01.03.2006 · Neue Epoche indisch-amerikanischer Beziehungen? Nach seinem Besuch in Afghanistan ist der amerikanische Präsident in Neu Dheli eingetroffen. Hauptthema wird Indiens zivile und militärische Nutzung der Nukleartechnologie sein.
Von Matthias Rüb, WashingtonNach seinem Besuch in Afghanistan ist der amerikanische Präsident George W. Bush in Indien eingetroffen. Bush wurde am Flughafen der Hauptstadt Neu Delhi vom indischen Premierminister Manmohan Singh empfangen.
George W. Bush ist erst der fünfte amerikanische Präsident, der Indien einen Staatsbesuch abstattet. Und Bush selbst hatte es während seiner ersten Amtszeit - wegen anderer Verpflichtungen in einer unübersichtlichen Welt - nicht vermocht, der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt seine offizielle Aufwartung zu machen. Seit dem Ende des Kalten Krieges wird in Delhi wie in Washington darüber lamentiert, wie unnatürlich es sei, daß natürliche Freunde wie Indien und die Vereinigten Staaten lange nicht die gebotenen engen politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Beziehungen pflegten.
Neue Epoche für indisch-amerikanische Beziehungen?
Tatsächlich ist es vor allem Bushs Vorgänger Bill Clinton zu danken, daß das während des Kalten Krieges gewachsene Eis zwischen Delhi und Washington zu schmelzen begann. Zwar nahm Indien als Führungsmacht der Blockfreien-Bewegung formal eine neutrale Position zwischen den Supermächten Vereinigte Staaten und Sowjetunion ein. Doch die Beziehungen Delhis zu Moskau waren über Jahrzehnte hinweg deutlich herzlicher als zu Washington.
Was Clinton begonnen habe, könne Bush nun fortsetzen und tatsächlich eine neue Epoche der amerikanisch-indischen Beziehungen einleiten, heißt es in den vielen amerikanischen Kommentaren und Vorberichten auf den historischen Besuch Bushs in Indien. Daß sich an diesen auch eine Visite in Pakistan anschließt, versteht sich wegen der alten Rivalität der neuen Atommächte und wegen des Konflikts um Kaschmir von selbst.
Gute Meinung von Amerika
Auch Eisenhower, Nixon und Clinton hatten bei ihren Asienreisen sowohl Delhi wie Islamabad besucht. Indien aber ist die wichtigste Station der fünftägigen Asienreise des Präsidenten - und trotz immenser Sicherheitsvorkehrungen und der Massendemonstrationen vom Mittwoch in Delhi das den Vereinigten Staaten und sogar Bush selbst am freundlichsten gesonnene Land.
Das Washingtoner Meinungsforschungsinstitut „Pew Research Center“ ermittelte bei einer Umfrage in 15 Ländern im vergangenen Jahr in Indien einen Anteil von 71 Prozent der Befragten, die eine gute Meinung von Amerika hatten - die höchste Zustimmungsrate zur globalen Führungsmacht bei der weltweiten Erhebung überhaupt. Und bei Umfragen indischer Meinungsforschungsinstitute kurz vor dem Besuch des Präsidenten äußerten zwei Drittel der Befragten die Ansicht, Bush sei ein Freund Indiens.
Gleichsam geborene Verbündete
Dazu dürfte beitragen, daß Indien zumal seit den Anschlägen auf New York und Washington vom 11. September 2001 ein verläßlicher Partner der Vereinigten Staaten im Krieg gegen den internationalen Terrorismus ist, unter dem die Inder ebenfalls seit vielen Jahren zu leiden haben. Auch der Umstand, daß die beiden Staaten, die vor fünf Jahren ein Memorandum über „Nächste Schritte der strategischen Partnerschaft“ unterzeichneten, die bevölkerungsreichsten und dynamischsten Demokratien der Welt sind und zudem durch einen ähnlichen Unternehmergeist der Wirtschaftselite vorangetrieben werden, macht Indien und Amerika zu gleichsam geborenen Verbündeten.
