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Diktatorenkinder : Assad, Kim, Gaddafi – wenn die westliche Ausbildung versagt

Damals gab es noch was zu lachen: Baschar al Assad, seine Frau Asma, und die britische Queen Elizabeth im Jahr 2002 in London. Dort hat der syrische Staatspräsident studiert. Bild: Reuters

Baschar al Assad hat in London studiert, Gaddafis Sohn wurde dort promoviert, und Kim Jong-un ging in der Schweiz zur Schule. Nutzt alles nichts! Warum werden aus Diktatorensöhnen trotzdem wieder nur neue Diktatoren?

          Wer in der Schweiz bestätigen lassen will, was ohnehin so wahrscheinlich ist, dass es alle wissen, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Noch immer, neun Jahre nach dem großen Coup.

          Es ist das Jahr 2009, noch regiert in Nordkorea Kim Jong-il, aber die Jahre mit französischem Cognac haben bei ihm Spuren hinterlassen. Der Diktator ist alt geworden, die Folgen eines Schlaganfalls machen ihm zu schaffen, die Frage nach seiner Nachfolge drängt. Kim Jong-un, der drittälteste Sohn, erscheint auf der Bildfläche, reist immer häufiger im Tross des greis wirkenden Diktators mit. Da berichten zuerst japanische, danach südkoreanische Medien, dass der kommunistische Kronprinz des verarmten Landes in der Schweiz zur Schule gegangen sein soll, und zwar auf die Steinhölzli Schule in Liebefeld, Kanton Bern.

          Schnell wird die Schule von Journalisten belagert, werden Lehrer und Schüler von Kamerateams umringt. Die zuständige Gemeindeverwaltung Köniz zieht die Reißleine und die Öffentlichkeitsarbeit an sich und gibt eine Mitteilung heraus, die lästige Fragen abbügeln soll: „Von August 1998 bis Herbst 2000 besuchte ein Jugendlicher aus Nordkorea die Schule. Er war als Sohn eines Botschaftsangestellten angemeldet. Der Schüler galt als gut integriert, fleißig und ehrgeizig. Sein Hobby war Basketball.“ Natürlich ist das Thema damit nicht erledigt.

          Die Leidenschaft für Basketball bestätigen Mitschüler und Lehrer. Die gute Integration hingegen bleibt eine Behauptung, seit sich eine Mitschülerin anonym in einer Zeitung nur an einen „aggressiven Typen“ zu erinnern vermochte, der „uns in die Schienbeine“ getreten und „uns sogar angespuckt“ habe. Dass es sich bei dem Jungen um den heutigen nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un handelte, ist fast sicher: 2012 gab die Schweizer Sonntagszeitung eine biometrische Analyse der Gesichter des jungen und älteren Kims in Auftrag. Ergebnis: eine Übereinstimmung von 95 Prozent.

          Schulklasse in Bern, angeblich mit dem jungen Kim Jong-un

          Bis heute weigern sich die Schule und die zuständige Gemeindeverwaltung zuzugeben, dass der Diktator Schüler in Liebefeld war. Selbst als in jüngster Zeit ein nahezu untrügliches Indiz hinzukam: Beim Gipfel mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in im Vorfeld des Treffens mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump wurden dem Machthaber aus Pjöngjang Rösti kredenzt, mit koreanischer Note, wie man lesen konnte. Mehr Schweiz geht nicht. Aber selbst das lässt den Sprecher der Gemeinde Köniz, Godi Huber, nicht sein Schweigegelübde brechen: „Von jeglicher weiterer Kommunikation sehen wir ab.“

          Dabei wären weitere Auskünfte über Kim Jong-uns Integrationsfähigkeiten in einer westlichen Schule sogar weltpolitisch relevant. Denn die Frage, welchen Einfluss die westliche Erziehung auf einen Diktatorenspross wie Kim hat, ist nicht abschließend beantwortet. Ist ein Diktator, der in der Schweiz zur Schule gegangen ist, durch die dortige Demokratie, die Wahrung der Menschenrechte und möglicherweise den Ausflug ins örtliche Geschichtsmuseum mit dem Geist der Freiheit infiziert? Könnte man den globalen Despotennachwuchs nicht nach Bern, Cambridge oder Salem holen, um die Vererbungslehre der Familienclans und -dynastien, die sich ganze Staaten Untertan machen und ausbeuten, ein für alle Mal zu durchbrechen? 

          Ob er seine guten Manieren in Bern gelernt hat? Jedenfalls dürften Nordkoreas Machthaber Kühe nicht fremd sein, als ehemaliger Schüler in der Schweiz.

          Die Chancen stehen nicht schlecht: „Durch den Aufenthalt in der westlichen Welt und die dortige Ausbildung erkennen sie die Defizite ihres Heimatlandes in vielen Entwicklungsbereichen“, sagt Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz. Die Frage ist aber: Schließt dieser Erkenntnisgewinn Demokratie und Menschenrechte ein, oder nehmen die Diktatorenkinder vor allem die technische und möglicherweise industrielle Rückständigkeit ihrer Heimat wahr – bleiben ansonsten aber in ihren autoritären Denkmustern stecken, die sie von Kindesbeinen an erlernt haben?

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