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Veröffentlicht: 24.12.2015, 09:17 Uhr

Asyldebatte Warum der Vergleich zwischen syrischen Flüchtlingen und den Juden arglistig ist

Die Situation syrischer Flüchtlinge in Europa und Amerika mit der Judenverfolgung durch die Nazis zu vergleichen, ist in keiner Weise angemessen. Es gibt ganz legitime, nicht rassistische Gründe, über den Zustrom der Flüchtlinge besorgt zu sein. Ein Gastbeitrag.

von James Kirchick
© AP Die Integration der muslimischen Gemeinden in Europa hat kläglich versagt

Die Flut der Kriegsflüchtlinge aus Syrien und der hitzige Widerstand gegen ihre Ansiedlung in Europa und Amerika haben Kommentatoren veranlasst, Vergleiche mit der Flucht europäischer Juden zu ziehen, die vor mehr als sieben Jahrzehnten versuchten, den Nazi-Schergen zu entkommen. „Die Menschen, die syrischen Flüchtlingen die Tür vor der Nase zuschlagen, sind die gleichen, die ihre Türen 1939 vor mir und meiner Familie verschlossen“, erklärte Aryeh Neier, emeritierter Präsident des Open Society Instituts, der als Kind mit seiner Familie aus Nazi-Deutschland in das Vereinigte Königreich floh.

„Die immer lauter werdende Forderung danach, Menschen abzuweisen, die um ihr Leben fliehen, erinnert an das Schicksal der ,SS St. Louis', einem Schiff mit jüdischen Flüchtlingen, das 1939 von Florida abgewiesen wurde“, schrieb „Washington Post“-Kolumnist Dana Milbank unlängst über den „Überbietungskampf in Fremdenfeindlichkeit“, der von den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner Donald Trump, Ted Cruz und Ben Carson angezettelt wurde. Jeder von ihnen appelliert an die niedrigsten Ängste der amerikanischen Öffentlichkeit.

Es bedurfte jedoch eines Blogposts von einem Kollegen Milbanks, damit die Analogie sich viral verbreitete. Ishaan Tharoor, ein Autor des „WorldViews“-Blogs der Post, brachte zudem eine repräsentative Umfrage aus dem Jahr 1939 in die Diskussion. Darin sprachen sich 61 Prozent der Amerikaner gegen die Aufnahme von 10.000 jüdischen Flüchtlingskindern aus – zufällig die exakt gleiche Zahl, in deren Höhe sich die Obama-Regierung 2016 zur Aufnahme syrischer Flüchtlinge verpflichtet hat. Tharoor schlussfolgerte daraufhin: „Es sieht so aus, als ob heute der drei Jahre alte syrische Waise das jüdische Kind des Jahres 1939 aus Deutschland ist.“ (Im September hatte Tharoor ähnlich über die europäischen Reaktionen auf die Krise geschrieben. Damals war der Post übertitelt mit „Europas Furcht vor den Flüchtlingen erinnert an die Antisemitismus-Rhetorik der 1930er“.)

37596348 © AP Vergrößern Yasidisches Flüchtlingsmädchen in einem Lager in Mazedonien: eine Tugendhaftigkeit, die in vielem nur vorgetäuscht ist

Den Holocaust bei aktuellen politischen Debatten als Vergleich heranzuziehen ist schwierig. Trotzdem ist er – wenn man diesen Vergleich anstellen darf – in diesem Punkt immerhin angebrachter als bei der Peta-Schockkampagne „Holocaust auf deinem Teller“. Eine Kampagne, bei der die Mehrheit der Bevölkerung, die Fleisch isst, mit Himmler und Mengele gleichgesetzt wurde.

Tharoor gab später damit an, dass sein Text mit dem oben genannten Vergleich „einer der meistgelesenen Artikel unserer Website war“, der mehr als 2,5 Millionen Leser erreichte. Meine eigene Prüfung auf Social-Media-Plattformen deutet darauf hin, dass der Text ein Paradebeispiel für „virtue-signalling" geworden ist, also den Trend, sich den Anschein von Tugendhaftigkeit zu geben.

Dabei handelt es sich um ein vom Internet angestoßenes Phänomen, bei dem jemand seine moralische Überlegenheit demonstriert (oder, um es in den Worten des Autors auszudrücken, der den Terminus erfunden hat, herausstellen will, „dass er nicht rassistisch ist, sich links einordnen würde oder aufgeschlossen ist"), indem er „die richtigen Dinge mit Macht auf Twitter vertritt“.

In der Tat ist es eine notwendige Konsequenz, dass, wer den Holocaust in die strittige politische Debatte einbringt, diejenigen, die anderer Meinung sind, im besten Fall als indifferent gegenüber dem monströsen Verbrechen des rassistischen Völkermords charakterisiert. Im schlimmsten Fall wirft er ihnen vor, genau das zu befürworten.

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