Indien mit heute etwa 1,1 Milliarden Einwohnern könnte China in einigen Jahrzehnten als bevölkerungsreichstes Land der Welt überflügeln, weil die Bevölkerung Chinas wegen der Ein-Kind-Politik nicht mehr wächst. Das Wirtschaftswachstum von sieben bis acht Prozent weist Indien als eine der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften aus, auch wenn Güteraustausch und Investitionen zwischen den beiden Staaten derzeit nur zehn Prozent des Handels zwischen China und den Vereinigten Staaten ausmachen. Doch allein im vergangenen Jahr wuchsen die amerikanischen Exporte nach Indien - vor allem dank umfangreicher Aufträge an den Flugzeugbauer Boeing - um 30 Prozent, die indischen Ausfuhren in die Vereinigten Staaten - der wichtigste Kunde Indiens - nahmen um 20 Prozent zu. Bush bringt eine umfangreiche und ranghohe Wirtschaftsdelegation nach Delhi mit.
Insel demokratischer und marktwirtschaftlicher Prosperität
Zwischen der Unruheregion des Nahen Ostens, zu dessen Befriedung die Vereinigten Staaten enorme Ressourcen aufwenden, und dem kommunistischen China, einem potentiellen Rivalen amerikanischer Vorherrschaft in der Region und anderswo auf dem Erdball, ist Indien so etwas wie eine Insel demokratischer und marktwirtschaftlicher Prosperität.
Im Juni 2005 unterzeichneten die Verteidigungsminister der beiden Staaten in Washington ein historisches Abkommen zur militärischen Zusammenarbeit. Im hinduistisch geprägten Indien leben zudem etwa 150 Millionen Muslime - so viele wie in keinem anderen Land außer Indonesien -, ohne daß die indischen Muslime bisher nennenswert von der grassierenden Radikalisierung des Islams erfaßt worden wären.
Klare Trennung der Reaktoren
Das wichtigste und schwierigste Thema, das Präsident Bush und Premierminister Manmohan Singh in Delhi zu verhandeln haben, ist Indiens zivile und militärische Nutzung der Nukleartechnologie. Zu den wichtigsten Ergebnissen eines Besuchs Singhs im Juli 2005 in Washington gehörte die faktische Anerkennung Indiens als offizieller Atommacht durch die Vereinigten Staaten.
Bush versprach Singh, für den er ein Staatsbankett im Weißen Haus gab, im Kongreß auf die Aufhebung der Handelsbeschränkungen für zivile Nukleartechnologie hinzuarbeiten, die vor knapp acht Jahren wegen der erfolgreichen indischen Atomwaffentests von 1998 verhängt worden waren. Voraussetzung dafür ist die klare Trennung der insgesamt 15 indischen Atomreaktoren in jene für ausschließlich zivile Nutzung, deren Arbeit dann auch von der Internationalen Atomenergiebehörde überwacht würde, und jene für eine gemischte und mithin auch militärische Nutzung.
Kritik: Nachgeben gegenüber Amerika
Der Bau dieser „goldenen Brücke“ für Indien zur faktischen Aufnahme in die Reihe der offiziellen Atommächte, ohne vorab dem Nichtverbreitungsvertrag beigetreten zu sein, ist im Kongreß in Washington wie auch in der amerikanischen Öffentlichkeit umstritten. Dies würde ähnlichen Ansprüchen auf Sonderbehandlung etwa durch Pakistans oder auch Iran Tür und Tor öffnen, führen die Kritiker der Regierung an. Sie weisen auch darauf hin, daß Indien seinen wachsenden Energiebedarf vor allem mit Öl- und Gaslieferungen des amerikanischen Erzfeindes Iran decken will.
Bush versucht seine Politik dagegen mit dem Argument zu begründen, der von amerikanischer Technologie unterstützte Ausbau der zivilen Atomkraft in Indien werde die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen mindern und damit zur Senkung des Benzinpreises beitragen. Bis zuletzt verhandelten amerikanische und indische Gesandte in Delhi über die Einzelheiten des Übereinkommens, das auch in Indien auf Widerstand stieß, weil es als Nachgeben gegenüber Amerika und als Teilaufgabe der Souveränität über die indische Atomtechnik kritisiert wird.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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