sie das Recht auf kostenlose medizinische Versorgung und eine finanzielle Entschädigung – lächerliche Geldbeträge für jahrzehntelanges Siechtum, totgeborene Kinder, amputierte Gliedmaßen und Schmerzen, gegen die es nie Morphium, sondern immer nur Wodka gab. Doch wenigen ist das bislang gelungen, und auch das nur nach jahrelangen Gerichtsverfahren.
Die Liste der Sünden ist lang
Hierhin wollte die Bundesregierung den abgebrannten Kernbrennstoff aus dem DDR-Versuchsreaktor Rossendorf zur Wiederaufbereitung schicken – 951 Kernbrennstäbe aus hoch angereichertem Uran. Doch Bundesumweltminister Norbert Röttgen hat den Transport kurzfristig abgesagt. Zu umstritten war die Rechtslage, auf der das Rücknahmeabkommen für abgebrannten Versuchsreaktorbrennstoff aus sowjetischer Produktion fußte, zu katastrophal das Image des Zielortes: Die Kerntechnische Großanlage Majak, die weite Teile des Südural radioaktiv verseucht hat.
Die Liste der Sünden, die in Majak begangen wurden, ist lang: Im Jahr 1957 war hier ein Tank mit fast 80 Tonnen Atommüll explodiert – die folgenschwerste Atomkatastrophe neben dem Unglück von Tschernobyl. In den fünfziger Jahren hatte die Betriebsleitung flüssigen Atommüll ungefiltert in das Flüsschen Tetscha geleitet. Und im Jahr 2005 erhielt der damalige Generaldirektor der Anlage seine Entlassung: Ebenfalls wegen unrechtmäßiger Atommüll-Verklappung in der Tetscha, bis heute ist der zulässige Grenzwert um das Zwanzig- bis Fünfzigfache überschritten.
Wie hätte die Bundesregierung die „schadlose Verwendung“ des hochgefährlichen Nuklearmaterials nachweisen können – so, wie das Atomrecht es für Atomexporte fordert? Denn bis heute geht es in der Atomanlage Majak alles andere als transparent zu, bis heute unterliegen große Teile der atomaren Produktion dem Militärgeheimnis. Selbst die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) kann sich nur in Ausnahmefällen Zugang verschaffen. Und auch für die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln, die auf dem Betriebsgelände gerade für 23,3 Millionen Euro zum Schutz von waffenfähigem Spaltmaterial eine Hightech-Zaunanlage baut, und die jetzt für die Bundesregierung das sicherheitstechnische Gutachten geschrieben hat, sind Akteneinsicht und Zugangsberechtigung begrenzt.
Wer mehr erfahren will darüber, wie es um die Atomsicherheit in Majak bestellt ist, der muss mit den Menschen sprechen, die in dieser Gegend wohnen. Denn die haben vieles zu erzählen.
Die ganze Stadt ein Hochsicherheitstrakt
Das Ural-Städtchen Osjorsk, wo die Atomanlage Majak ihren Sitz hat, liegt inmitten eines menschenleeren Idylls aus Birkenwäldern, Sümpfen und Seen. Nur vereinzelt stehen Schilder mit dem Radioaktivitätszeichen herum. In den Gräsern gibt es sogenannte Hot Spots, Stäubchen mit hoher Strahlung, die sich in den Körper einlagern und schwere Gesundheitsschäden verursachen können.
Osjorsk ist ein merkwürdiger Ort, die ganze Stadt mit ihren 90.000 Einwohnern ist ein Hochsicherheitstrakt: komplett umgeben von einer modernen Zaunanlage und bewacht von Uniformierten. Zutritt haben nur registrierte Bewohner mit einem speziellen Lichtbildausweis, meist die Mitarbeiter der Atomanlage und ihre Familien. Ausländer dürfen sich der Außengrenze der Stadt nicht einmal nähern. Und der Geheimdienst, so wird man von Anwohnern gewarnt, „sitzt in den Büschen“. Geheime Stadt nennen die Amerikaner Osjorsk. So bleibt nur der Blick von einem nahe gelegenen Hügel herab.
Von hier aus erstreckt sich das weitläufige Betriebsgelände wie eine Spielzeuglandschaft: ein paar Gewerbehallen und Industrieschornsteine. Eine Wiederaufbereitungsanlage, zwei Reaktoren und diverse Atommateriallager liegen teilweise unterirdisch. Doch mit weit mehr als 10.000 Beschäftigten zählt Majak zu den größten atomaren Gewerbegebieten der Welt. Uran und Plutonium aus Auf- und Abrüstungsprogrammen, Atommüll aller Art und Brennstoff aller Produktionsstufen wird hier ständig in Eisenbahnwaggons an- und abtransportiert. Früher wurde hier das Plutonium für die sowjetischen Atombomben hergestellt, heute ist Majak ein weltweit führender Produzent von Radioisotopen für die industrielle und medizinische Nutzung.
Es fehlte die Kraft, die Zustände zu vertuschen
Ob dabei moderne Sicherheitsstandards immer und überall eingehalten werden? „Im Vergleich zu dem, was hier in den neunziger Jahren los war, ist es viel, viel besser geworden“, sagt Schenja, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Im Jahr 1992, als das Land nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs in einer schweren Wirtschaftskrise war, nahm er in Majak eine Stelle als leitender Ingenieur in einem der beiden Reaktoren an. Majak war damals der einzige Arbeitgeber der Region, der überhaupt Löhne auszahlte. „Wir verdienten umgerechnet zehn Dollar im Monat – zu wenig, um eine Familie zu ernähren“, erinnert sich Schenja. „Meine Kollegen haben als Taxifahrer oder Kleinhändler dazuverdient, und am Steuerpult des Reaktors sind sie vor Müdigkeit eingeschlafen. Andere haben die Rohre abmontiert und den Stahl verscherbelt oder in ihren Datschen verbaut.“
Der Betriebsleitung fehlte damals die Kraft, die katastrophalen Zustände zu vertuschen. Die Wiederherstellung der Atomsicherheit in Majak wurde das stille Pilotprojekt des amerikanischen Abrüstungsprogramms „Kooperative Risikoreduzierung“ (Cooperative Threat Reduction, CTR), des Vorläufers von Präsident Obamas Nuklearsicherheitsinitiative. Neben anderen Programmen sollte ein modernes Langzeitzwischenlager (Fissile Material Storage Facility, FMSF) mit einer über sieben Meter dicken Wand das Uran und Plutonium aus abgerüsteten Atombomben vor Feuer, Erdbeben und Terroranschlägen sichern.
„Zum Teufel mit so einem Job!“
Als Mitte der neunziger Jahre dann die Löhne erhöht wurden, kehrte schlagartig die Disziplin zurück. Moderne Sicherheitstechnik wurde installiert, internationale Strahlenschutzstandards wurden im Laufe der Jahre zur gelebten Betriebskultur, das kann Schenja bestätigen. Dennoch gab es weiterhin Zwischenfälle, bei einem war er selbst dabei. Das war im Jahr 2000, bei Arbeiten dicht am Reaktor. „Plötzlich fällt die Elektrizität aus – spok! – und wir stehen da, unterirdisch, ohne Licht und ohne Strom. Computer und Beleuchtung schalten auf Notstrom, aber auch das Kühlsystem des Reaktors ist ausgefallen. Das Ding heizt sich auf – und wir stehen da, können nichts tun.“ 42 Minuten dauerte der Stromausfall. Dann ging das Licht wieder an, und Schenja und seine Kollegen konnten das Kühlsystem wieder herauffahren. Einer der Sicherheitsexperten im Betrieb hat später ausgerechnet, dass es bis zum GAU noch vier Minuten und 28 Sekunden gedauert hätte. Kurz darauf reichte Schenja seine Kündigung ein. „Zum Teufel mit so einem Job!“
Auch das russisch-amerikanische Projekt eines Spaltmateriallagers verursachte Konflikte: Die Bauphase verlief im Dauerstreit über Transparenz und Verifikationsrechte. 2003 wurde das Lager endlich in Betrieb genommen – doch der Erfolg bleibt bis heute zweifelhaft. Statt der vorgesehenen 500 Tonnen waffenfähiges Spaltmaterial, die hier hätten eingelagert werden sollten, brachte die Betriebsleitung von Majak nur 25 Tonnen Plutonium hier unter, das berichten übereinstimmend die Websites der internationalen Anti-Atomwaffen-Organisation Nuclear Threat Initiative (NTI) und der norwegischen Umweltstiftung Bellona. Wie das russische Atomministerium dem überraschten amerikanischen CTR-Komitee in einem Brief mitteilte, wollte Russland sein Spaltmaterial lieber in Kernbrennstoff verwandeln, anstatt es für die Langzeitzwischenlagerung vorzubereiten.
Eine radioaktive Plutonium-Wolke
An einem Bistro auf einem Fernfahrer-Parkplatz, gelegen an einer wenig befahrenen Landstraße, kann man sich mit dem Rentner German Lukaschin treffen. In seinen Berufsjahren war er als Strahlenschutzbeauftragter für fast alle russischen Atomanlagen zuständig. Als „Tschernobyl-Liquidator“ errechnete er im Sommer nach dem GAU am Ort des Unglücks die Strahlendosen der Bauarbeiter des Sarkophags. Später gehörte er einer Expertenkommission an, die den Bau des amerikanischen Spaltmateriallagers in der Kernanlage Majak begleitete. Doch schon nach wenigen Monaten wurde er entlassen: Zu grundsätzlich waren seine Bedenken. Heute plagen ihn Schlafstörungen.
Auf der klebrigen Bistro-Tischplatte klappt Lukaschin seinen Laptop auf. Er zeigt die Apokalypse als Powerpoint-Präsentation. Eine radioaktive Plutonium-Wolke erhebt sich als Punkt aus den Wäldern des Ural. In Form einer schnell wachsenden Träne kriecht sie über den eurasischen Kontinent. „Moskau, Warschau – schauen Sie, jetzt ist sie in Berlin!“, sagt Lukaschin. Er unterstellt eine andere Windrichtung und dreht die Wolke mit dem Mauszeiger in Richtung Osten. Es verschwinden der Baikalsee, Pakistan, Indien, Japan. „Das Plutonium in der Atomtechnischen Anlage Majak ist nicht sicher gelagert“, sagt der Rentner. „Ich kenne doch die internen Dokumente!“ sagt er, und: „Tschernobyl war ein Spaziergang gegen das, was uns aus Majak droht!“
In Deutschland tabu
Schlüge hier durch Pilotenfehler oder Terroranschlag ein Passagierflugzeug ein, das haben seine eigenen Berechnungen ergeben, dann würde nicht einmal das Spaltmateriallager der Wucht des Aufpralls standhalten: Dieses sei für einen Absturz einer 20 Tonnen schweren Flugzeug projektiert, aber große Flugzeuge wiegen ein vielfaches. „Und die fliegen doch alle paar Minuten hier vorbei, von den Flughäfen in Tscheljabinsk und Jekaterinburg!“ Schlimmer noch: Auf dem Betriebsgelände lagerten weitere 38 Tonnen Plutonium aus der Wiederaufbereitung von kommerziellem Atommüll – in einem Reaktorgebäude, das aus der Nachkriegszeit stammt. „Da kann keine Rede sein von irgendeinem Schutz.“
Der abgebrannte Kernbrennstoff aus dem Versuchsreaktor Rossendorf jedenfalls wird nun vielleicht niemals auf dem Betriebsgelände von Majak eingelagert werden. Das Problem jedoch, dass in Majak gewaltige Mengen an hochgefährlichem Atommaterial ohne jede internationale Kontrolle umgeschlagen, verarbeitet und gelagert werden, bleibt bestehen. Und andere Länder könnten wahrmachen, was in Deutschland tabu scheint: Die „unbefristete Zwischenlagerung“ von abgebranntem Kernbrennstoff in Russland – so wie es russische Gesetze erlauben und wie es von der russischen Regierung gewünscht ist. Im nächsten Jahr soll im sibirischen Krasnojarsk das erste russische Endlager in Betrieb gehen. Und wird groß genug sein für den Atommüll aus vielen Ländern.
Vielen Dank, liebe GRÜNE...
Torlin Monger (TMonger)
- 07.12.2010, 09:03 Uhr
Ich möchte am liebsten die Augen schliessen...
Marc Webber (Badrek)
- 07.12.2010, 10:01 Uhr
Wenigstens einer,
Uwe Wagner (view)
- 07.12.2010, 10:21 Uhr
Sciher ist das alles traurig uns bedenklich
Michael Scheffler (Striesner)
- 07.12.2010, 10:42 Uhr
Russland trägt der Situation des Landes Rechnung
Horst Trummler (Vandale6906)
- 07.12.2010, 12:15 Uhr
